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Ingolstadt

17.01.2019

Kritik von Fliesenleger: Sind Audi-Ingenieure wirklich so arrogant?

Ein Fliesenleger arbeitet nicht länger für bestimmte Berufsgruppen. Vor allem gegen Audi-Ingenieure hat er eine Abneigung entwickelt.
Bild: Sebastian Gollnow, dpa (Archiv)

Ein Fliesenleger weigert sich öffentlich, für bestimmte Berufsgruppen von Audi und Siemens zu arbeiten. Was sagen ein Ingenieur, Audi und ein Handwerker dazu?

Die Geschichte von Fliesenleger Michael Schmiedl schlägt ungeahnte Wellen. Der Fliesenlegermeister aus Riedenburg nimmt keine privaten Aufträge von Ingenieuren, Doktoranden und Professoren an, die bei Audi oder Siemens arbeiten. Diese seien seiner Ansicht nach nämlich arrogant und pedantisch, ihre Forderungen realitätsfern. Mit einer Klage seien sie schnell zur Hand. Den Ausschluss dieser ganz speziellen Kundschaft tat er bereits 2016 auf der Internetseite seiner Firma kund.

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Nun kochte der Beitrag in den (sozialen) Medien wieder hoch. Am Donnerstagabend griff auch die Sendung „Quer“ des Bayerischen Rundfunks das Thema „Sind Akademiker Besserwisser und schlechte Kunden?“ auf. Aber was sagt eigentlich die Firma Audi dazu? Was meinen Ingenieure und Handwerker aus der Region?

Bei dem Ingolstädter Automobilhersteller ist das Thema inzwischen Inhalt der Pausengespräche. „Wir haben erstmal gelacht, weil es jeder hier ein bisschen verstehen kann“, sagt ein Ingenieur aus dem Landkreis Neuburg-Schrobenhausen, der unerkannt bleiben möchte. Er ist Anfang 30, seit mehr als zehn Jahren bei Audi, fing dort als Arbeiter an. „Aber wir sind nicht alle so, es gibt auch coole Leute hier!“, betont der Ingenieur. Etwas diskriminierend seien die Vorwürfe schon, denn sicherlich gebe es auch in anderen Berufsgruppen überhebliche Menschen.

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Sind Mitarbeiter von Audi und Siemens besonders arrogant?

Warum sich gerade in den großen Firmen Audi und Siemens arrogante Mitarbeiter häufen sollen? Vielleicht liegt es an der Firmenpolitik, mutmaßt der Ingenieur. „Wir werden darauf getrimmt, alles ganz genau zu nehmen. Wenn irgendetwas nicht so läuft, sollen wir eskalieren und Probleme sofort aufzeigen.“

Er könne sich gut vorstellen, dass dieses im Beruf geforderte Verhalten dann auch auf das Privatleben abfärbe. Vor allem bei denjenigen, die nur für den Job lebten und viel Geld verdienten. „Man kann es aber auch übertreiben“, findet er. Eine Fliese am Boden eines Hauses und ein Auto, das in Serie gehe und hohen Sicherheitsanforderungen gerecht werden müsse, dürfe man nicht vergleichen. Dass das Thema publik geworden ist, hält der junge Ingenieur für gar nicht so schlecht: „Vielleicht ändert sich dadurch ja etwas.“

Die Geschichte von Fliesenlegermeister Michael Schmiedl aus Riedenburg löst eine riesige Diskussion aus.
Bild: Michael Schmiedl

Eine Pressesprecherin der Firma Audi teilt unserer Redaktion zu den Vorwürfen des Fliesenlegers kurz und knapp mit: „Unsere Mitarbeiter haben die erwähnten Dienstleistungen in ihrer Freizeit und als Privatpersonen in Anspruch genommen. In der Arbeitswelt von Audi verpflichten wir unsere Beschäftigten dazu, nach den Unternehmenswerten zu handeln: Wir alle stehen für Wertschätzung, Offenheit, Verantwortung und Integrität.“

Ein Schreiner aus dem Landkreis, der ebenfalls nicht mit seinem Namen genannt werden will, kann die Vorurteile gegenüber einigen Audi-Mitarbeitern nachvollziehen. Auch er habe schon schlechte Erfahrungen mit Mitarbeitern des Autobauers gemacht, die seine Kunden waren. Beispielsweise erinnert er sich an einen ehemaligen Audi-Mitarbeiter, der einen Hausbau in Auftrag gegeben hatte. „Der hat mir ein halbes Jahr, bevor mit dem Bau überhaupt begonnen wurde, einen Zeitplan vorgelegt, auf dem festgehalten war, an welchem Tag die Fenster eingebaut werden – das ist natürlich fern jeder Realität“, sagt der Handwerker.

"Das Problem liegt nicht an Audi, sondern am Milieu"

Er sieht das Problem aber nicht als ein Audi-spezifisches an, sondern eher als ein Milieu-spezifisches. „Problematisch sind vor allem Kunden, die gut verdienen, in einer Wohlfühlblase gefangen sind und den Blick für die Realität verloren haben“, sagt er. Und die gäbe es in einer Auto-Region wie der um Ingolstadt eben besonders gehäuft.

Im Umkreis eines BMW- oder Mercedes-Standorts sei das aber nicht anders. Kunden aus dem Planungs- und Ingenieurwesen etwa, die es gewohnt seien, über Jahre hinweg am Computer ein neues Modell zu entwickeln – mitunter mit einem Stab von hunderten Mitarbeitern – fehle es oft an der Vorstellung davon, was es für eine Schreinerei bedeute, beispielsweise einen individuell angefertigten Schrank zu entwickeln. „Das ist eine handgemachte Einzelanfertigung, an die sie mit der selben Erwartung herangehen wie an ein Massenprodukt.“

Beispiele für überzogene Erwartungen aus dem Automobilbereich kann der Handwerker viele nennen: „Wir hatten schon Kunden, die im Dezember anrufen und wollen, dass im Januar Erdarbeiten gemacht werden, obwohl der Boden noch gefroren ist – und so weiter.“ Andererseits müsse das Handwerk den Markt auch schätzen, den Audi bereitet habe. Kritische Kunden versucht der Schreiner einerseits ernst zu nehmen und andererseits davon zu überzeugen, dass gewisse Erwartungen unhaltbar seien.

Mitarbeiter, die bei Audi arbeiten, generell als Kunden auszuschließen, wie sein Kollege aus Riedenburg, käme ihm nicht in den Sinn. Für Audi selbst aber arbeitet er nicht. „Das Unternehmen ist in der Branche für Zahlungsverzögerungen und geforderte Preisnachlässe bekannt.“ Wer realistisch kalkuliere, könne die aber nicht geben.

Lesen Sie dazu den Kommentar "Nicht alle in einen Topf werfen!" von Dorothee Pfaffel.

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