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Neuburg

26.06.2018

Gesucht: offene Türen für eine Obdachlosenunterkunft

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Die Tore zum Grundstück an der Donauwörther Straße B64 1/8 stehen offen. Die Stadt hat das Grundstück auf dem Eon-Gelände, nahe dem Neubaugebiet Neuburg-West, von den Bayernwerken erworben. Ob eines Tages darauf tatsächlich eine Unterkunft für Obdachlose entstehen wird, ist genauso offen wie die Tore, an denen bereits der Rost nagt.
Bild: Marcel Rother

Die Bürger strömen in Scharen ins Rathaus – darin geht es um ein neues Obdachlosenheim und einen ominösen Brief. Dessen Wortwahl: „unwürdig“.

So voll war es bei einer Stadtratssitzung schon lange nicht mehr. Rund 50 Bürger drängten am Dienstag in den Publikumsbereich oder reihten sich stehend entlang der Wände auf. Was sie ins Rathaus zog: Das Obdachlosenheim auf dem Gelände der ehemaligen Lassigny-Kaserne soll mittelfristig durch ein neues ersetzt und das Thema im Stadtrat verhandelt werden.

Unterschriften gegen das Obdachlosenheim gesammelt

Bereits im Vorfeld schlugen die Gemüter hoch, als vergangene Woche bekannt wurde, dass die Stadt ein Grundstück an der Donauwörther Straße als einen von mehreren möglichen Ersatzstandorten erwägt: Die Anwohner machten dagegen mobil, ein Aktionsbündnis sammelte Unterschriften, die wurden im Rathaus vorgelegt (wir berichteten). In der Stadtratssitzung war man bemüht, die Wogen zu glätten, man will die Standortsuche nun in aller Ruhe angehen.

Ein Einwand des Aktionsbündnisses war: Die Anwohner fühlten sich über die Pläne der Stadt weder ausreichend informiert noch mitgenommen. Stadträtin Bettina Häring räumte ein: „Der Protest der Anwohner war vorprogrammiert, wir sind mit einem sehr sensiblen Thema sehr unsensibel umgegangen.“ Sie stimmte – wie die anderen Gremiumsmitglieder auch – dafür, die Entscheidung über einen geeigneten Standort zu vertagen, mögliche Ersatzstandorte erst genau zu prüfen und dann die Öffentlichkeit angemessen über die Pläne zu informieren. Der Antrag dazu kam von Alfred Hornung, der sich dafür aussprach, erst einmal das Tempo aus der Diskussion zu nehmen.

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Anwohner befürchten Gefahr durch Obdachlose

Die hatte nämlich in kürzester Zeit mächtig Fahrt aufgenommen. Vonseiten des Aktionsbündnisses wurden besorgte Eltern und abstrakte „Gefährdungen“ durch Obdachlose ins Feld geführt. Dazu Hornung: „Von Obdachlosen geht keine Gefahr aus, das hat die Vergangenheit gezeigt.“ Ein Sprecher der Polizei Neuburg bestätigte dies auf Nachfrage unserer Zeitung: „Die Statistik zeigt keinerlei Auffälligkeiten dahingehend, dass Obdachlose häufiger Straftaten begehen würden als der Rest der Bevölkerung.“ Dennoch müssten die Sorgen der Bürger ernst genommen werden – ob begründet oder nicht, ist sich Hornung im Klaren. Auf die werde man treffen, egal, an welcher Stelle ein Obdachlosenheim entstehen soll. Andererseits betonte er die Fürsorgepflicht der Stadt gegenüber in Not geratenen Bürgern: „Die Sorge für die schwächsten Mitglieder einer Gesellschaft muss größer sein als die Ängste und Bedenken.“

Gegen was sich die Stadtratsmitglieder jedoch entschieden wandten, war ein handgeschriebener Brief, der die Stadt zusätzlich zu den Unterschriften des Aktionsbündnisses erreichte. An dessen Wortwahl entzündete sich massive Kritik. Obdachlose würden als „Gammler und Zigeuner“ verunglimpft, zitierte Stadträtin Bettina Häring. „Es ist erschreckend, wie über in Not geratene Menschen geurteilt wird – erst recht in einer Wohlstandsgesellschaft wie unserer.“ „Unwürdig“, lautete ihr Fazit. Auch Christiane Heyne machte deutlich, was sie von dem Schreiben hielt: „Wir können gerne eine sachliche Diskussion führen, aber das ist nicht die Art und Weise, wie wir miteinander reden wollen“, stellte sie klar.

Das Aktionsbündnis distanziert sich von dem Brief

Nach der Stadtratssitzung sah sich der Sprecher des Aktionsbündnisses, Nicolaus Weigl, zu einer Klarstellung veranlasst. In dieser teilte er schriftlich mit: „Wir distanzieren uns ausdrücklich und nachhaltig von Inhalt, Wortwahl und dem dahinterstehenden Gedankengut des handgeschriebenen Briefes.“ Die Aktionsgemeinschaft habe weder mit dem Schreiben noch mit dem Verfasser etwas zu tun – dieser stehe auch nicht auf ihrer Unterschriftenliste. Abgesehen davon begrüße die Aktionsgemeinschaft den Beschluss des Stadtrats, nochmals in die Standortsuche einzutreten und die Bürger über deren Verlauf zu informieren.

Bis die Bagger auf dem Lassigny-Areal anrollen, werden noch Jahre vergehen. „Frühestens 2022“, schätzt Oberbürgermeister Bernhard Gmehling. Spätestens bis dann brauchen Obdachlose eine neue Bleibe. Genügend Zeit, um in aller Ruhe vernünftige Entscheidungen zu treffen.

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