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14.06.2019

"Omas gegen Rechts": Ingolstädter basteln gegen Nazis

Seit Mai gibt es die „Omas gegen Rechts“ in Ingolstadt. Sie haben schon an zwei Demonstrationen teilgenommen und kämpfen gegen Rassismus, Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit.
Bild: Thomas Balbierer

Plus Als Kerstin Lang in Berlin einen Nazi-Aufmarsch hautnah erlebte, beschloss sie zu handeln. Sie gründete die Ingolstädter Ortsgruppe von „Omas gegen Rechts“. Besuch an einem etwas anderen Stammtisch.

An dem Holztisch eines Ingolstädter Stadtcafés herrscht am Donnerstagabend buntes Chaos. Farbpapier, Scheren, Folien und runde Metallteile liegen wild verstreut auf der Tischplatte. Auf den ersten Blick könnte es sich um die Bastelstunde eines Kindergartens handeln. Immer wieder greift eine Hand nach einem bunten Blatt und schneidet es in kleine Kreise. Es wird konzentriert geschnippelt, schließlich soll die Papierform schön rund sein. Am Tisch sitzen jedoch keine Kinder, sondern Erwachsene im Alter zwischen 52 und 77. Während sie bunte Ansteckknöpfe mit Aufschriften wie „Oma schickt mich“ fertigen, diskutieren sie über das Erstarken rechter Kräfte in Deutschland. Politik am Basteltisch.

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Kerstin Lang gründete die Gruppe, nachdem sie in Berlin einen Nazi-Aufmarsch hautnah miterlebt hatte.
Bild: Thomas Balbierer

„Ich will, dass meine Enkelkinder in einer Gesellschaft aufwachsen können, in der niemand wegen seiner Hautfarbe, seiner Religion oder seiner Sexualität diskriminiert wird“, sagt Kerstin Lang. An ihrer Bluse steckt ein roter Button, darauf zu lesen: „Omas gegen Rechts“. So heißt die Gruppe, die die 56-Jährige im Mai in Ingolstadt aus der Taufe gehoben hat. „Wir treten ein für Demokratie, Freiheit und Toleranz“, so Lang. Es sind große Worte. Für Lang sind sie jedoch sehr konkret. Als sie im vergangenen Jahr ihre Tochter in Berlin besuchte, erlebte sie einen Neonazi-Aufmarsch zum Todestag der NS-Größe Rudolf Heß hautnah. Lang entschied sich, an einer Gegendemonstration teilzunehmen. „Von den hunderten grölenden Nazis trennte uns nur eine Reihe aus Polizisten“, erinnert sie sich. Sie bekam Angst. Derartige Szenen kannte sie bis dahin nur aus dem Fernsehen. Das Erlebnis ließ sie nicht mehr los. „Es reicht nicht, zu sagen: Ich bin gegen Nazis. Man muss auch etwas tun.“

Die Bewegung "Omas gegen Rechts" gründete sich 2007 in Wien

Die Bewegung „Omas gegen Rechts“ gründete sich 2017 in Wien und gewann rasch an Popularität. Mit Häkelmützen auf dem Kopf und Protestschildern in der Hand nehmen die Seniorinnen (und Senioren) an Demonstrationen teil. In einem Grundsatztext der Gruppe heißt es: „Mit augenfälliger Symbolik erheben ältere Frauen, sogenannte Omas, ihre Stimme zu den gefährlichen Problemen und Fragestellungen der heutigen Zeit.“ Die Symbolik kommt an. Anfang 2018 erreichte die Initiative Deutschland. Inzwischen gibt es allein in Bayern sieben Regionalgruppen: in Rosenheim, München, Dachau, Nürnberg, Würzburg, Aschaffenburg und Ingolstadt.

"Omas gegen Rechts": Ingolstädter basteln gegen Nazis

An zwei Demonstrationen hat die rund 30-köpfige Gruppe von Kerstin Lang bereits teilgenommen. In Ingolstadt protestierten sie gegen eine Tagung der geschichtsrevisionistischen Gruppe „Zeitgeschichtliche Forschungsstelle Ingolstadt“, deren Mitglieder die Verbrechen des NS-Regimes verharmlosen. In München liefen sie bei einer proeuropäischen Kundgebung mit. Der nächste Termin steht schon fest: Am 21. Juli wollen die Omas in Greding gegen den Landesparteitag der AfD Stimmung machen.

Die ursprünglich 100 Anstecker der Ingolstädter "Omas gegen Rechts" waren schnell vergriffen

Dort werden sie wieder ihre bunten Buttons verteilen. Die seien bei anderen Demonstranten so beliebt, dass von ursprünglich 100 Ansteckern keiner mehr übrig war, so Kerstin Lang. Nachschub produzieren die Ingolstädter am Donnerstag in Vronis Ratschhaus. Auch die 70-jährige Claudia Koark schneidet fleißig runde Papierformen aus. Die frühere Lehrerin hat sehr persönliche Gründe, sich gegen Rechtsextremismus zu engagieren. Sie hat jüdische Vorfahren, ihre Großeltern mussten während des Nationalsozialismus im Untergrund leben. „Im braunen Reich hätte ich keine Lehrerin werden können“, sagt Koark. Ihr Großvater, ein Rechtsanwalt, starb in einem Arbeitslager des Konzentrationslagers Mauthausen. Er hatte einen spendensammelnden Hitlerjungen abgewiesen, erzählt Koark. „Ich habe wenig über das Schicksal meiner Großeltern gewusst.“ Erst seit Kurzem beschäftige sie sich mit der Aufarbeitung ihrer Familiengeschichte. Derzeit wertet sie Akten ihrer Großmutter aus, die das Dritte Reich überlebte und nach dem Krieg um eine Entschädigung kämpfen musste. Dass Neonazis, wie am 1. Mai im sächsischen Plauen, wieder offen durch Städte marschieren, macht Claudia Koark fassungslos. „Wehret den Anfängen“, warnt sie.

Der Bundesverfassungsschutz geht für das Jahr 2017 von 24..000 Rechtsextremisten in Deutschland aus. Rund 20..000 Straftaten waren von rechts motiviert. Das Spektrum rechtsextremer Gruppen ist breit, teilweise unstrukturiert und reicht von radikalen Einzelpersonen bis zu politischen Parteien. Der Verfassungsschutz sieht beispielsweise bei dem „Flügel“, einer Teilorganisation der AfD, Anhaltspunkte für Bestrebungen „gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung“. Das Beispiel der AfD, da sind sich die Ingolstädter „Omas gegen Rechts“ einig, zeige, dass rechte Ideen bis zur Mitte der Gesellschaft vordringen würden. Die Partei sitzt im Bundestag und in allen deutschen Landesparlamenten.

Auch Omas haben eine Stimme und können sie erheben

Dagegen wollen die „Omas gegen Rechts“ ankämpfen. Sie nutzen dabei das Oma-Klischee, um unbequeme Wahrheiten anzusprechen. Ihr Einsatz gegen Rassismus, Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit wirkt auch dank eines Überraschungseffekts. „Omas gelten als nett und freundlich. Sie waschen, kochen, putzen und kümmern sich um die Enkel“, sagt Kerstin Lang. „Aber auch Omas haben eine Stimme und können sie erheben.“ Andere Mitstreiterinnen glauben, dass Omas eine sanfte Autorität besitzen würden.

Wolfgang Nördlinger ist am Donnerstag der einzige Mann am Basteltisch.
Bild: Thomas Balbierer

Dass sich Großmütter aus der Politik heraushalten sollten, glaubt an dem Holztisch im Café niemand. Im Gegenteil: Kerstin Lang, die bei den nächsten Kommunalwahlen für die SPD antreten will, spürt Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft. „Omas müssen ganz besonders an die nächsten Generationen denken. Sie tragen Verantwortung für ihre Kinder, Enkel und Urenkel.“

Wer würde einer Oma da schon widersprechen?

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