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Coronakrise

29.07.2020

Nach historischem Crash: Der Öl-Schock wirkt nach

Der Ölpreis war wegen der Folgen der Corona-Krise und einer Auseinandersetzung der Ölstaaten um die Beschränkung von Fördermengen erheblich unter Druck gekommen.
Bild: Waltraud Grubitzsch, dpa

Die Öl-Multis sind noch lange nicht am Ende, müssen sich aber umstellen. Auch wegen Corona. Der Barrel-Preis hat sich erholt, aber die Krise dauert an.

Als im Frühjahr der Preis für US-Rohöl der Sorte West Texas Intermediate (WTI) zum ersten Mal in der Geschichte ins Negative fiel, saß der Schock in der Branche tief. Fast 40 Dollar hätte man damals zwischenzeitlich draufzahlen müssen, um ein Barrel (159 Liter) loszuwerden. Dem Käufer Geld geben, damit er es nimmt? Ein Markt-Paradoxon. Der Absturz ins Negative im April hatte mit einem Terminkontrakt, einem Börsengeschäft, zu tun. Aber auch unabhängig davon war der Ölpreis wegen der Folgen der Corona-Krise – und einer Auseinandersetzung der Ölstaaten um die Beschränkung von Fördermengen – erheblich unter Druck gekommen. Hat sich die Branche seither erholt? Und wie geht es weiter?

Ökonom Manuel Frondel: "Wir haben eine Ölschwemme auf dem Markt"

Manuel Frondel, Leiter des Kompetenzbereichs Umwelt und Ressourcen am Essener Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), sagt: „Wir haben eine Ölschwemme auf dem Markt, einen Ölüberschuss von einigen Millionen Barrel pro Tag.“ Allerdings ist es nicht mehr so schlimm wie noch im Frühjahr. „Der Preis hat sich mittlerweile wieder etwas erholt. Inzwischen gibt es einen Hoffnungsschimmer, dass wir das konjunkturelle Tal durchschritten haben.“ Aber: „Alles hängt davon ab, dass der Weltwirtschaft eine zweite Corona-Welle erspart bleibt. Das würde dafür sorgen, dass der Ölpreis wieder rapide in den Keller rauscht.“

Die Ölwirtschaft ist wegen der Corona-Krise heftig unter Druck, wenn auch nicht mehr so stark wie noch im Frühjahr.
Bild: Patrick Pleul, dpa

Mittelfristig geht der Professor für Energieökonomik davon aus, dass die globale Konjunktur sich wieder belebt und mit ihr der Ölpreis ansteigt. Den berühmten „Peak of Demand“, ein Ende der Öl-Nachfrage wegen des Klimawandels und der Umstellung auf eine nachhaltigere Form des Wirtschaftens, sieht der Energie-Experte so schnell nicht. „Vor Corona ist die weltweite Nachfrage nach Öl tendenziell immer weiter angestiegen. Trotz des Klimawandels und der Wende hin zur E-Mobilität. Diese Tendenz wird sich in den nächsten Jahren fortsetzen.“ Frondel geht umgekehrt auch nicht davon aus, dass die Ölressourcen auf dem Planeten bald erschöpft wären. „Es gibt so viel Erdöl wie noch nie. Ich sehe nicht, wo uns absehbar das Öl ausgehen sollte. Wenn wir den Klimawandel ernster nehmen als jetzt, werden wir in ein paar Jahrzehnten Öl übrig haben.“ Bis sich das „träge Energiesystem“ allerdings gewandelt habe, werde es noch lange brauchen. „Wir werden noch ein, zwei Jahrzehnte sehen, in denen wir mehr und mehr Rohöl verbrauchen. Die Schwellenländer werden das treiben.“

Zwar hat die Ölindustrie erkannt, dass sie mittelfristig ihr Geschäft, etwa von Öl auf Gas, umstellen müssen. Und auch die erneuerbaren Energien spielen in der Branche längst eine Rolle. Aber, sagt Frondel: „Solange die Nachfrage weltweit tendenziell steigt, und das wird sie wieder, müssen sich die Ölriesen nicht schnell umstellen. Auch wenn die mit Sicherheit nicht schlafen.“ Und der Ölpreis-Schock vom Frühjahr habe in Ländern wie Saudi Arabien etwa, wo mit Saudi Aramco die größte Erdölfördergesellschaft der Welt ihren Sitz hat, „zu einem starken Umdenken“ geführt. Dort werde nun noch stärker darüber nachgedacht, wie man ein Leben ohne Rohöleinnahmen finanzieren kann und die Suche nach anderen Geschäftsmodellen forciert. „Die Corona-Krise hat in solchen Ländern wie ein Brandbeschleuniger gewirkt.“ Ein Ende des Ölzeitalters ist aber dennoch nicht absehbar.

DZ-Bank Analyst Gabor Vogel: "Big Oil ist unter Druck"

Das sieht auch Gabor Vogel, Analyst bei der DZ-Bank, nicht. Er analysiert die Lage so: „Big Oil ist unter Druck.“ Die Corona-Krise wirkt stärker als noch die Preisabfälle vor ein paar Jahren. Inzwischen sind die Unternehmen – als Reaktion darauf – auf der Kosten-Seite allerdings bereits „schlank“ aufgestellt. Da geht also nicht mehr viel. Vogel: „Das große Problem ist, dass die Öl-Multis über Jahrzehnte gesagt haben: ,Wir sind ein sicherer Dividendenhafen‘. Künftig wird man da aber ranmüssen. Das wird einige Investoren verschrecken.“ Die Unternehmer müssen sich anders positionieren, denn der Ölpreis wird mittelfristig nicht auf alte Höhe steigen. Vogel gibt ein Beispiel: BP habe noch Anfang des Jahres mit einem Preis von 75 US-Dollar pro Barrel kalkuliert. In den nächsten Jahrzehnten werde der Ölpreis aber tendenziell bei höchstens 55 US-Dollar pro Barrel liegen. Der Fachmann betont: „Es ist nicht davon auszugehen, dass wir schnell zur alten Normalität zurückkehren werden.“ Stichwort: Flugmarkt. Auch da dauert es noch Jahre, bis die Passagierzahlen von vor der Krise erreicht werden. V

ogel sagt: „Der Markt ist überversorgt. China – der größte Erdölimporteur weltweit – hat inzwischen seine Bestände hochgefahren. Das hat den Preis zwar stabilisiert, aber auch die Nachfrage gesättigt.“ Der Analyst erklärt aber: „Ich sehe kein Ende von Big Oil, würde die Großen nicht abschreiben. Der Peak of Demand ist noch lange nicht erreicht.“ Zugleich hätten die Unternehmen alle erkannt, dass sie ihre Strukturen ändern müssen. Aber: „Ankündigungen sind das eine. Die Frage ist: Sind sie bereit, dafür auch wirklich Geld in die Hand zu nehmen? Sprich: Die Dividende tatsächlich über einen längeren Zeitraum zu kürzen?“ Sein Fazit: „Es wird eine holprige Zeit auf dem Energie-Sektor. Die Zeiten von Preisen über 70 Dollar pro Barrel sind auf lange vorbei.“

Öl-Experte Oliver Johne: "Wir befinden uns noch immer in einer Ölpreis-Krise"

Oliver Johne ist Geschäftsführer von Futures Services. Die Firma ist ein Dienstleister im Energie-Sektor und berät die Mineralölwirtschaft seit den 80er Jahren. Johne sagt: „Der größte Ölpreis-Schock ist vorbei.“ Inzwischen sei die „Angebotsseite unter Kontrolle“. Die Opec hat die Produktion gekürzt. Ein großer Teil ist vom Markt genommen worden. „Allerdings“, betont der Berater, „befinden wir uns noch immer in einer Ölpreis-Krise.“ Was an der Nachfrage liege. Sprich: an den Corona-Folgen. Bis das Vorkrisen- niveau wieder erreicht ist, kann es dauern. Und was ist, wenn eine zweite Welle kommt? „Die Experten an den Märkten gehen davon aus“, sagt Johne, „aber die Frage ist, wie heftig wird die?“ Das kann niemand sagen. Der Öl-Experte ist sich aber sicher: „Bis 2050 wird der Bedarf an fossiler Energie steigen.“

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