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Symposium

01.04.2014

In seiner Heimatstadt kam Hans Döllgast nicht zum Zug

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5 Bilder
Diskussionsrunde beim Symposium im Stadttheater. Auf den Fotos im Hintergrund ist Hans Döllgast zu sehen (im linken Foto rechts stehend).

Zum 40. Todestag reflektierten elf Referenten Leben und Wirken des berühmten Architekten, der vor allem in München arbeitete

Professor-Döllgast-Straße – so ist eine Straße im Neuburger Norden gewidmet und auch in der Altstadt Amalienstraße A 56 erinnert eine Tafel an den berühmten Sohn und Ehrenbürger Hans Döllgast. Mit Blick auf die Hofkirche hat der in Bergheim geborene Sohn eines Lehrers seine Jugend verbracht, bevor er 1910 in München mit dem Architekturstudium begann. 40 Jahre ist es heuer her, dass er gestorben ist und aus diesem Anlass hatte der „Landesverein für Heimatpflege“ jetzt zum zweitägigen Symposium ins Stadttheater geladen. Betitelt war es mit dem Leitgedanken „Hans Döllgast – Gestern – Morgen“.

Elf Referenten blickten auf Leben und Wirken des bedeutenden Architekten und 120 Teilnehmer hatten sich für die Veranstaltung angemeldet: Architekten, Weggefährten, Studenten, Denkmalpfleger und Menschen, die an Hans Döllgast als herausragende Persönlichkeit der Nachkriegszeit interessiert sind.

Johann Böhm, der Vorsitzende des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege, führte in seiner Eröffnungsrede in die Absicht der Veranstaltung ein. Von Döllgast könne man lernen, wie es gelinge „Vergangenheit und Gegenwart zu verflechten, nicht zu verwischen“. Döllgast, der zwei Weltkriege unbeschadet überlebte, hätte die Gabe besessen, in der Architektur „eine neue Qualität dem Alten gegenüberzustellen und Lösungen abseits von Modeströmungen zu suchen“.

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Der Neuburger Roland Opschondek, der durch die Veranstaltung führte, hatte eine Reihe Stühle auf die Bühne gestellt, deren Entwürfe aus der Hand Döllgasts stammten. Nach weiteren Zeugnissen müsse man in Neuburg lange suchen, nur der Grabstein der Familie Bullinger trage die Handschrift Döllgasts. Die Erweiterung der Pfarrkirche von Straß plante er wohl, weil er mit Pfarrer Forster bekannt war.

Eine Gartenstadt sollte in Neuburg entstehen

Dabei war der Architekturprofessor nicht untätig, wenn es um die städtebauliche Planung in Neuburg ging. Nach dem Krieg empfahl er die Stadterweiterung in Richtung Oberhausen, auf den letzten Juraausläufern, dem Krametsberg. Eine Gartenstadt mitten im Grünen sollte dort entstehen, moderne Wohnungen und viel Platz für die Bewohner. Die Häuser sollten aus Jurakalk gebaut werden, dem Material, das dort schon im Boden lagert. Die Planungen sind im Sande verlaufen, die Stadt erweiterte nach Osten, „man schob Einwände der Regierung vor“ – so Opschondek – „Döllgast kam in Neuburg nicht zum Zug“.

In München kann man jedoch noch vieles von Döllgast sehen, wenn es auch nicht überall gelang, die Gebäude in seinem Sinne zu erhalten. Professor Michael Gaenßler zeigte zahlreiche Beispiele aus Projekten Döllgasts. Viele Kirchen und Friedhofsanlagen hat er geplant, eine Schule in Trudering und eine Wohnsiedlung in Neuhausen.

Sein wohl bekanntestes Werk ist wohl die Wiederherstellung der Alten Pinakothek. Die Lücke, die eine Sprengbombe in das klassizistische Klenze-Gebäude gerissen hat, schloss er mit Ziegeln aus Trümmerbergen. Weil er auf das Fassaden-Zierwerk verzichtete, nur die Proportionen aufnahm, ist die „Reparaturstelle“ auch heute noch gut wahrzunehmen. Den Nazis waren seine schlichten Entwürfe nicht „repräsentativ genug“, wie es in einer Begründung zu lesen ist, mit der ein Wettbewerbsentwurf für ein Parteigebäude abgelehnt worden war. Ein Glück für Döllgast. An der Technischen Universität München lehrte Döllgast Architekturzeichnung, zudem beschäftigt er sich mit Schriften, deren Bilder er neu erfindet.

Dr. Wolfgang Schmidbauer, Psychoanalytiker aus München, suchte eine Parallele zwischen Architektur und Psychologie und fand sie in dem Grundsatz „Weniger ist mehr“. Döllgast sei ein Architekt gewesen, der es geschafft hätte, mit „sparsamen Mitteln möglichst viel zu erreichen“. In der heutigen Wachstumsgesellschaft würde allerdings Einfachheit oft mit „Nostalgie“ verwechselt. In der Vielfalt der Möglichkeiten werde oft unterschätzt, dass der Mensch bei einem Störfall nicht mehr Herr der Lage sei, wie etwa in Fukushima oder bei der ewigen Baustelle Berliner Flughafen.

Gesellschaftliche Auswüchse der „maximalen Verwöhnung“ seien psychische Störungen (ADS) bei Kindern und oft auch Bewegungsunfähigkeit. „Der Größenwahn – immer schneller, größer, besser – ist nur durch Not zu begrenzen, Einsichten alleine reichen nicht“, wagte Schmidbauer einen pessimistischen Blick in die Zukunft.

Aus Döllgasts „Journal Retour“, einem tagebuchartigen dreibändigen Werk, las der in Neuburg aufgewachsene Schauspieler Winfried Frey die eigenwilligen Satzkonstrukte des Ästheten.

Der zweite Tag des Symposiums begann mit einem Film aus der legendären Reihe „Topografie“ von Dieter Wieland. In zwei Interviews hatte Wieland Hans Döllgast, den hageren Mann mit dem „etwas spröden“ Charme, zum Reden gebracht. Dieter Wieland erinnerte sich an das spartanisch eingerichtete Atelier und die vielen Zeichnungen. „Was man nicht gezeichnet hat, hat man nicht gesehen“ war Döllgasts Grundsatz. Bei aller Strenge und Funktionalität hätte er aber auch Freude an Spielereien gehabt, merkte Wieland an und erinnert sich an den Satz des Architekten: „Man gönnt der Sonne nichts zum Spielen“.

Im Film plaudert Döllgast über Wandflächen, Fenster und Proportionen, über Gebautes und Umstrittenes. Architekten sollten sich auch mit Musik oder Philosophie beschäftigen und „nicht nur philosophieren – sondern, solange man Hände hat – was machen!“

In der Tradition Döllgasts „aus der Pragmatik ästhetische Qualität gewinnen“ – vertrat der Münchner Architekt Muck Petzet sein Plädoyer für mehr Qualität und Dauerhaftigkeit in der zeitgemäßen Architektur. Viel zu viel „Funktionelles wird heute zu Müll gemacht“ wegen überzogener Vorschriften und zugunsten von Plakativität. Die größte Herausforderung für aktuelles Bauen sei es, „die Bauweise der 60er Jahre in die Zukunft zu überführen“.

In der Rubrik „Umbauen, Weiterbauen“ kamen zwei Architekten aus Landshut zu Wort, die an zwei Kirchenprojekten Döllgasts Bereinigungen und Ergänzungen vornahmen.

Der Münchner Architekt Hans Kazzer berichtete über die aufwendige Lichtführung der Alten Pinakothek, die in die Jahre gekommen sei. Jetzt versucht man, mit neuen Techniken schonend in den von Klenze geplanten und von Döllgast reparierten Bau einzugreifen.

In der abschließenden Podiumsrunde resümierten die Ergebnisse der Veranstaltung. Würde Döllgast mit dem Computer zeichnen? „Vielleicht würde er eine Zitter-App installieren“ flaxte Dieter Wieland. Wahrscheinlich würde er sich der modernen Hilfsmittel nicht verschließen, vielleicht würde er sich einer „Low-Tech“-Bewegung anschließen und mit Sicherheit würde er die „Kulissen- und Show-Architektur“ der vergangenen Jahre ablehnen.

Derartige Strömungen hätten nicht mehr lange Bestand, orakelte der Wiener Architekt Friedrich Kurrent „Einfachheit und Reduktion“ seien die Ansätze der Zukunft. Die ewige Diskussion um Energieeffizienz müssten beendet werden zugunsten einer „Vernunfts- und Qualitätsdiskussion“, darüber war man sich auf dem Podium einig. Weniger spektakulär, sondern einfach besser müsste gebaut werden, damit Gebäuden nicht schon nach kurzer Zeit die Abrissbirne droht.

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