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PFC in Neuburg

24.08.2018

Interview: Wie gefährlich sind PFC-Stoffe tatsächlich?

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Wenn PFC ins Trinkwasser gelangt, kann das für den Menschen gefährlich werden. 
Bild: Lukas Schulze/dpa

Der Münchener Professor Jörg Drewes weiß, welche Auswirkungen PFC-Stoffe haben können. Im Gespräch erklärt er, wie sie wirken.

In der Region wurden mehrere mit PFC-Stoffen belastete Stellen gefunden. Was verbirgt sich hinter diesen Stoffen?

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Prof. Dr. Jörg Drewes: Die sogenannten per- und polyfluorierten Chemikalien sind künstliche, chemische Stoffe, die nicht natürlich in der Umwelt auftreten. Mit ihnen wird schon seit mehreren Jahrzehnten in vielen Bereichen gearbeitet. Weil es sich um eine extrem stabile und belastbare chemische Verbindung handelt, wird der Stoff vielseitig eingesetzt. Man findet ihn zum Beispiel in der Teflon-Beschichtung auf vielen Bratpfannen oder in Anstrichen für Fassaden. PFC–Stoffe kommen oft auch dort vor, wo Produkte besonders staub- oder wasserabweisend sein sollten. Ein Bereich, in dem die Stoffe eingesetzt werden, ist auch Löschschaum. Dabei bildet sich durch die chemischen PFC–Stoffe im Schaum ein gleichmäßiger Wasserfilm, wodurch der Brand erstickt wird.

Das hört sich doch praktisch an. Weshalb können diese Stoffe gefährlich werden?

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Drewes: Eben weil PFC-Stoffe vielseitig eingesetzt werden, gelangen sie auch leicht in die aquatische Umwelt, also auch ins Grundwasser. Weil die Stoffe so robust sind, werden sie dort nicht auf natürliche Weise abgebaut, sondern weiter angereichert. Zu lange hat man darüber nicht nachgedacht. Durch das Wasser können die Stoffe auch in die Nahrungskette gelangen. Beim Menschen können sie ins Blut und damit in alle Organe gelangen. Erste Langzeitstudien zeigen, dass eine erhöhte Konzentration zu Krebs führen kann. Nachgewiesen sind außerdem Entwicklungsstörungen oder Darmerkrankungen. Die Wissenschaft ist sich einig, dass PFC-Stoffe giftig sein können.

Ab welcher Belastung kann PFC für den Menschen gefährlich werden?

Drewes: Nicht das Auftreten der Stoffe an sich, sondern die Dosis und Dauer ist entscheidend. Gefährlich wird es, wenn man dauerhaft Nahrungsmittel oder Wasser zu sich nimmt, die mit den Stoffen angereichert sind, oder Luft einatmet, die PFC-belastet ist. Einen generellen Grenzwert, ab welcher Konzentration PFC–Stoffe gesundheitsgefährdend sind, gibt es nicht. Es kommt immer auf die relative Menge an. Jede Verwendung muss also individuell betrachtet werden. Doch leider gibt es bisher noch wenige wissenschaftliche Studien dazu. Das Umweltbundesamt stuft Werte zwischen 0,1 und 0,3 Mikrogramm pro Liter als gefährdend ein. Die amerikanische Umweltbehörde ist sogar noch etwas konservativer bei der Einstufung. Das ist aber kein strenger Richtwert, sondern ein Vorsorgewert.

Sind auch in anderen Ländern bereits PFC-Belastungen festgestellt worden?

Drewes: Es gibt beispielsweise gut dokumentierte Studien aus den USA. In Minnesota gibt es einen Hersteller von PFC-Verbindungen, durch den die Stoffe ins Grundwasser gelangt sind. Auch in der Nähe einiger Militärbasen in den USA, auf denen PFC-Löschschaum verwendet wurde, ist die Verbindung nachgewiesen worden. Diese Fälle sind bekannt, aber ich denke, dass es auch auf vielen Militärbasen in Europa nicht anders aussieht.

Was ist zu tun, wenn der Stoff erst einmal ins Grundwasser gelangt ist?

Drewes: Die klassische Trinkwasseraufbereitung in Deutschland ist naturnah, arbeitet also ohne chemische Stoffe. Das funktioniert grundsätzlich sehr gut. Gelangen allerdings robuste chemische Stoffe, wie PFC, ins Grundwasser, funktioniert die natürliche Aufbereitung des Wassers nicht mehr. Stattdessen müssen komplexe Filterverfahren angewendet werden, mithilfe derer die PFC-Stoffe herausgefiltert werden können. Das ist deutlich teurer als die herkömmliche Aufbereitung. Und häufig sind es enorme Wassermengen, die kontaminiert sind. Es kann Generationen lang dauern, bis das Grundwasser nachweislich wieder sauberer wird. Deshalb sollten wir zusehen, dass wir die Kontamination mit PFC erst gar nicht zulassen.

Gibt es denn Alternativen zu den gesundheitsgefährdenden PFC-Stoffen?

Drewes: Echte Alternativen gibt es bislang nicht. Es wird derzeit allerdings daran gearbeitet. Wichtig ist, dass PFC–Stoffe nicht grundsätzlich verteufelt werden dürfen. Denn mit den Stoffen sind auch eine ganze Menge an Vorteilen verbunden, die uns in vielen Bereichen im täglichen Leben begegnen. Weil PFC-Stoffe zum Beispiel wasserabweisend wirken, perlt Regen von unseren Jacken. Weil sie brandlöschend wirken, lassen sich Textilmöbel entwerfen, die bei einem Brand nicht sofort in Flammen stehen. Ich denke, wir sollten uns stets fragen: Überwiegt der Vorteil im Verhältnis zu den gesundheitlichen Nachteilen? Eine Teflonpfanne beispielsweise ist bequem, ich brauche sie aber nicht unbedingt. Dennoch sollte man den Verbraucher nicht zu sehr in die Pflicht nehmen. Solange die Stoffe begrenzt eingesetzt werden und vor allem nicht in die Umwelt gelangen, kann man mit ihnen gut leben. Wichtig ist, dass wir ein Bewusstsein schaffen, dass die vielen Vorteile, die chemische Stoffe mit sich bringen, auch mit Nachteilen verbunden sein können.

Mehr Informationen zum Thema PFC

Mehr zu den aktuellen PFC-Fällen in der Region lesen Sie hier. Alle Fragen und Antworten zum Thema gibt es hier. Und einen Kommentar von Manfred Rinke zu den gefährlichen Stoffen finden Sie hier

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