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Neuburg-Schrobenhausen

28.03.2019

Neuburgs „Mister Landratsamt“ geht in Rente

Macht die Bürotüre ein letztes Mal zu: Willi Riß, Leiter Zentrale Angelegenheiten im Landratamt und lange Jahre engster Mitarbeiter von Landrat Roland Weigert, ist ab Montag offiziell in Ruhestand.
Bild: Norbert Eibel

Willi Riß, Leiter Zentrale Angelegenheiten, hat am Freitag seinen letzten Arbeitstag. Er hat „alle Stereotypen widerlegt, die man von Beamten kennt“.

Vielleicht liegt’s am Wald. Die buchstäbliche Gemütsruhe und die Ausgeglichenheit sind die wesentlichen Charaktermerkmale von Willi Riß. Schließlich ist erwiesen, der Aufenthalt im Forst stärkt das psychische Wohlbefinden und die körperliche Gesundheit. „Eigentlich bin ich kein Büromensch, ich bin ein leidenschaftlicher Waldbauer und ein Hühner- und Rosenzüchter“, sagt der Stabsstellenleiter am Landratsamt. Für die Arbeitskollegen in der Neuburger Behörde war der 66-Jährige stets die gute Seele im Amt, der immer ein offenes Ohr und für jeden ein freundliches Wort hatte. „Ich bin der Haus-, Hof-, Ehe- und Familienberater“, sagt der gelernte Landwirt scherzhaft über sich und seine empathische Ader. Doch heute ist unwiderruflich der letzte Arbeitstag von Willi Riß, am Montag beginnt ein neuer Lebensabschnitt: der Ruhestand.

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Dann hat er endlich mehr Zeit für seine grünen Hobbys und seine vier Enkelkinder, zwei Mädchen und zwei Buben. „Die werd’ ich jetzt öfter und gerne betreuen.“ Den Abschied aus dem Berufsleben hatte der „Mister Landratsamt“ sechs Monate hinausgeschoben. Vergangenen Sommer hatte der älteste Mitarbeiter der Behörde angesichts der anstehenden Landratswahl nochmals ein halbes Jahr verlängert.

2016 erklomm „Mister Landratsamt“ die letzte Stufe der Karriereleiter

Die letzte Stufe der beruflichen Karriereleiter hatte Willi Riß im Dezember 2016 mit der Ernennung zum Verwaltungsdirektor erklommen. Diese Eingruppierung im Höheren Dienst sei doch beachtlich für einen „Bauernbuben“, wie er ganz uneitel zu seiner Herkunft steht, der die Volksschule in seinem Heimatort Biesenhardt (Landkreis Eichstätt) abgeschlossen hat. In seinem Arbeitsleben hat Willi Riß viele Titel und Bezeichnungen gesammelt und getragen. Manche höchst offiziell, andere ehrenhalber oder inoffiziell. So war er zehn Jahre lang rechte und linke Hand von Roland Weigert, oder wie er es selbst sieht: „Da Hausl vom Landrat.“ Darüber hinaus wirkte er im Amt als Mediator, war Pressesprecher und Projektleiter, Büroleiter und Stabsstellenleiter. Am besten gefallen hat ihm freilich ein Titel, mit dem er im Zuge seiner Leader Plus-Tätigkeit, dem EU-Förderprogramm für den ländlichen Raum, in Formularen tituliert wurde: Superadministrator.

Neuburgs „Mister Landratsamt“ geht in Rente

Ins Berufsleben startet „Mister Landratsamt“ mit Verzögerung

Ins Berufsleben startete Willi Riß mit Verzögerung, „ich war ein Spätberufener.“ Denn eigentlich sollte er den elterlichen Hof übernehmen. „Ich habe drei Schwestern und so war der Weg klar. Dafür hat es damals auch keine weiterführende Schule gebraucht. Doch dann, in der Berufsschule, hat mir ein Lehrer geraten: Dein Hof hat keine Zukunft.“ So sah sich der junge Mann um und die Einberufung zur Bundeswehr kam ihm zunächst wie gerufen. Will Riß wollte sich in Donauwörth zum Fernmeldemechaniker ausbilden lassen. Doch weil er falsch beraten worden war, statt vier hätte er sich nachträglich acht Jahre verpflichten müssen, schwenkte er um und besuchte die Abendschule. So holte er nach dem Dienst in der Kaserne die Mittlere Reife nach. Das sei nicht immer einfach gewesen, erinnert sich Willi Riß. „Ich war der einzige, der kein Englisch konnte. Am Anfang hat der Lehrer zu mir gemeint: Das lernen sie nie.“ Hat er doch und schloss am Ende sogar mit einer Zwei ab. Auf den Geschmack gekommen, machte Willi Riß auch das Fachabitur und schloss ein Studium der Landwirtschaft an. Im Oktober 1984 trat er seinen ersten Job als Pflanzenbauberater am Amt für Landwirtschaft in Krumbach an. Weil er in Biesenhardt wohnen blieb und dort auch baute, suchte er sich nach drei Jahren einen heimatnäheren Job und wechselte ans Hopfenforschungszentrum Hüll bei Wolnzach. Nach weiteren fünf Jahren schließlich gelang ihm der entscheidende Schritt zurück zur Scholle. Zum 1. Juli 1992 wurde er Geschäftsführer beim Donaumooszweckverband im nahen Neuburg.

„Mister Landratsamt“ arbeitete mit vier Landräten zusammen

Das war die erste Verwendung am Landratsamt, viele weitere sollten folgen. Willi Riß hat mit vier Landräten zusammengearbeitet. Das vergangene halbe Jahr mit Interimschef Alois Rauscher und die letzten Wochen auch noch mit Peter von der Grün. Am längsten aber vor der Ära Roland Weigert 16 Jahre mit dem schon verstorbenen Richard Keßler. „Ich habe eine sehr gute Zeit mit ihm gehabt. Als er damals aus dem Amt ausgeschieden ist, hat er mir gleich das Du angeboten.“ Was Willi Riß auch gemacht hat, er sei immer mit vollem Elan dabei gewesen. Und: „ Ich bin ein Mensch, der sagt selten Nein.“ So kam es auch, dass er sich nie offensiv um eine Verwendung bemüht habe, „das ist immer an mich herangetragen worden.

Wer so lange so eng und vertrauensvoll mit den Landkreischefs zusammengearbeitet hat, der hat eine Menge erlebt und kann viele Anekdoten erzählen. Die Geschichte, wie Ex-Landrat und Staatssekretär Roland Weigert zu seinem Spitznamen kam, geht so: „Als Weigert 1999 als Wirtschaftsreferent im Amt angefangen hat, stand vor meiner Bürotür ein Kopierer und da hab’ ich ihn erstmals getroffen und er hat sich vorgestellt, in seiner forschen Art. Da hab’ ich gesagt, Roland passt eigentlich gar nicht zu Ihnen, eher Bruno. Und da hat er trocken gemeint: Wenn Sie meinen, sagen Sie Bruno.“ Später hat Willi Riß seinen Schabernack noch weiter getrieben. Als Weigert schon Landrat war, kam es auf einer Veranstaltung in Genua zu einer schrägen Verwechslung. „Die Italiener müssen da was missverstanden haben“, schmunzelt Riß noch heute. Die für ihn aufgestellte Tischkarte lautete nämlich auf den Namen „Il Presidente Bruno Brunetti“. Weigert hat’s ihm nicht krumm genommen, sagt vielmehr über seinen „väterlichen Freund. Die Zusammenarbeit war einzigartig. Er ist bekannt als das Orakel, seine Prognosen sind zu 80 Prozent eingetroffen.“

Am Montag geht „Mister Landratsamt“ in den Wald

Am Donnerstag, bei seinem letzten offiziellen Auftritt im Kreistag, durfte sich Willi Riß über einen langen Beifall und warme Worte von Landrat und Fraktionssprechern freuen. Auf den Punkt brachte es Werner Widuckel (SPD), „sie bestachen mit Menschlichkeit und haben alle Stereotypen, die man über Beamte kennt, widerlegt.“ Heute, Freitag, an seinem letzten Arbeitstag, tourt Willi Riß durchs Amt, um sich nach 27 Jahren gebührend von seinen Kollegen zu verabschieden. Und am Montag? „Die Zeitumstellung muss ich nicht mehr mitmachen, da bleib ich erst mal liegen. Und dann geh’ ich in den Wald.“

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