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Neuburg-Schrobenhausen

09.09.2019

Landrat von der Grün: „Wir brauchen mehr Tagespflegeplätze“

Seit einem halben Jahr ist Peter von der Grün der neue Landrat im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen. Im Garten des Kreiskrankenhauses sprach er über die Herausforderungen, die eine älter werdende Bevölkerung mit sich bringt. 
Bild: Claudia Stegmann

In 15 Jahren wird in Neuburg-Schrobenhausen jeder dritte Einwohner älter als 65 Jahre alt sein. Ist man darauf vorbereitet? Ein Gespräch mit Peter von der Grün.

Herr von der Grün, wie sehen Sie den Landkreis rund um das Thema Älterwerden aufgestellt?

Peter von der Grün: Da haben wir eindeutig Bedarf. Aktuell zählen wir knapp 97.000 Einwohner, 2036 werden es wohl 104.000 Menschen sein – und davon ist dann jeder Dritte älter als 65. Schon jetzt gibt es rund 3000 Pflegebedürftige im Landkreis, davon etwa 1500 Menschen mit demenziellen Erkrankungen. In den nächsten zehn Jahren wird die Zahl der hochaltrigen Menschen stark ansteigen und damit auch die Anzahl der Menschen derer, die pflegebedürftig sind und/oder mit Demenz leben. Daran sieht man, dass wir in den nächsten Jahren noch viel tun müssen.

Wie schätzen Sie denn die aktuelle Betreuungssituation ein?

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von der Grün: Wir sind als Landkreis schon ganz gut aufgestellt. So betreiben wir mit den gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen seit 2011 den momentan einzigen Pflegestützpunkt in Oberbayern. Zudem ermöglichen wir mit der geriatrischen Fachklinik im Geriatriezentrum sowie der akutgeriatrischen Abteilung in unserem Kreiskrankenhaus in Schrobenhausen eine sehr gute medizinische Versorgung und Rehabilitation unserer älteren und pflegebedürftigen Menschen.

Was muss darüber hinaus noch getan werden?

von der Grün: Wir brauchen vor allem mehr Tagespflegeplätze und einen Ausbau der ambulanten Unterstützungsangebote, gerade auch für Menschen mit Demenz. Da gibt es einen großen Bedarf. Die Angebote, die wir im Landkreis haben, reichen nach Meinung der Fachleute in unserem Haus nicht aus. Da müssen wir mehr schaffen bzw. fördern.

Welche Möglichkeiten hat der Landkreis überhaupt, auf diesem Gebiet tätig zu werden?

von der Grün: Wenn es um stationäre Pflegeeinrichtungen geht, kann der Landkreis selber wenig machen. Unsere Aufgabe wird es sein, mit Investoren und Unternehmen zu sprechen, die solche Einrichtungen bauen und führen, und dann – falls sich ein örtlicher zusätzlicher Bedarf ergibt – auf die Kommunen zuzugehen, die entsprechende Grundstücke dafür ausweisen müssen. Der Grundsatz sollte meiner Meinung nach allerdings immer sein: Ambulant vor stationär – wobei das am Ende natürlich jeder für sich selbst entscheiden muss.

Reicht das für die Bedürfnissen einer älter werdenden Bevölkerung?

von der Grün: Ich bin der Meinung, dass wir in Zukunft mehr tun müssen. Aber im Augenblick sind uns die Hände gebunden, weil das Thema zwar zu den Aufgaben eines Landkreises gehört, aber nicht vernünftig gesetzlich geregelt ist. Deshalb hat der Kreistag unlängst eine Petition an den Bundestag weitergeleitet mit der Forderung: Definiert doch mal die klaren Zuständigkeiten und Aufgaben in diesem Bereich für die Kommunen. Das ist ja kein Landkreisproblem, sondern ein bundesweites und deshalb macht es auch Sinn, überregional und am besten bundesweit zu denken. Aber wenn von oben nichts kommt, müssen wir uns natürlich unsere eigenen Gedanken machen.

Muss sich auch etwas in unserer Gesellschaft ändern?

von der Grün: Auf jeden Fall. Unsere Kommunen werden nicht nur bunter, sondern auch älter. So wird es künftig wohl nicht möglich sein, dass alle Dienstleistungen professionell erbracht werden. Wir müssen uns – wie es der 7. Altenbericht der Bundesregierung mit einem sehr schönen Ausdruck bezeichnet – zu einer sorgenden Gemeinschaft entwickeln, in der wir professionelle Strukturen und bürgerschaftliches Engagement eng miteinander verzahnen. Eine der zentralen Herausforderungen in den nächsten Jahren wird es sein, mehr junge Menschen für die Pflegeberufe zu interessieren, damit wir als Gemeinwesen überhaupt noch in der Lage sind, die Pflege zu leisten, die die pflegebedürftigen und kranken Mitbürger benötigen. Wir erleben ja schon heute einen Pflegekräftemangel, der dazu führt, dass Versorgungsangebote eingeschränkt werden müssen, etwa dass Pflegeheimplätze nicht genutzt werden, weil die erforderlichen Fachkräfte nicht beschäftigt werden können.

Könnten Sie sich vorstellen, eines Tages Ihren Lebensabend auch in einem Altenheim zu verbringen?

von der Grün: Mein Wunsch wäre natürlich, dass ich möglichst lange in den eigenen vier Wänden mit meiner Frau alt werden kann.

Hat Ihnen der Gedanke an das Alter und Altern schon einmal Sorgen gemacht?

von der Grün: Ich bin ja erst 46, und insbesondere in den vergangenen Monaten hatte ich keine Gelegenheit, meinen Ruhestand zu planen. Ich sehe grundsätzlich positiv in die Zukunft und hoffe, auch im Alter noch möglichst fit zu sein.

Selbst einmal Pflege zu benötigen, ist das eine. Den Ehemann oder die Ehefrau zu pflegen, ist etwas anderes. Kennen Sie pflegende Angehörige?

von der Grün: Vor wenigen Wochen durfte ich bei einem unserer Ehrungsveranstaltung für verdiente Landkreisbürger Menschen für ihr Engagement auszeichnen. Und da waren auch Bürger dabei, die über viele Jahre hinweg ihren Ehemann oder ihre Ehefrau aufopferungsvoll zuhause gepflegt haben. Da weiß ich aus den Gesprächen, dass das irgendwann selbst an die Grenze der Belastbarkeit geht, weil der zu Pflegende meistens ja auch schon ein gewisses Alter hat und Pflege nicht nur mental, sondern auch körperlich sehr anstrengend ist. Das kann nicht jeder leisten.

Wie würden Sie sich eine optimale Betreuung vorstellen?

von der Grün: Natürlich würde ich gerne so lange wie möglich in unserem Haus in Bertoldsheim wohnen bleiben. Vorausgesetzt, das wäre möglich, dann bräuchten wir aber wohl jemanden, der uns einmal oder mehrmals in der Woche unterstützt – im Haushalt, bei der medizinischen Betreuung oder bei der Mobilität. Wenn sich das aber alles nicht verwirklichen lässt, dann müssten wir uns sicherlich überlegen, aus unserem Haus auf dem Land in eine kleine Wohnung in der Stadt zu ziehen. Ich kenne viele, die das so gemacht haben und gut damit fahren.

Zur Versorgung älterer Menschen gehört auch das Kreiskrankenhaus in Schrobenhausen, das sich künftig auf die Altersmedizin spezialisieren soll. Wie steht es denn um die Gesundheit dieser Einrichtung?

von der Grün: Personell steht das Kreiskrankenhaus gut da. Finanziell gibt es Handlungsbedarf. Ende 2018 lag der Jahresfehlbetrag bei 2,5 Millionen Euro. Zusammen mit der Geschäftsführung arbeiten wir daran, diese trotz der bundesweit schwierigen Rahmenbedingungen zu reduzieren. In erster Linie kommt es mir jedoch auf den Erhalt der wohnortnahen medizinischen Grundversorgung und der zahlreichen Arbeitsplätze an. Strukturell müssen wir die Spezialisierungen ausbauen, nicht nur in Richtung Altersmedizin. Wir wägen aber auch Kooperationen mit anderen Häusern etwa in Pfaffenhofen, München oder Augsburg ab. Auch zwischen dem Kreiskrankenhaus und den KJF-Kliniken Neuburg gibt es mittlerweile Gespräche darüber, auf welchen Gebieten die beiden Häuser zusammenarbeiten könnten.

Zur Person:

  • Peter von der Grün ist 46 Jahre alt und hat mit seiner Frau Silke zwei Kinder.
  • Aufgewachsen ist er in Waidhofen, sein Abitur hat er am Gymnasium in Schrobenhausen gemacht. Nach seinem Jurastudium in Augsburg hat er 2005 eine Anwaltskanzlei in Neuburg eröffnet. Seit 2009 wohnt er mit seiner Familie in Bertoldsheim.
  • Seit dem Jahr 2000 ist er Mitglied der Freien Wähler. Bei der außerordentlichen Landratswahl im März 2019 setzte er sich bei der Stichwahl gegen Mitbewerber Fridolin Gößl (CSU) durch.


Lesen Sie hier die bisherigen Sommerinterviews der Neuburger Rundschau:

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