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Asyl

21.05.2015

Im Land der Euro-Palette

Nooruz Khawari übt für den Gabelstapler-Schein am Berufsschulzentrum. Wie seine Mitschüler aus der BIJ-Klasse hat auch er bestanden.
Bild: Marcus Prell

Mit einem Gabelstapler-Schein will die Berufsschule die Chancen auf eine Ausbildung für Flüchtlinge verbessern

Es muss beruhigend für Ribar Kheder sein, einmal links und einmal rechts zu lenken, einige Paletten auf die Gabel zu laden und sie auf anderen abzusetzen. Trotz der Aufregung, die während der Gabelstapler-Prüfung herrscht. Es ist noch gar nicht lange her, da war Ribar nicht hinter dem Lenkrad gesessen. Er war mitten im Kriegsgebiet, im Nordirak. Als Jeside standen er und seine Familie ganz oben auf der Feindesliste der Terrortruppe des Islamischen Staats. Damals hätte die Vorstellung, mit einem Gabelstapler auf einem Schulparkplatz in Deutschland im Kreis zu fahren, geradezu lächerlich auf ihn gewirkt. Heute ist er glücklich darüber, dem Krieg und seinem Heimatland entkommen zu sein. „Zurück? Niemals“, sagt er. „Was will ich im Krieg? Ich will hier in Deutschland eine Ausbildung machen.

Ribar ist Schüler der BIJ-Klasse am Neuburger Berufsschulzentrum. Allen Flüchtlingen zwischen 16 und 24 Jahren steht das sogenannte Berufs-Integrations-Jahr seit die Schule 2013 die erste zehnte Klasse ins Leben gerufen hat, offen. Ein Jahr wird Deutsch gelernt. Nur ein Jahr, mit oder ohne Vorkenntnisse. Dann legen die Schüler ihren Hauptschulabschluss ab. Egal ob man wie Khadim Wade, Ribars Klassenkamerad, in der senegalesischen Heimat bereits Abitur abgelegt und als Schreiner gearbeitet hat. In der „internationalen Klasse“, so sagt der zuständige Lehrer Markus Baar über das Projekt, sind alle gleich.

Am tristen Mittwochmorgen sitzt Ribar mit vier seiner Klassenkameraden, Lehrer Baar, Konrektor Franz Haltmeyer und Martina Koch am eckigen Tisch eines sonst leeren Klassenzimmers. Martina Koch ist an diesem Tag die wichtige Person für die Schüler, denn sie kennt als Gabelstapler-Prüferin die Ergebnisse aus Praxis und Theorie. Sie fasst sich kurz: „Alle fünf haben bestanden. Herzlichen Glückwunsch.“ Die Runde lacht kurz auf, freut sich für und mit den Schülern. Dann werden die Urkunden verteilt.

Die Schule habe das Projekt Gabelstapler-Führerschein in kürzester Zeit ins Leben gerufen, erklärt Lehrer Baar. Es ginge darum, den Betrieben einen Anreiz zu geben, auch Flüchtlingen Ausbildungsplätze anzubieten. Die fünf Schüler zählen zu den besten ihrer Klasse. Ob alle einen Arbeitsplatz bekommen, darüber sind sich alle im Raum bewusst, ist fraglich. Denn die Betriebe haben bislang kaum Sicherheit. Zwar gab es bislang in Bayern keinen Fall, dass ein Asylbewerber während der Ausbildung abgeschoben wurde, doch sei es ohne ein „3 + 2“-Gesetz schwierig, den Unternehmern die nötige Sicherheit zu geben. Die Zeit der Ausbildung plus zwei Jahre soll staatlich garantiert und die Abschiebung ausgesetzt werden. Politiker aus allen Lagern sowie die Industrie- und Handelskammer fordern eine zügige Umsetzung.

Bislang ist nichts geschehen. Abseits der Politik versuchen deshalb die Schulen, die Ausgangslage für die Flüchtlingsklassen zu verbessern. Dass in Neuburg nun ein Gabelstapler-Kurs angeboten wird, sei sicher deutschlandweit einmalig, das weiß Konrektor Haltmeyer. Die Stiftergemeinschaft Zukunft hat das nötige Geld beigesteuert, damit die Fünf bei Martina Koch den Führerschein ablegen konnten. Jetzt hofft Haltmeyer, dass die Unternehmer aus der Region die Initiative wahrnehmen. Denn darin sind sich alle fünf Schüler einig: Jetzt wollen sie arbeiten.

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