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Neuburg

11.10.2019

Lebensmittel der Tafel: Von der Spende bis zum Kunden

Philomena Schlamp und Maria Liebhart (von links) bei der Ausgabe, heute ist Kaffee im Angebot.
Bild: Johannes Bahr

Die Neuburger Tafel unterstützt Menschen, für die ein voller Magen keine Selbstverständlichkeit ist. Damit sie Lebensmittel erhalten, sind viele Helfer nötig.

Freundlich, neugierig. Nervös. Rentner, junge Menschen und Familien. Ein Dutzend Blicke kreuzen sich vor dem Ausgaberaum der Tafel Neuburg. Heute ist Kaffee im Angebot. Besonders gefragt ist Kaffeepulver, denn viele Kunden der Neuburger Tafel haben keine Kaffeemaschine.

Mit einem Lächeln begrüßt Philomena Schlamp die Menschen vor dem Tresen, sie kennt fast alle Vornamen. Schlamp ist Vorsitzende des Vereins Tafel Neuburg, der in der Stadt und dem Umland rund 580 Menschen versorgt. Dazu zählen Sozialhilfeempfänger, Alleinerziehende, Langzeitarbeitslose. Viele sind Rentner mit minimalen Einkommen. Mit den Kunden ist auch die Anzahl Mitarbeiter auf 72 gestiegen, alle engagieren sich ehrenamtlich. Das Konzept der Tafel ist vielen bekannt. Aber nicht jedem ist bewusst, wie viele Stunden Arbeit dahinter steckt, bis die Lebensmittel bei den Menschen ankommen.

Auf dem Weg von der Spende bis zur Ausgabe sind es Christian Stolle und Klaus Batzoni, die für den ersten Schritt verantwortlich sind. Jeden Mittwoch um 7 Uhr steigen sie in den weißen Transporter mit der Aufschrift „Glücksbringer“. Als zwei von 26 Fahrern sorgen sie dafür, dass die von den Supermärkten zur Verfügung gestellten Produkte zur Tafel gelangen.

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Neuburger Tafel: Beschädigte Produkte kommen in die Mülltonne

Stolle ist vor drei Jahren über Bekannte zum Verein gekommen. Batzoni ist schon seit sechs Jahren dabei, er kommt diesen Morgen direkt von der Nachtschicht. Die beiden fahren schon länger miteinander, sie sind inzwischen ein eingespieltes Team. 53 Märkte werden von der Tafel angefahren, unter anderem in Neuburg, Karlshuld, Burgheim und Ehekirchen. Das Vorgehen ist immer dasselbe: Einer der beiden parkt und bereitet den Transporter vor, der andere geht in den Markt und gibt Bescheid. In grüne Kisten werden Obst und Gemüse verladen, in die grauen die restlichen Lebensmittel.

Christian Stolle und Klaus Batzoni (von links) laden die Lebensmittel aus dem Transporter, die sie bei den Supermärkten eingesammelt haben.
Bild: Johannes Bahr

Falls Produkte beschädigt oder sichtlich nicht mehr angeboten werden können, kommen sie direkt in die Mülltonne. Matschige Tomaten, angefaulte Paprika – nicht immer ist die Ware noch frisch. Daneben steht eine volle Kiste mit kräftig rot leuchtenden Radieschen. Es handelt sich nicht nur um Lebensmittel, deren Haltbarkeitsdaten kurz vor dem Ablauf stehen oder schon überschritten sind, viele der Waren werden nicht mehr verkauft, da die Saison vorbei ist oder sie im Sortiment übrig geblieben sind.

Neuburger Tafel: Hähnchenfleisch bleibt im Markt

In den meisten Fällen ist das Verhältnis zwischen Fahrern und Verkäufern sehr positiv, jedoch nicht immer. „Nicht jeder mag die Tafel, auch weil durch uns für die Angestellten zusätzliche Arbeit entsteht“, sagen die beiden unisono.

Süßigkeiten, Äpfel und andere Lebensmittel werden hinter einem Discounter an der Augsburger Straße in den Transporter verladen, das abgepackte Hähnchenfleisch kann dagegen nicht mitgenommen werden. Der Wagen besitzt zwar eine Kühlung, aber „die Kühlkette darf nicht unterbrochen werden“, erklärt Stolle. Damit ist das aufgetaute Fleisch raus.

Dank einer neuen Theke können die Waren inzwischen wie im Supermarkt angeboten werden.
Bild: Johannes Bahr

Nachdem die letzte Station angefahren ist, machen sich die beiden auf den Rückweg. Wichtig: Es gilt, vorsichtig zu fahren, damit hinten nichts umfällt. „Wenn dann eine volle Kiste mit Joghurt umkippt, ist das natürlich nicht so toll“, sagt Batzoni. Heute war die Ausbeute mit sieben grünen und acht grauen Kisten „eher unter dem Durchschnitt“. Wenn Märkte umgebaut werden sowie kurz nach Feiertagen, dauert die Fahrt erfahrungsgemäß länger.

Neuburger Tafel setzt auf begleitendes Einkaufen

Nach dem Ausladen ist die Schicht für die beiden zu Ende und für die Tafel-Frauen bei der Ausgabe fängt die Arbeit an. Die Lebensmittel müssen sortiert und in Regale eingeräumt werden. Die Ehrenamtlichen sortieren noch einmal nach und werfen nicht mehr frisches Obst und Gemüse in den Abfall. Täglich überprüfen sie die Qualität. Jeden Mittwoch finden zwei Ausgaben statt, die erste vormittags um 11 Uhr, die zweite am Nachmittag um 13.30 Uhr. Das sei aufgrund der hohen Anzahl an Kunden sinnvoll, um so den Vorgang zu entzerren und die Wartezeiten verkürzen zu können, erklärt Schlamp.

Im September des vergangenen Jahres hat die Tafel in Neuburg ein neues System eingeführt: das begleitende Einkaufen. „Wir waren mit der Ausgabe unzufrieden und haben beschlossen, dass sich etwas ändern muss“, sagt Schlamp und blickt zu ihren zwei Stellvertreterinnen Petra Stuber und Maria Liebhart. Beide engagieren sich schon lange beim Verein in Neuburg. Früher wurden für die Kunden Pakete mit Produkten schon im Voraus gepackt, jetzt finden die ankommenden Menschen eine Situation ähnlich zum Supermarkt vor, in dem sie von einer der Frauen begleitet durch die Reihen gehen und sich Produkte aus den Regalen aussuchen können. Das bringt mehrere Vorteile mit sich, zum einen kann so auf die Wünsche der Kunden eingegangen werden, zum anderen kommt es zu keiner Rückgabe von Lebensmitteln. Auch der Hygieneaspekt spielt eine Rolle.

Neuburger Tafel: Die Reihenfolge der Essensausgabe wird per Zufall entschieden

Aus dem Wartebereich hört man bereits einige Stimmen, man unterhält sich, es wird gelacht. Zwar öffnet die Tafel erst um 11 Uhr, doch schon eine halbe Stunde zuvor sitzen viele Kunden auf den Stühlen im vorderen Bereich und warten. Die Reihenfolge wird per Zufall entschieden, nur eine begrenzte Anzahl kann immer gleichzeitig von den fünf anwesenden Frauen begleitet werden. Jeder zieht eine Nummer und wartet, bis Fabian Heinze über Lautsprecher die Zahl aufruft. Warum er sich engagiert? „So kommt man wenigstens aus der Wohnung raus“, sagt er lachend. Der Rentner überprüft den Tafelausweis und kassiert ab. Für zwei Euro erhalten die Bedürftigen ausreichend Lebensmittel, manch einer zahlt weniger. Da Schlamp und ihr Team die meisten Kunden kennen, können sie deren Situation gut einschätzen.

Rentner Arthur Buchholz bei der Ausgabe der Tafel. Er kommt fast jeden Mittwoch und versorgt sich mit dem Wichtigsten.
Bild: Johannes Bahr

Dann geht es los, nacheinander gehen die Männer und Frauen in Begleitung durch die Gänge. Einer von ihnen ist Arthur Buchholz. Der gebürtige Berliner ist Invalidenrentner und kommt jeden Mittwoch. Sein Zuverdienst reicht nicht und wegen seiner Krankheit ist er auf die Unterstützung angewiesen. „Wirklich jeder hier ist nett und freundlich. Dafür, dass es genügend für alle gibt und dass es keinen Streit geben muss, bin ich sehr dankbar.“ Joghurt, Wurst und Honig landen im Einkaufskorb, nur bei der Gemüsetheke muss er sich zwischen Paprika und Tomaten entscheiden, da hier der Vorrat für alle begrenzt ist. „Das geht bei mir ganz schnell“, sagt Buchholz, während er sich den letzten Theken nähert. Er weiß, was er will, und was er nicht braucht.

Auch junge Familien kommen zur Neuburger Tafel

So wie ihm geht es einigen der heute gekommenen Rentner, deren Pension nicht zum Leben reicht. Neben Neuburgern treffen mittwochs auch aus den umliegenden Orten Menschen ein, teilweise werden Fahrgemeinschaften organisiert. Jeder ist von dem neuen System überzeugt: Was Philomena Schlamp und alle anderen hier auf die Beine gestellt haben, sagt eine ältere Frau, sei beeindruckend.

Schlamp hat vor eineinhalb Jahren den Vorsitz übernommen, seitdem hat sich einiges getan. Auch junge Familien sind für die Hilfe dankbar. Hamida Jahfarj und ihr Ehemann kommen aus Afghanistan. Mit den drei Kindern und den anfangs noch mangelnden Sprachkenntnissen ist die Situation nicht einfach. Sie besuchen seit zwei Jahren die Tafel. Für Schlamp ist Integration wichtig: „Natürlich kann nicht jeder unsere Sprache, aber es ist sehr wichtig, dass man es zumindest versucht, um sich unterhalten zu können.“

Neuburger Tafel: Vorurteile nicht nachvollziehbar

Die Vorurteile oder Befürchtungen gegenüber der Tafel kann sie nicht nachvollziehen. Jeder, der die Hilfe in Anspruch nehmen will, muss bestimmte Auflagen erfüllen und auch schriftlich vorlegen. Erst dann bekommt er eine Genehmigung oder den Ausweis. Dass sich der ein oder andere mehr nimmt, als er braucht, verneint Schlamp entschieden: „Es kommt niemand, der es nicht braucht.“ Vielmehr ist einigen die Tatsache, auf Hilfe angewiesen zu sein, unangenehm. Es entstehe ein Gefühl der Hilflosigkeit, der Gang koste Überwindung. Deshalb findet die Aufnahme der Neukunden am Dienstag auch nicht mehr im Wartebereich, sondern im Büro statt. Hier können Gespräche vertraulich geführt werden.

Kurz nach halb 12 verlassen auch die letzten die Ausgabe. Buchholz, Familie Jahfarj und die rund 40 anderen treten mit vollen Taschen die Heimreise an. Freilich reichen die Lebensmittel nicht für die ganze Woche, aber sie helfen als wichtige Stütze. Im Wartebereich sitzen schon die nächsten Kunden, die sich auf die Hilfe der Tafel verlassen. Um 13.30 Uhr geht es wieder los.

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