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Neuburg

08.08.2020

Nach drei Arbeitsunfällen: So kämpft eine Neuburgerin für ihr Recht

Von Stromschlägen und einem Blitzschlag getroffen worden zu sein, hat Silvia Weigl nicht zynisch gemacht.
Bild: Elisa-Madeleine Glöckner

Plus Sie erlitt zwei Stromschläge und wurde vom Blitz durchfahren: Seit mehr als acht Jahren kämpft Silvia Weigl darum, dass ihre Arbeitsunfälle anerkannt werden – bisher erfolglos. Aufgeben will die Neuburgerin aber nicht.

Als er sie traf, und er traf sie heftig, schaltete sie die Dunstabzugshaube an. Der Strom elektrisierte sie, durchdrang ihren Körper und ließ ihn zittern. „Es war wie eine Explosion“, erzählt Silvia Weigl neun Jahre später. Ihr sei übel geworden, sie habe Schmerzen im rechten Arm gehabt. Zur Arbeit ging sie weiter.

Es war Juni 2011, die Neuburgerin in einem Küchenstudio angestellt. An ebendiesem Tag, ein Samstag im Sommer, war sie alleine im Geschäft. Sie ging zu ihrem Hausarzt, der sie zwar ins Krankenhaus überwies, krankschreiben ließ sie sich aber nicht. Sie sei naiv gewesen, sagt sie heute. „Ich hatte mir so einen Verlauf gar nicht erträumen lassen.“ Einen Verlauf, so komplex, so außerordentlich, dass er rückblickend kaum greifbar scheint.

Zwei Wochen später traf Silvia Weigl aus Neuburg wieder der Schlag

Zwei Wochen später nämlich traf Silvia Weigl wieder der Schlag. Wieder am Arbeitsplatz, da saß sie im Eingangsbereich am Computer. Draußen hatte es gewittert, schildert sie, als der Blitz ins Gebäude fuhr und die damals 46-Jährige am Arm erwischte. „Es gab einen lauten Knall“, erinnert sie sich. Die Energie habe sie sehen können. Silvia Weigl fiel es schwer zu atmen, ihr Arm fühlte sich heiß an. Sie rief den Durchgangsarzt an, der sich eigentlich um Arbeitsunfälle wie diesen kümmern muss. Der aber schickte die Frau weiter zu ihrem Hausarzt. Freilich schlechter ausgestattet, behandelte dieser – das stellte sich später heraus – den rechten Arm. Verletzt war diesmal der linke.

Auf eine Klage gegen ihren Arbeitgeber wegen fehlender Sicherheit am Arbeitsplatz verzichtete Silvia Weigl, ihr Chef war damals ihr Bruder. Ohnehin habe sie gedacht, dass sich alles fügen würde. Dass sich die Verantwortlichen darum bemühen würden, die Dinge aufzuklären. Doch die Versicherungen, der TÜV, die Gebäudeinhaberin, ihr Bruder, sie alle sorgten sich nicht um die offenbar schlecht geerdeten Räume. „Ich hatte das Gefühl, dass es bagatellisiert wurde.“

Nach dem dritten Stromschlag glaubten Silvia Weigl die Ärzte nicht mehr

Da passierte es ein drittes Mal. Im Dezember 2011 bekam sie wieder einen Stromschlag in demselben Gebäude. Und die Ärzte glaubten ihr nicht mehr. „Im Nachhinein betrachtet, hätte ich in eine Fachklinik gemusst.“ Stattdessen sei ihr immer wieder gesagt worden, dass sie sich die Beschwerden nur einbilde. Vorwürfe macht Silvia Weigl allerdings nicht nur den Medizinern, die sie teilweise ausgelacht haben. Sie kritisiert auch die Arbeitsweise der zuständigen Berufsgenossenschaft für Handel und Warenlogistik, kurz BGHW. Die habe ihr eine bestmögliche Versorgung versprochen. Bekommen habe sie die nicht, nicht ein einziges Mal. Also kämpft sie um Anerkennung in der Medizin, bei den Versicherungen, vor Gericht – vergeblich. „Die Berufsgenossenschaft schwebt wie ein Schwert über allem.“

Seit 2011 ist Silvia Weigl krankgeschrieben. „Es ist kein einziger Tag vergangen, an dem ich nicht krank war.“ Eine Situation, die belastend ist. Für die Familie, die Freunde – die Finanzen. Weil sie ein Haus besitzt, gilt die inzwischen 55-Jährige als vermögend und bekommt kein Hartz IV. Die Krankenkassenbeiträge zahlen die Eltern. Immerhin, Ende November 2018, scheint sich ein Lichtblick aufzutun. Vor dem Sozialgericht in München bekommt die zweifache Mutter Recht. „Das war eine Erleichterung für mich.“ Die Wende zum Guten?

Silvia Weigl sollte rückwirkend eine Erwerbsminderungsrente erhalten

Für den zuständigen Richter Andreas Knipping war es eine der letzten Handlungen in seiner Amtskarriere. Wie er erklärt, sei Silvia Weigl für ihn eine ganz normale Rentenklägerin gewesen, „ein Fall, wie ich 300 andere im Jahr hatte“. Er habe ein Gutachten eingeholt, das ihr eine breite gesundheitliche Problematik „mit einem organischen Anteil, mit einem Anteil an einer Schmerzerkrankung und einem orthopädischen Anteil“ bescheinigte. Am Ende war das Gericht sich einig. Silvia Weigl sollte rückwirkend eine volle Erwerbsminderungsrente bekommen. Endlich. Doch der Fall entwickelte sich anders.

Nach Abschluss des sozialgerichtlichen Verfahrens, es war inzwischen Februar 2019, bekam Silvia Weigl die Akten aller drei Arbeitsunfälle von der Berufsgenossenschaft. In den Dokumenten, die den ersten Stromschlag im Jahr 2011 betreffen, fand die 55-Jährige sieben Seiten mit sensiblen Daten einer anderen, männlichen Person. Fremde Krankheiten und Diagnosen, andere Orte und Jahreszahlen, von einer landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft, nichts davon geschwärzt. Wie kann das sein?, fragt sich Silvia Weigl. Wie lassen sich Datenlöcher wie diese tolerieren, wie Schmerzen vertauschen, Menschen verwechseln? Es scheint suspekt. Auf Anfrage sagt die BGHW: „Das liegt zehn Jahre zurück und ist längst bekannt und geklärt.“ Damals sei durch den Fehler einer externen Abrechnungsstelle die Verordnung eines anderen Patienten versehentlich an eine Rechnung von Silvia Weigl geheftet worden. „Dieses Missgeschick hatte und hat keinerlei Einfluss auf das Verfahren von Frau Weigl.“

Ein Missgeschick also. Silvia Weigl findet diese Erklärung arrogant. „Das war ein Mensch“, sagt sie. Ein Mensch, der ein Recht darauf hatte, dass andere mit seinen Informationen, seiner Leidensgeschichte sorgfältig umgehen. Doch sollte es nicht das einzige Mal bleiben, dass Silvia Weigl Daten fremder Personen in ihren Dokumenten finden würde. Insgesamt lagen ihr die Bescheide, Schreiben und Rechnungen zweier Männer und einer Frau vor.

Der Fall von Silvia Weigl ging vors Landessozialgericht

Indes machte die Rentenversicherung von Rechtsmitteln Gebrauch. „Normalerweise geht die Versicherung dann nicht in Berufung“, sagt Andreas Knipping, der nach wie vor Kontakt zu Silvia Weigl pflegt. Nichtsdestotrotz endete die Renten-Sache im Juli 2020 vor dem Landessozialgericht – mit schlechtem Ergebnis für die Neuburgerin. Sie sei fähig zu arbeiten, hieß es. Irgendeine Tätigkeit, vielleicht als Pförtnerin, könne sie ausüben, mehr als sechs Stunden am Tag. Silvia Weigl schüttelt den Kopf. „Jetzt fehlen mir fünf Jahre für meine Rente“, bilanziert sie enttäuscht. Dabei habe sie lediglich auf einen Kompromiss gehofft, auf eine Aussprache, eine Mediation.

Die versuchte die 55-Jährige auch bei der Berufsgenossenschaft anzuregen, erfolglos. Mehrmals habe sie nachgefragt, wieso sie nicht operiert werde, um ihre Arbeitsfähigkeit schnell wieder herzustellen. „Ich habe niemanden Vorwürfe gemacht, ich wollte nur, dass mir jemand hilft“, sagt sie. Die Antwort der BGHW fällt auch hier ernüchternd aus: „Hierzu können wir nur sagen, dass es bei der von Frau Weigl angefochtenen Entscheidung keinen Ermessensspielraum gibt.“ Ob nämlich ein Gesundheitsschaden als Unfallfolge anerkannt wird oder nicht, diese Entscheidung werde im Rahmen strenger gesetzlicher Vorgaben getroffen. „Selbst wenn wir es wollten: Im Fall von Frau Weigl war und ist angesichts der sehr klaren, gerichtlich bestätigten Sach- und Rechtslage eine andere Entscheidung nicht möglich.“

Ein Gutachter stellte keine thermische Schädigung des Gewebes fest

Nach Gutachten der BGHW leidet Silvia Weigl lediglich an einem Karpaltunnelsyndrom. Zuletzt, schildert die verantwortliche Pressesprecherin in einem Schreiben, habe ein Gutachter am 19. Oktober 2018 festgestellt, dass eine thermische Schädigung des Gewebes nicht nachweisbar ist. Seit 2013 sei man ohnehin nicht mehr „Herr des Verfahrens“, sondern die Gerichte, heißt es dort auch. Denn das Berufungsverfahren gegen die Berufsgenossenschaft läuft nach wie vor. „Wir haben auf die Verfahrensdauer keinen Einfluss.“

Es ist ein Streit, der sich zieht, seit Jahren, zwischen David und Goliath, so scheint es. Berufsgenossenschaft und Rentenversicherung auf der einen Seite, Silvia Weigl auf der anderen. Dass der Fall alles andere als einfach sei, betont auch Ursula Gresser. Die Internistin und Rheumatologin ist außerplanmäßige Professorin für Innere Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, als Gerichtsgutachterin außerdem gefragt. Für Gutachter sei es hier nicht leicht, sagt sie, Beschwerden einer Ursache zuzuordnen. „Und Richter sind auf die medizinische Fachexpertise der Gutachter angewiesen.“

Die Aktenberge der Neuburgerin summieren sich seit Jahren

Sie selbst habe Gerichtsverfahren aller Zeitlängen kennengelernt und dabei „jedes Blatt und jede Zeile der Akten ausgewertet, um mit meinem Gutachten der Wahrheit so nahe als irgend möglich zu kommen“. So sei es bei mehrjährigen Verfahren durchaus vorgekommen, dass sie in ihrer Abrechnung nicht mehr den Seitenumfang der Akten, sondern das Gewicht in Kilogramm angegeben habe. Entscheidungsrelevante Punkte hätten sich oft in langen Schriftsätzen der Verfahrensbeteiligten oder in handschriftlichen Notizen des Pflegepersonals befunden. Wobei sie auch den Eindruck gehabt habe, dass diese Passagen von Vor-Gutachtern nicht immer gelesen oder zumindest nicht wahrgenommen wurden.

Verwechslungen, Versäumnisse, Vernachlässigung: Trotzdem scheint es, als würden sich die Fehler im Fall Weigl häufen. Die Frage drängt sich auf: Spielen die Versicherungen hier auf Zeit? „Ich würde nicht sagen, dass das bewusst so geschieht“, sagt Ursula Gresser. Doch seien die Mitarbeiter von Versicherungen nicht persönlich beteiligt, spürten nicht den Ablauf des Lebens wie ein Antragsteller und arbeiteten die Fälle am Schreibtisch ab. Für sie sei meist nicht die schnelle, sondern die erfolgreiche Erledigung das Ziel. Sie müssten die Kosten weiterer Instanzen zwar intern verantworten, aber nicht selbst bezahlen, erklärt die Expertin. „Das ist ein wesentlicher Unterschied zu einem privaten Antragsteller, selbst wenn er eine mitwirkende Rechtsschutzversicherung hat.“

Die Verletzungen seien Ideen im Kopf oder Alterserscheinigungen

Die Chronik steht für sich. 2011 wurde Silvia Weigl zwei Mal von Strom und einem Blitzschlag durchfahren. Sechs Operationen und eine Herzkartierung später sagen ihr Ärzte und Versicherungen immer noch, dass ihre Verletzungen Ideen in ihrem Kopf oder Alterserscheinungen sind. Ihren letzten Eingriff hatte sie Anfang Juli, seitdem kann sie wieder auf Krücken gehen – kann der Körper links wieder fließen, wie sie sagt. Die nächste Operation wird sich bald anknüpfen: Erst vergangene Woche erhielt Silvia Weigl die Indikation für ihren linken Ellenbogen. Sie will positiv sein, aber so fühlt es sich nicht immer an. „Ich bin wie im freien Fall.“ Aufgeben kann die 55-Jährige ebenso wenig. Was passiert sei, sagt sie, sei dafür einfach zu unglaublich gewesen. So unglaublich, dass die Erlebnisse der Neuburgerin bereits Teil der Sendung „Kontrovers“ des Bayerischen Rundfunks waren.

Nach den Erfahrungen von Ursula Gresser werden die Weichen für den Ausgang eines Verfahrens ganz am Anfang gestellt. Habe man hier keinen für das streitgegenständliche Thema wirklich guten Rechtsbeistand, sagt sie, seien Defizite im weiteren Verlauf nur noch schwer aufzuholen. Dennoch glaubt die Gerichtsgutachterin nicht, dass Silvia Weigl etwas hätte anders machen können. „Oder ein Anders-Machen hätte zum gleichen Ergebnis geführt.“ Ihre Geschichte sei ungewöhnlich – „und es war und ist für die Beteiligten schwer, den Sachverhalt einzuordnen“.

Wie es Silvia Weigl in ein paar Jahren geht, lässt sich kaum sagen

Wie es Silvia Weigl und ihrem Körper in ein paar Jahren gehen wird, lässt sich kaum sagen. Die Spät- und Langzeitfolgen von Blitz- und Stromschlaggeschädigten sind wenig erforscht. Umso mehr möchte Silvia Weigl den Vorstoß von Fred Zack unterstützen. Der stellvertretende Direktor des Instituts für Rechtsmedizin an der Universitätsmedizin Rostock setzt sich seit 1995 mit Blitzschlag-Folgen auseinander und fordert, ein Zentrum für Betroffene einzurichten.

„Nach meiner Odyssee wäre es für viele andere Menschen wohl ein Erfolg, so ein Zentrum aufsuchen zu können.“ Denn so etwas solle niemandem mehr passieren.

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