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Neuburg

14.05.2015

Mobbing: Das schlägernde Klassenzimmer

Mobbing und Gewalt prägen den Schulalltag im Problemstück „Eins auf die Fresse“. Gundolf Hunner und seine Truppe „Rampenfieber“ bringen es auf die Bühne des Stadttheaters. Unser Bild zeigt (von links): Steffi Schollinski, Fabian Sofsky, Anton Starik und Svenja Böttcher.
Bild: Xaver Habermeier

Die Theatergruppe von Gundolf Hunner liefert im Stadttheater mit „Eins auf die Fresse“ eine starke Leistung ab. Wer treibt den Schüler Matze in den Selbstmord?

Eine leidenschaftlich agierende Truppe Jugendlicher, viel Körpereinsatz und ein packendes Stück mit aufrüttelnder Botschaft: Das Stadttheater war zur Premiere von „Eins auf die Fresse“ voll mit – überwiegend jungen – Zuschauern, die sich die neue Inszenierung von „Rampenfieber“ nicht entgehen lassen wollten. Sie erlebten eine Aufführung, die ganz klar auch die Handschrift ihres Spielleiters Gundolf Hunner trägt. „Eins auf die Fresse“ ist mit viel Herzblut und Einsatz inszeniert und kommt dadurch recht authentisch rüber.

Das Szenario: Matze Erbach hat sich aufgehängt. Die Mitschüler sind schockiert, Lehrer und Eltern ratlos. Wie konnte das nur passieren? Das Stück setzt mit Matzes Beerdigung ein. Lucky, Minnie und Lana treffen sich am Sarg ihres toten Klassenkameraden. Während Lana sich noch einigermaßen respektvoll verhält, führt sich Lucky (energisch: Anton Starik) unmöglich auf und schlägt sogar auf den Sarg ein. Minnie muss ihn wegziehen, damit nichts Schlimmeres passiert.

Svenja Böttcher spielt souverän die pubertär-verwirrte Lana, die versucht dazuzugehören. Anton Starik agiert energisch und gekonnt unsympathisch, Steffi Schollinski zeigt als rotzfreche Minnie gutes Gespür für Timing.

Zu diesem Trio stößt der neue Mitschüler Sven Sommerland (glaubhaft schüchtern: Fabian Sofsky), der von Lucky direkt als neues Opfer auserkoren, herumgeschubst und verprügelt wird. Das Mobbing-Karussell beginnt sich wieder zu drehen. Lana findet Sven „nett“, Minnie bringt sie aber mit einem Trick dazu, ihn zu vergraulen. Außerdem wird Lana von Minnie erpresst und muss ihre Schuhe hergeben. Minnie weiß nämlich, dass Lanas Vater im Gefängnis sitzt und will Lucky mit ihrer Gemeinheit beeindrucken. Wenn Minnie aufmuckt, bringt Lucky sie mit der Drohung, es gebe sonst auf die Fresse, noch zum Schweigen. Einen wunden Punkt hat Lucky nämlich: Matzes Tod setzt ihm viel mehr zu, als seine harte Fassade glauben macht. Svens Versuche, sich gegen Lucky zu wehren, schlagen fehl. Svens Vater (witzig und überkandidelt: Julian Engel) denkt nur ans Kochen und ist erzieherisch ansonsten ein Totalausfall.

Über weite Strecken des Stücks gehen die nichts ahnenden Erwachsenen davon aus, dass Lucky ein „Guter“ sei. Das ist besonders brisant im Fall von Matzes Eltern, den Erbachs. Die besucht er sogar zuhause, nur um ihnen ins Gesicht zu lügen, Matze und er seien befreundet gewesen. Natalie Freese gibt überzeugend die trauernde Mutter, die wie alle zunächst nicht verstehen kann, warum der Junge sich das Leben genommen hat. Der gewalttätige Stiefvater (Peter Kaiser) fährt derweil lieber Motorrad, als sich um die Familie zu kümmern. Seine Trauer hält sich in Grenzen, Matze hielt er immer für einen Schwächling.

So erfährt der Zuschauer Stück für Stück, was zu Matzes Selbstmord geführt hat. Indem ein Puzzleteil an das andere gesetzt wird, ergibt sich mit zunehmender Spannung ein rundes Bild. Schuld ist nicht nur Lucky, schuld sind auch seine Mitschüler, die sich nicht rechtzeitig gewehrt haben. Auch die Lehrer tragen eine Mitschuld, weil sie von allem nichts mitbekommen haben und wohl auch nicht wollten.

Im Stück kam zugunsten dieser aufrüttelnden Botschaft der Realismus manchmal zu kurz. Das äußerte sich zum Beispiel in der drastischen Art, wie der Schulleiter Dr. Förster und die Klassenlehrerin Ratzenauer mit ihren Schülern redeten. Dabei blieben sie selten entspannt. Schauspielerisch und stimmlich meisterten Leo Weinzierl und Leonie Götz ihre aufbrausenden Rollen. Im echten Leben wären diese sogenannten Pädagogen aber ein Fall für die Ritalin-Pille. Die „Ratze“ zeigte mangelhaftes Einfühlungsvermögen, dafür aber einen sehr gut ausgeprägten Hang zum Sadismus, als sie etwa Sven Sommerland ankeifte, dass „Sommerland abgebrannt“ sei, wenn er sich weiter so benähme. Lucky hatte es bei seinen Streichen immer so aussehen lassen, als sei Sven schuld gewesen.

Als Lana sich schließlich mit Sven verbündet und auch Minnie den Mut aufbringt, gegen Lucky aufzustehen, wird es auf einmal eng für den sonst so coolen Typen, der mit der neuen Opferrolle und seiner Schuld nicht klarkommt. Die überraschende finale Wendung des Abends soll hier nicht verraten werden. Die Zuschauer quittierten die starke, kraftvolle Leistung des Ensembles mit Johlen und lautem Beifall. Weiter so!

Weitere Termine: 15. und 16. Mai, 20 Uhr im Stadttheater. Karten gibt es im Reisebüro Spangler (08431/8611).

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