Newsticker

Rekord bei Corona-Zahlen: 14.714 Neuinfektionen in Deutschland
  1. Startseite
  2. Lokales (Neuburg)
  3. Nach dem Tod des Kindes: Digitaler Stern leuchtet für die Familie

Neuburg

24.03.2015

Nach dem Tod des Kindes: Digitaler Stern leuchtet für die Familie

Der Sohn des Ingress-Spielers Gero stirbt an einer bislang unbekannten Krankheit. Die Spieler des Smartphone-Spiels kreieren zum Trost den Stern von Neuburg.
2 Bilder
Der Sohn des Ingress-Spielers Gero stirbt an einer bislang unbekannten Krankheit. Die Spieler des Smartphone-Spiels kreieren zum Trost den Stern von Neuburg.
Bild: Gero

Eine Familie trifft der schlimmste Schicksalsschlag - ihr kleiner Sohn stirbt. Dann leuchtet auf einmal ein Stern für sie auf - Videospieler haben ihn mit viel Aufwand erschaffen.

Den verglühenden Meteorit über Bayern haben am Sonntagabend Tausende bestaunt. Die Menschen, die ihn vom Himmel fallen sahen, sagen, er sei in strahlendem Grün durch die Nacht gereist. Tage danach schwärmen die Augenzeugen vom Himmelsphänomen.

Den „Stern von Neuburg“ sehen wenige. Nur eine Handvoll Auserwählter. Er leuchtet grün und streckt sich über einige Tage im Januar mit seinen 50, 60, später mehr als hundert Kilometer langen Strahlen quer durch Deutschland in sein Zentrum Neuburg. Diejenigen, die den Stern sehen können, werden nicht selten Nerds genannt. Computeraffine. Smartphone-Spieler.

Sie alle haben eines gemeinsam: Sie haben das Spiel „Ingress“ auf ihr Smartphone geladen und für ihren Mitspieler in seiner schwersten Lebensphase einen Stern leuchten lassen. Den „Stern von Neuburg“, den nur Ingress-Spieler sehen können. Er strahlt für den Spieler RedPeace, der außerhalb der digitalen Welt Gero heißt, und für seine Familie, die wenige Tage zuvor ein Schicksalsschlag getroffen hat. Der Tod des zweijährigen Sohnes.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Der schlimme Schicksalsschlag beginnt mit einer seltsamen Beobachtung

Gero sitzt in einem Neuburger Café. Er wirkt gelöst, schlagfertig, lebensfroh. Er überlegt, ob in der sensiblen Geschichte nur sein Spielername vorkommen soll. Also RedPeace, es gehe hier schließlich um den Stern aus der Spielwelt.

RedPeace, zusammengeschrieben, zu Deutsch: roter Friede. Er lacht, als er den Namen ausspricht. Mit dem Spielernamen schafft man sich jahrelang eine zweite Identität. Später einigen wir uns auf die Vornamen seiner Familie und Gero beginnt zu erzählen:

Die Geschichte der Krankheit setzt wenige Monate nach Loris’ Geburt ein. Alles beginnt mit einer seltsamen Beobachtung. Loris lacht nicht. Loris weint nicht. Er schreit auch nicht, wie es Kleinkinder zum Leidwesen der Eltern ständig tun.

Er mache sich schon bemerkbar, sagt der Vater. Aber geweint und gelacht wie andere Kinder, wie seine nur 20 Monate ältere Schwester, habe Loris nie. Je älter er wird, desto weniger stimmen seine Körperbewegungen mit denen gesunder Kinder überein. Später sprechen die Ärzte von einer „Muskelhypotonie“. Loris’ Muskeln bauen zu wenig Spannung auf.

Nach der Verunsicherung folgt der Schock: Nur zwölf Wochen auf der Welt trinkt das Kind immer weniger Milch. Sie gehen zum Kinderarzt, aber noch ahnen die Ärzte die Gefahr nicht. Kinder eben. Man kann nur raten, was ihnen fehlt, solange sie nicht sprechen. Doch irgendwann nimmt die Nahrungsverweigerung ein besorgniserregendes Ausmaß an. Das Kleinkind trinkt immer weniger Milch – und das bisschen, das seine Eltern ihm einflößen, spuckt er umgehend wieder aus. Die Milch will nicht in Loris’ Körper gelangen und will auch nicht dort bleiben.

Die Familie besucht einen Arzt nach dem nächsten. Erst Kinderärzte, dann das Neuburger Klinikum, später einen Experten in Münster. Loris bekommt einen Nasen-Katheter, der die bedenklich kleinen Mengen ausgleichen soll. Später, als er gar keine Nahrung mehr akzeptiert und sein Magen sogar die Notversorgung ablehnt, versetzen die Ärzte den Katheter. Erst in den Magen, dann in den Dünndarm.

Doch sein Zustand wird schlimmer. Die Störung des Magens legt sich regelmäßig auf die Lunge. Er kämpft mit Entzündungen und Fieberschüben, oft jenseits der 40 Grad.

Ärzte rätseln bis heute, warum der Zweijährige starb

Mutter Nadine kümmert sich aufopferungsvoll um den Sohn, beschreibt Gero die Situation zuhause. Er muss weiterhin seiner Arbeit nachgehen. Nicht zuletzt, weil mit der Zeit teure Umbauten anstehen und Loris bestmöglich versorgt werden soll.

Nadine telefoniert mit Ärzten, Kliniken und der Krankenkasse. Sie fährt täglich zu Therapien, Untersuchungen, Apotheken, Sanitätshäusern und versucht, Spezialisten zu finden, die vielleicht noch helfen können.

Die Ärzte sind überfragt. Sie schließen einzelne Krankheiten aus, aber eine Diagnose wird nicht gestellt. Ein Neuburger Arzt vermutet, dass das Kind unter der seltenen Krankheit „Congenital Disorders of Glycosylation“ leidet, die ein belgischer Mediziner erst Mitte der Neunzigerjahre entdeckt hat. Doch dass es sich um die Stoffwechselkrankheit handelt, bestreitet der anerkannte Spezialist in Münster nach unzähligen Untersuchungen.

 

Für die Eltern sind es Monate der Hilflosigkeit. Sie wälzen Medizinlexika, kontaktieren Ärzte, gründen eine Facebook-Gruppe und hoffen damit auf Menschen, die Ähnliches erlebt haben. Sie lesen bändeweise Literatur über Gendefekte. Soweit, bis der Vater selbst verwundert darüber ist, „wie der Mensch überhaupt funktionieren kann“. Er erinnert sich daran, wie im Sommer kurz Hoffnung aufkeimt.

Loris wirkt etwas vitaler, rollt sich hin und her – doch bald schwindet auch die letzte Lebenskraft. Anfang Januar stirbt der Sohn und die Ärzte rätseln bis heute, was wirklich im Körper des Kindes vor sich ging.

Bei dem Videospiel Ingress entstehen digitale Portale in der realen Welt

Ingress bedeutet Eintritt. Von Anfang an ist RedPeace – noch vor der Geburt seines Sohnes – über die Schwelle getreten, die unsere Realität um einen digitalen Kosmos erweitert. Im Smartphone-Zeitalter dauert der Schritt in die Parallelwelt bei guter Internetverbindung einen Klick und wenige Sekunden. Es macht den Eindruck, als ist es für ihn, wie für Kinder in den Zirkus zu gehen. Nur dass die Manege sich über die ganze Welt erstreckt.

Ingress ist komplex. Es handelt sich dabei um ein sogenanntes „Augmented-Reality-Spiel“. Ein Spiel, das unsere äußere Realität digital weiterspinnt. Läuft man durch die Obere Altstadt in Neuburg, sieht der Passant den Karlsplatz, das Rathaus, die Hofkirche. Läuft RedPeace durch die Altstadt – auf die Ingress-Landkarte im Smartphone blickend – sieht er rund 30 Portale. Eines ist der Karlsplatz, eines das Rathaus, eines die Hofkirche und so weiter. Die Portale sind Ziele, Sehenswürdigkeiten, kleine Auffälligkeiten überall auf der Welt, wo Menschen leben.

Ein Portal leuchtet entweder grün oder blau. In der Farbe der Fraktion des Spielers, der es erobert. Das Erobern funktioniert nur, wenn der Spieler sich in unmittelbarer Reichweite des Portals aufhält. Besitzt eine Fraktion mehr in ihrer Farbe leuchtende Flecken als die anderen, stärkt sie das und die Portale lassen sich miteinander verlinken. Links treten als Linien in Erscheinung. Später bilden sie die Strahlen des Sterns.

Portale gibt es überall: Der Kampf um die Portale zwischen Grün und Blau tobt auf der ganzen Welt. RedPeace gehört der grünen Fraktion an. Diese Entscheidung trifft man einmal, nachdem das Spiel installiert wurde. Dann bleibt die Fraktion meist ein Spielerleben lang.

Gero „hackt“ auf dem Weg zur Arbeit Portale für seine Fraktion, nutzt seine Mittagspause für einen Ingress-Spaziergang, er geht Umwege für das Spiel. Das spricht er aus: „Ingress ist die Kunst, Umwege zu gehen.“ Die wirklich aktiven Spieler verabreden sich dann zu Aktionen. An Portalen, an die die andere Partei eine Zeit lang nicht gelangt. In Tiergärten, kurz vor Torschluss – parallel in Nürnberg, München und Augsburg.

Wochenlang arbeiteten 50 Spieler am Stern von Neuburg

Als sein Sohn stirbt, schreibt der Vater einen kurzen Beitrag in die Ingress-Gruppe. Dort tauschen sich Spieler aus der Region über das Spiel aus und verabreden sich zu Spaziergängen vorbei an den Portalen. Er schreibt vom Tod Loris’ und dass er weniger Zeit haben wird. Es dauert nicht lange und die Ingress-Gemeinschaft setzt sich in Bewegung. Egal ob blau oder grün, dem Aufruf von René Smith aus Eichstätt, Diana Strassburg und Hans Laslop aus Neuburg folgen mehr als 50 Spieler aus der Region. Sie laufen und fahren zwei Wochen lang Portale ab.

Sie schreiben heimlich von ihrem Plan: eine Kondolenzbekundung, wie es sie in der Form noch nicht gegeben hat. Sie bereinigen die Landkarte von störenden Links, damit der Stern leuchten kann. Am Ende steht eine Abordnung Spieler vor Geros Haustür in Neuburg. Sie haben ihre Smartphones in der Hand und zeigen ihm, was außer ihnen niemand sehen kann: den „Stern von Neuburg“.

Seitdem findet Gero „Kondolenz-Keys“ vor seiner Haustür. Digitale Beileidsbekundungen von Menschen aus Hannover oder Pinneberg, die von der Geschichte gehört haben und das Portal aufsuchen. Sie legen die Schlüssel ab. Gero findet sie. Für Spaziergänger sieht alles aus wie immer. Die Menschen kennt Gero nicht. Er weiß nur, woher sie kommen und dass sie für Sekunden am Wetterstein standen, um den Schlüssel abzulegen. Er weiß nichts über sie. Nur, dass sie da waren.

Für Gero gibt es kein Davor und Danach, keine Wunderheilung durch den Stern. Die Familie leidet weiter unter Loris’ Tod. Doch die Gemeinschaft sei ein gutes Zeichen. Der Stern und die Menschen sind aus dem Nichts aufgetaucht. Wie ein grüner Meteor am Himmel über Bayern.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren