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Neuburg

23.04.2019

Kiesabbau: Braucht’s das denn?

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3 Bilder
Das Kies- und Betonwerk der Firma Schimmer bei Irgertsheim.
Bild: Manfred Rinke

Plus Der Rohstoff ist gefragt. Doch den lokalen Kiesunternehmern wird der Abbau schwer gemacht. Jetzt gehen sie in die Offensive.

Die Region um Ingolstadt boomt. Es herrscht nahezu Vollbeschäftigung, die Einwohnerzahlen in den Städten und Landkreisen steigen. Das fordert die Kommunen, die neuen Wohnraum schaffen, neue Kindergärten, Schulen, Tiefgaragen, Gewerbegebiete und neue Straßen bauen müssen. Selbstverständlich ist es, dass das dafür benötigte Basismaterial, nämlich mineralische Rohstoffe wie Sand und Kies, aus denen unter anderem Beton, Ziegel oder Zement hergestellt werden, scheinbar jederzeit, ortsnah und in ausreichender Menge zur Verfügung steht. Um so unverständlicher ist es daher für die noch 15 Kiesunternehmen in der Region 10, warum ihnen durch die Politik, Behörden, einer überbordenden Bürokratie und Auflagen, die nicht mehr nachvollziehbar und kaum noch zu erfüllen sind, das Leben so schwer gemacht wird. Neun der Betriebe haben sich nun zur Initiative „Sand und Kies für unsere Region“ zusammengeschlossen. Mit den Unternehmen Rathei, Wittmann, Wanner&Märker und Schimmer gehören auch vier aus dem hiesigen Landkreis dazu. Mit ihrer Initiative wollen sie „die herausragende Bedeutung ihrer Arbeit“ ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken.

Kies, Sand und Beton wurde auch am Südpark verbaut.
Bild: Xaver Habermeier

Ohne Kies kein Bau, oder wie es Klaus Seitz, Berater und ehemaliger Geschäftsführer der Firma Schweiger in Münchsmünster ausdrückt: „Wir liefern doch nur den Bedarf.“ Zusammengeschlossen haben sich die Firmen, weil es langsam aber sicher eng wird mit der Bereitstellung des regionalen Rohstoffs, wenn kein Umdenken bei den Entscheidern einsetzt. Fünf der Betriebe aus der Region haben nur noch genehmigte Nassabbauflächen für maximal zwei Jahre. Bei den Firmen in und um Neuburg kommt wegen der extrem hohen Auflagen – nicht zuletzt wegen des Nato-Flugplatzes – das Problem der Wiederverfüllung hinzu. Dabei gibt es im Donauraum Kies in ausreichender Menge.

Ohne Regionalplan rund zwei Millionen Tonnen Kies weniger

Seitz war mit seinem Neuburger Kollegen Hans Rathei, Michael Strauch vom Bayerischen Industrieverband Baustoffe, Steine und Erden (BIV) sowie Agnes Krafft von der Medienberatung der Wirtschaft Gast in der NR-Redaktion. Sie sprachen von teilweise derart hohen Anforderungen in Genehmigungsverfahren, die einen wirtschaftlichen Kiesabbau nicht mehr möglich machen. Doppelte Ausgleichsflächen, Vorbehalte des Wasserwirtschaftsamtes, des Denkmal- und des Naturschutzes sind nur einige davon. Der Nassabbau von Kies sei aus vielerlei Gründen nicht erwünscht. Der aktuelle Regionalplan weise zudem nicht nur ungenügende Abbauflächen aus. Es handle sich häufig auch um Areale, wo sich der Abbau aus verschiedensten Gründen schlichtweg nicht lohne.

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Ob für Neubaugebiete wie das in Neuburg-West, den Straßenbau oder für den Bau von ganzen Einkaufszentren: ohne Sand, Kies und dem daraus entstehenden Beton geht da nichts.
Bild: Manfred Rinke

Werde der Regionalplan in der Region 10 nicht kurzfristig fortgeschrieben, würden in ein, zwei Jahren rund zwei Millionen Tonnen Kies aus der Versorgung vor Ort nicht mehr zur Verfügung stehen. Denn ganz neue Genehmigungsverfahren dauern bis zu fünf Jahre. Das würde bedeuten: steigende Rohstoffpreise, bis zu 100.000 Lkw-Ladungen, die jährlich über weite Strecken angefahren werden müssten und die damit einhergehende höhere Umweltbelastung durch Feinstaub und Verkehr. Da ab einer Entfernung von 50 Kilometer der Frachtpreis die Rohstoffkosten übersteige, wirke sich dies auch auf die Baukosten aus.

Kiesbauern: Negatives Bild entspricht nicht der Realität

Das Verhalten von Politik und zuständigen Behörden ist für die Kiesbauern auch deshalb unverständlich, weil sie in der breiten Bevölkerung auf Verständnis stoßen und ein gutes Ansehen haben. Das bestätigt nicht zuletzt eine vom BIV in Auftrag gegebene, repräsentative forsa-Umfrage in Bayern. Eine Erkenntnis daraus war, dass es für über drei Viertel der Befragten wichtig oder sehr wichtig ist, dass Rohstoffe wie Sand, Kies oder Naturstein auch künftig in ausreichender Menge im Freistaat gewonnen werden können. Das oft von Interessengruppen gezeichnete negative Bild entspreche jedenfalls in den wenigsten Fällen der Meinung der breiten Öffentlichkeit. Hier werde oft mit Unwissenheit oder Halbwahrheiten argumentiert, sagt Michael Strauch. Als Beispiel fügt er die immer wieder aufkeimende Forderung an, den Bedarf an Baurohstoffen durch Reycling zu decken. Von den rund neun Millionen Tonnen Bauschutt, die in Bayern jährlich anfallen, würden sieben Millionen Tonnen der Wiederverwertung im Hoch- und Tiefbau zugeführt. Damit sei die technisch mögliche und wirtschaftlich sinnvolle Grenze weitgehend erreicht. Damit könnten aber nur fünf Prozent des Rohstoffbedarfs gedeckt werden. „Es müssten ganze Städte für die Bereitstellung von Sekundärrohstoffen abgerissen werden, um in die Nähe des Gesamtbedarfs an Rohstoffen im Freistaat von etwa 150 Millionen Tonnen pro Jahr zu kommen“, verdeutlicht der Verbandsvertreter. Und: Die 890 Hektar, die jährlich für die Rohstoffgewinnung genutzt werden, entsprechen nur 0,013 Prozent der Landesfläche Bayerns.

Kiesabbau: Es werden keine Flächen versiegelt

Was auch zu wenig deutlich gemacht würde: Durch den Abbau werden keine Flächen versiegelt. Ganz im Gegenteil. Die Gruben, Steinbrüche, Weiher und verfüllten Flächen verwandeln sich in Naturschutzgebiete, Landschaftsseen, Biotope oder landwirtschaftliche Nutzflächen. Es würden häufig Lebensräume entstehen, die das Freizeit- und Naherholungsangebot gerade auch in landschaftlich strukturarmen Gebieten deutlich erhöhen würden. Nachgewiesenermaßen würde die Rohstoffgewinnung auch die Artenvielfalt fördern. „In Kiesgruben und Steinbrüchen siedelt sich schon während der Gewinnung neues Leben an. Arten, die es sonst in Bayern nicht mehr geben würde, die in ihrem Bestand hochgradig gefährdet sind“, erzählt Strauch. Viele Unternehmen der bayerischen Rohstoffgewinnung kooperierten wegen der Sicherung der Artenvielfalt beispielsweise mit dem Landesbund für Vogelschutz. 280 Pflanzen- und Vogelarten, so Strauch, würden in bayerischen Gruben und Steinbrüchen eine neue Heimat finden, 51 Vogelarten stünden sogar auf der Roten Liste Bayerns.

Natur pur: Ungestört können sich nach dem Kiesabbau Flora und Fauna am Wittmann-Weiher bei Bergheim entwickeln.
Bild: Manfred Rinke

Um ihrer Charmeoffensive um die Zukunft des Donaukies’ Nachdruck und Nachhaltigkeit zu verleihen, wird es nicht nur eine eigene Webseite geben. Wie Agnes Krafft sagt, soll auch ein neuer Prospekt des Verbandes in den Gemeinden Bayerns mit Kiesabbau großflächig verteilt werden. Wirkung und Verständnis für ihr Handeln wollen die Unternehmer zudem durch Anzeigen in der lokalen Presse sowie Begehungen mit Schulklassen zu den Produktionsstätten und zu renaturierten Flächen erreichen. Außerdem hoffen sie, weitere Mitstreiter zu finden, wie etwa die Bauinnungen. Schließlich würden an einem Arbeitsplatz in der Rohstoffgewinnung in der weiteren Verwertungskette gut 50 andere gewerbliche Arbeitnehmer dranhängen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Manfred Rinke "Nicht auf dem Kies sitzen bleiben"

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