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Medizin

23.04.2015

Operation Foshan

Professor Michael Wenzl will TCM am Klinikum etablieren.
Bild: Harald Jung

Professor Michael Wenzl, der Leiter der Unfallchirurgie, will am Klinikum Traditionelle Chinesische Medizin etablieren. Das würde eine Lücke im Gesundheitswesen schließen

Wenn ein Arzt im Klinikum einem Patienten das gebrochene Handgelenk ohne Betäubung einrenken würde, „dann wäre ganz sicher eine Schadensersatzklage fällig“, weiß Professor Michael Wenzl. Der Leiter der Unfallchirurgie am Klinikum Ingolstadt hat unlängst aber gesehen, dass so etwas praktiziert wird. Und zwar mit großem Erfolg und auch ganz ohne Wehklagen.

Wenzl bekam diesen auch für ihn ziemlich beeindruckenden Anschauungsunterricht während der China-Reise einer Ingolstädter Delegation vor wenigen Wochen in die neue Partnerstadt Foshan. Dort hat der versierte Unfallchirurg an zwei Tagen seinen chinesischen Kollegen über die Schulter geschaut. Foshan hat das größte Unfallkrankenhaus in Südchina. Pro Jahr werden dort 11000 Operationen durchgeführt und 90000 Fälle stationär behandelt. Weitere 3,8 Millionen Patienten suchen im gleichen Zeitraum die ambulanten Kliniken auf. Niedergelassene Ärzte gibt es in China nicht. Wer krank ist, muss ins Krankenhaus gehen und sich dort untersuchen lassen. Die Medikamente gibt es nur gegen Barkasse – ein Gesundheitssystem, wie wir in Deutschland es haben, kennt man in China nicht. Aber diese Strukturen interessierten den Chefarzt aus Ingolstadt weniger.

Wenzl stand an zwei Besuchstagen mit in den Operationssälen, begleitete die Kollegen dort bei der Visite und nahm an Konferenzen teil, in denen besonders komplizierte Fälle besprochen wurden. Von den Operateuren hat er einen hervorragenden Eindruck mit nach Hause genommen. „Ich würde jeden von denen morgen einstellen.“ Vom Standard der Bettenstationen war er weniger beeindruckt. Das Gebäude sei ziemlich veraltet und die Betten in den Dreibettzimmern nicht zeitgemäß.

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Was in dem Chefarzt eine „ziemliche Euphorie“ ausgelöst hat, das sind die in Foshan auch in der Unfallchirurgie weit verbreiteten Behandlungsformen nach der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Westliche Schulmedizin habe in Foshan zwar einen extrem hohen Standard, werde dort allerdings nur angewandt, wenn die teils seit Jahrtausenden in China angewandten Methoden nicht ausreichend oder wenig Erfolg versprechend seien.

„Die machen sehr viel auf pflanzlicher Basis und vor allem viel Akupunktur“, erzählt Wenzl. Vor allem Chroniker und Schmerzpatienten würden lediglich mit Nadeln behandelt, oft 100 Patienten an einem Tag. „Die Chinesen wissen sehr viel über Schmerzpunkte und Energiebahnen im Körper.“ Das weckt auch in Europa immer mehr Interesse in der Bevölkerung: „Wir haben einen enormen Run auf alternative Heilmethoden“, weiß Wenzl und fügt an: „Der Zulauf bei den Heilpraktikern ist enorm!“

Deshalb möchte Wenzl jetzt medizinisches Wissen aus China möglichst schnell am Klinikum Ingolstadt ansiedeln. Schon nächste Woche wird die erste Videokonferenz mit Medizinern aus Foshan abgehalten. Zunächst nur zum „Hallo sagen“, aber gleich danach sollen regelmäßig schwierige Fälle ausgetauscht werden.

Und die Geheimnisse der TCM sollen Ärzte aus dem Reich der Mitte bringen. Die will Wenzl über ein Austauschprogramm nach Ingolstadt holen und seine Ärzte in China hospitieren lassen. Vielleicht wird das gebrochene Handgelenk auch im Klinikum bald ohne Betäubung eingerenkt.

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