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Ingolstadt

12.06.2019

Konstantin Wecker: „Verweigern wir die Befehle!“

Konstantin Wecker ist am 1. Juni 1947 in München geboren. Schon früh wirkte er bei einer Kinderoper mit.
Bild: Thomas Karsten

Konstantin Wecker kommt zum Kultursommer ins Neuburger Schloss. Mit unserer Zeitung spricht der 72-Jährige über Gehorsam, Poesie, Politik und Softpornos.

Herr Wecker, Sie treten im Juli in Neuburg mit Fany Kammerlander und Jo Barnikel als Trio auf. Worauf darf sich das Publikum freuen?

Konstantin Wecker: Es wird ein musikalisch sehr feinsinniges Konzert mit Jo Barnikel am Keyboard beziehungsweise am Flügel und der sensationellen Cellistin Fany Kammerlander. Es wird auch ein sehr anspruchsvolles Konzert. Und ein sehr poetisches Programm. Aber bei aller Poesie, die mir schon immer am Herzen liegt, klammere ich die politische Situation nicht aus. Denn: Ich hätte mir nie vorstellen können, dass es mal wieder so weit kommen könnte, dass ewig gestrige, bekennende Nazis ihr Maul aufreißen und Europa nationalistisch machen wollen! Gegen so etwas muss ich Stellung beziehen.

Sie waren ja schon öfter in Neuburg. Was verbinden Sie mit dieser Stadt und den Auftritten hier? Ist Ihnen irgendetwas besonders in Erinnerung geblieben?

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Wecker: Ich muss ehrlich sagen, wenn Sie seit 50 Jahren durch ganz Deutschland reisen, dann bleibt Ihnen ein bestimmter Ort nur selten genau in Erinnerung. Ich bin oft in Neuburg und Umgebung, war erst kürzlich in Ingolstadt. Ich weiß, dass ich hier ein sehr treues Publikum habe. Es fühlt sich also durchaus ein bisschen wie ein Heimspiel an.

Herr Wecker, Sie sind Musiker, Liedermacher, Komponist, Schauspieler und Autor. Was machen Sie am liebsten?

Wecker: Es ist in erster Linie die Poesie, die mich ein Leben lang angetrieben hat. Schon als Kind habe ich Gedichte geschrieben. Am liebsten stehe ich mit Poesie auf der Bühne. Mein Publikum gibt mir genauso viel Mut, wie ich hoffentlich dem Publikum gebe. Meine Zuhörer geben mir Kraft. Auf einer einsamen Berghütte würde ich wahrscheinlich zum Zyniker werden. Aber wenn ich öffentlich auftrete, sehe ich, dass es Menschen gibt, die genauso fühlen wie ich: Menschen, die die gleiche Sehnsucht haben nach einer gerechteren, herrschaftsfreien Welt.

Sie blicken auf eine lange, bunte Karriere zurück. Gibt es etwas, das Sie bereuen? Sie haben ja Anfang der 1970er Jahre auch schon in Sexfilmen mitgespielt wie dem „Krankenschwesternreport“ und „Beim Jodeln juckt die Lederhose“... Oder würden Sie das vielleicht sogar noch einmal machen?

Wecker: (lacht) Mit 72 Jahren wohl eher weniger... Das waren Softpornos, unglaublich schlechte Filme. Ich schäme mich weniger für meine Nacktheit – ich sah damals, mit Mitte 20, ja ganz gut aus – als für die Qualität der Filme. Ich war jung und brauchte das Geld... Ich halte mich generell für keinen besonders guten Schauspieler, ich hatte nur immer gute Regisseure.

Sie haben bereits zahlreiche Preise erhalten. Was bedeuten Ihnen Auszeichnungen? Und wo verstauen Sie die überhaupt alle?

Wecker: Ich habe keine Ruhmeshalle. Ich habe ein Büro mit einem wunderbaren Archivar. Dort werden die Preise aufbewahrt. Es gibt schon ein paar, die mich sehr glücklich gemacht haben, zum Beispiel der Erich-Fromm-Preis oder der Kurt-Tucholsky-Preis und die Gast-Professur an der Universität Landau. Das bestärkt mich auf meinem Weg.

Sie haben einmal gesagt „Poesie und Musik können vielleicht die Welt nicht verändern, aber sie können denen Mut machen, die sie verändern wollen.“ Was würden Sie gerne verändern?

Wecker: Ich würde das Patriarchat zum Teufel jagen! Dieses Aufbäumen unreifer Männer wie Donald Trump, Viktor Orban, Heinz-Christian Strache, Matteo Salvini und Vladimir Putin ist das letzte verzweifelte Aufbäumen des Patriarchats. Es hat versagt. Heutzutage geht es allerdings nicht mehr nur um die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen, sondern um die Gleichberechtigung aller Menschen, Tiere und Pflanzen.

Was halten Sie als politisch engagierter Mensch von der Fridays-for-Future-Bewegung?

Wecker: Sehr viel. Ich bin ja ein bekennender Anarcho! Wir müssen ungehorsam sein, wie die Schüler, die protestieren, statt in den Unterricht zu gehen. Was für ein Blödsinn, zu sagen, die Schüler sollen das am Wochenende machen. Was wäre das denn für ein Streik? Ich hoffe nur, dass diese Bewegung, die übrigens sehr von starken Frauen geprägt ist, nicht den gleichen Fehler macht, wie die der 68er und zu stark ideologisiert wird. Damals gab es eine Konterrevolution in Form des Neoliberalismus.

Und was sagen Sie zu Rezos Youtube-Video vor der Europa-Wahl und wie die CDU/CSU damit umgegangen ist?

Wecker: Wie die Politik damit umgegangen ist, war mehr als peinlich. Sie kommt damit nicht klar, weil es nicht mehr um Parteigrenzen geht, sondern um die Idee einer besseren Welt.

Wie finden Sie Youtube denn generell als Informationskanal?

Wecker: Das Video von Rezo hat mir gut gefallen, es gibt auf Youtube aber auch jede Menge Mist und Fake News. Ich bin ein Freund von Zeitungen und des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Ich finde es wichtig, dass es professionelle Journalisten gibt, die gelernt haben, wie man recherchiert und wie man schreibt. Bei manchen Kommentaren im Internet kriegt man die Krätze von diesem verbalen Dünnschiss.

Wie schätzen Sie die aktuelle politische Lage ein? Wohin entwickelt sich unsere Gesellschaft?

Wecker: Wir befinden uns auf einem guten Weg. Ich habe das Gefühl, dass die schweigende Mehrheit im Moment stärker wird. Trotzdem müssen wir unglaublich aufpassen. Wir leben in einer völlig irre gewordenen, kapitalistischen Welt. Zu wenig Menschen haben zu viel Geld – und damit zu viel Macht. Die rechtspopulistischen Parteien nennen sich die Parteien des kleinen Mannes. Aber das sind sie nicht. Sie waren immer schon die Parteien des Großkapitalismus. Die Leute müssen aufhören zu glauben, dass es ihnen besser gehen würde, wenn sie AfD wählen.

Wie sieht für Sie die perfekte Welt aus?

Wecker: Die perfekte Welt ist für mich eine herrschaftsfreie Welt, eine Welt des friedlichen, liebevollen Miteinanders – ohne Macht, ohne Militär, ohne Gehorsam. Bedingungsloser Gehorsam hat Menschen schon immer kaputtgemacht. Wieso soll irgendein Mensch auf der Welt das Recht haben, mir etwas zu befehlen? Verweigern wir die Befehle!

Konstantin Wecker kommt am Mittwoch, 17. Juli, um 20 Uhr zum Kultursommer im Neuburger Schlosshof. Wir verlosen für das Konzert von Konstantin Wecker im Schlosshof 3x2 Karten. Wer mitmachen möchte, schickt bis Mittwoch, 19. Juni, eine E-Mail an gewinnen@neuburger-rundschau.de, Stichwort „Konstantin Wecker“. Bitte unbedingt die Telefonnummer angeben. Die Gewinner werden telefonisch benachrichtigt. Viel Glück! Bitte beachten Sie die Hinweise zum Datenschutz und die Informationspflichten nach Art. 13 DSGVO unter augsburger-allgemeine.de/datenschutz oder unter Telefon 0821/777-2355.

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