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Neuburg

30.10.2020

Junge Oper Neuburg: Doppeltes Spiel mit politischer Botschaft

Nedda (Lauren Francis) verdreht gleich vier Männern den Kopf. Ihr Geliebter Silvio (David Munzinger) will sie zur gemeinsamen Flucht überreden. 
Bild: Junge Oper

Plus Die Junge Oper Neuburg inszeniert „Pagliacci“ im Stadttheater Neuburg. Es ist das letzte Stück, bevor das Theater coronabedingt wieder schließen muss.

Ist es noch Spiel oder Realität, was die Gefängnisinsassinnen da in ihrer tristen Welt geboten bekommen? Diese Frage steht im Zentrum der Verismo-Oper „Pagliacci“ von Ruggero Leoncavallo, bei der sich eine Schauspieltruppe zwischen Inszenierung und Wirklichkeit verliert. Bei der Interpretation der Jungen Oper Neuburg unter Regie von Franz Garlik wird daraus ein bildstarkes Gesangswerk, das den Darstellern einigen Mut abverlangt.

Bevor sich bei der Premiere am Donnerstagabend im Stadttheater allerdings der Vorhang hebt, nutzt Garlik den Moment für eine wichtige Botschaft. „Eigentlich äußere ich mich nie politisch“, beginnt der Regisseur und musikalische Leiter eine kurze Ansprache mit umso intensiverem Inhalt. Es sei sehr enttäuschend, dass das Theater nach diesem Wochenende schließen müsse, schließlich greife hier ein wohlüberlegtes Hygienekonzept, das keine Infektion sowohl für Schauspieler als auch Besucher zulasse. Doch nun kehre erneut eine Zwangspause für mindestens vier Wochen ein.

In „Pagliacci“ geht es drunter und drüber

So ernst der Abend begonnen hat, so schnell ändert sich die Stimmung auf der Bühne in ein heiteres Verwirrspiel. Der Ort des Geschehens ist ein Gefängnis, doch statt niederschlagender Tristesse gibt es für die Insassinnen allen Grund zur Freude. Ein Schauspieltrupp soll eintreffen und mit seiner Inszenierung die Häftlinge für gute Führung belohnen. Diese beiden Erzählebenen sind alleine durch das wohldurchdachte Bühnenbild anschaulich dargestellt: Eine riesige Leinwand verwandelt die Szene mal in eine verlassene italienische Gasse mit bröckelnden Hausfassaden, mal zeigt sie die innere Zerrissenheit der Darsteller, die sich die Freiheit der Vögel wünschen. Auf einem Baugerüst haben sich die Insassinnen, deutlich erkennbar an ihren gestreiften Kluften, positioniert und beobachten als kommentierender Chor, zeitweise als stumme Beobachter, das sich abspielende Spektakel.

Und wie es da drunter und drüber geht! Alles dreht sich um die stimmgewaltige Nedda (wie immer kraftvoll und überzeugend von Lauren Francis dargestellt), deren Mann Canio (Franz Garlik gewohnt souverän) zurecht den Ehebetrug vermutet. Das spiegelt sich auch in dem Stück der Theatergruppe wieder, das sie in der Anstalt aufführt. Hier wird Nedda zur Columbiana, ihr Geliebter ist nicht mehr Silvio, der Polizist (der ihr im wahren Leben die Sinne verdreht), sondern Harlekin.

Junge Oper: Auch zwei Pudel gehören zur Inszenierung

Die Junge Oper spiegelt dieses doppelte Spiel mit kreativen Kostümen: Gerade noch hat sich Francis im rot glitzernden Kleid präsentiert, in der Doppelrolle wird sie dann zum düstern Clown mit verwischtem Make-Up und zerfleddertem Kleid in weiß-schwarzem Tüll. Viele kleine Details, zu denen auch der Einsatz zweier putziger Pudel gehört, die plötzlich über die Bühne tollen, verraten, mit wie viel Liebe und Engagement sich die Junge Oper an die Inszenierung gemacht hat - trotz der durch Corona enorm erschwerten Probenbedingungen. Das Stück im Stück wird bald zur Realität und schließlich ist ein dramatisches Ende um die verführerische Nedda unausweichlich.

Neben den Berufsmusikern Garlik und Francis beweist auch das restliche Ensemble großen Mut in diesem komplett in Italienisch vorgetragenen Stück, allein dem Auswendiglernen des Textes in der Fremdsprache gebührt Respekt. Gesanglich überzeugen die Gefängnisinsassinnen, wenn sie im Chor singenm und überdecken so auch kleine solistische Schwächen. Seppi Dünstl in der Rolle des Tonio präsentiert einen warmen Bass und auch David Munzinger als Silvio beschert einige schöne Duettmomente, in denen er der Arie von Lauren Francis stimmliche Tiefe beisteuert.

Vorkenntnisse für das Stück „Pagliacci“ sind von Vorteil

Der Handlung zu folgen, ist trotzdem nicht an allen Stellen leicht, was vor allem an der Sprache liegt. Das Stück ist eindeutig für Erwachsene ausgelegt und sollte auch von diesen am besten mit Vorkenntnissen über den Inhalt besucht werden. Doch das Zentrale an diesem Abend ist eindeutig das Ensemble der Jungen Oper, sowohl die erwachsenen Sänger, als auch die kleinen Clowns, die im Prolog ihren Auftritt hatten, das hier noch einmal gemeinsam auf der Bühne steht, nach einjährigen Proben unter erschwerten Bedingungen und einfach nur vor Freude strahlt, dass es schlussendlich sein Stück zur Aufführung bringen durfte.

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