Newsticker
RKI: 19.185 Corona-Neuinfektionen und 67 neue Todesfälle
  1. Startseite
  2. Lokales (Neuburg)
  3. Kabarett: Tretter trettert in Schönesberg

Ehekirchen-Schönesberg

10.11.2019

Kabarett: Tretter trettert in Schönesberg

Mathias Tretter mit diesmal sichtbarem Akzent: roten Lippen.
Foto: Annemarie Meilinger

Es ist der mittlerweile fünfte Auftritt des Wortkünstlers beim Grünen Dorfkreis.

Mathias Tretter ist der Kabarettist, der beim Grünen Dorfkreis Ehekirchen bisher die meisten Auftritte hatte. Schon zum fünften Mal war er am Freitagabend im gut gefüllten Dafernersaal in Schönesberg. Das Publikum schätzt den analytischen Wortkünstler, seit er mit seinem Programm „Deutschland ein Gummibärchen“ einen Markstein in die Kabarattistenlandschaft setzte.

Scharfzüngig beschreibt er seither den Zustand der vereinigten Republik, seit einigen Jahren aus der Ost-Perspektive, denn der Würzburger wohnt mit seiner Familie in der „Hipstermetropole“ Leipzig. Dort, wo „man Adorno für den neuen Fünftürer von VW hält“, muss man jedoch inzwischen seine Bildung verstecken. Die arrogante Minderheit sieht sich einer Masse von internetgebildeten Pseudodemokraten gegenüber, da bleibt nur noch „trettern“, also nörgeln auf Tretter-Niveau.

Am besten lässt sich das beim „windowing“ machen, was eigentlich eine alte Tradition hat. Man hängt am offenen Fenster und „chattet quasi analog – interface zwischen privatem und öffentlichen Raum“. Da lässt sich munter – und durch Mauern geschützt – drauf los lästern: über die bunten Gestalten des Christopher Street Day und die Elektromobilitätswindkraftveganer, die Identitären und die Ethnopluralisten und einen trällernden Eintopf namens Helene. „Ich liebe shitstorms gegen mich“ sagt Tretter, denn wer mit Tippen beschäftigt ist, hat keine Zeit, Flüchtlingsheime anzuzünden. „Und outet sich als unzivilisierter Kotzbrocken mir zu Liebe“ – Ziel erreicht. Google, Amazon und Facebook lenken, wie wir denken, „da sind wir längst durch“. Wenn der Kühlschrank mit dem Staubsauger kommuniziert, wo bleiben wir?

Die Hirnakrobatik von Mathias Tretter gefällt dem Publikum

Mit Ansgar, dem Freund aus Studienzeiten, hat Tretter ein gemeinsames Projekt: „POP“ - die Partei ohne Partei. Nach Ansgars erfolgloser Drogenhändlerkarriere ist die Zeit reif für die Gründung von POP, die Partei für alle: Kirchenaustreter und Populisten, Bildungsbürger, Wutbürger und Hetzbürger. Die große Politik macht es schließlich vor. Amateure ohne Erfahrung wie Trump und AfD-ler mit völkischen Kernkompetenzen, Teilnehmer von Castingshows und Verschwörungstheoretiker - alle sind willkommen bei POP. Beim Gründungsparteitag leistet man sich einen Künstler, einen Kabarettisten oder sonst eine „willenlose Hure der Kulturindustrie“ – einen Kreativen halt. POP, die Partei der Gottlosigkeit, oberstes Ziel im Parteiprogramm Lebensfreude und Gelassenheit, dank Cannabis. Folge: „Mehr Sex – dann gehen uns 72 Jungfrauen am Arsch vorbei.“ Die hochgerüsteten Schützenvereine sorgen für Sicherheit und die Bundeswehr für Brauchtumspflege.

„Die Zukunft ist eingetütet“, sagt Mathias Tretter und das Publikum ist auch dieser Meinung, denn es ist begeistert von Hirnakrobatik und Hintersinn. Und warum die rotgeschminkten Lippen? „Ein Kabarettist kann sich jeden Tag neu erfinden“, dieses Mal also ein sichtbarer Akzent auf der Klappe – dort wo der Kabarettist seine Stärke hat. „Basteln war für mich schon im Kindergarten ein Horror.“

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren