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Ingolstadt

18.11.2019

Retter der Lüfte - im Einsatz mit der Crew

Das Cockpit von Christoph 32: rechts sitzt der Pilot, links der TC Hems.
Bild: Luzia Grasser

Plus Wenn Christoph 32 abhebt, dann geht es oft um Leben oder Tod. Der Ingolstädter Rettungshubschrauber ist seit über 28 Jahren am Klinikum stationiert.

Einsatz Nr. 1414 war „ein schöner Einsatz“. Notärztin Angelika Grünes hat ein leichtes Lächeln auf den Lippen, als sie zurück in den Hubschrauber klettert. „Schöne Einsätze“ gehören eher nicht zu ihrem Alltag. Doch an diesem nebligen Vormittag ist es anders. Ein älterer Mann war im Supermarkt kollabiert, Unterzucker. Panik im Supermark, irgendwer wählte den Notruf. Sechs Minuten später war Grünes da. Hat dem Mann Glucose gespritzt, kurz drauf war er schon wieder auf den Beinen. Ein „schöner Notfall“, sagt Grünes, sei es, wenn der Vorfall auf Außenstehende zwar dramatisch wirke, sie aber mit einer Routinebehandlung sofort helfen könne. Wie im Supermarkt in Lenting. Doch oft ist es anders. Oft geht es um Leben und Tod.

Notärztin Angelika Grünes, Pilot Silvio Lucignano und TC Hems Markus Heier (von links) sind eine Crew des ADAC-Rettungshubschraubers Christoph 32.
Bild: Luzia Grasser

Zwei Stunden vorher saß sie noch mit ihren Kollegen in der ADAC- Luftrettungsstation direkt am Ingolstädter Klinikum. Der Rettungshubschrauber Christoph 32 stand im Hangar und Pilot Silvio Lucignano, ein Neuburger und erst seit wenigen Tagen in Ingolstadt im Einsatz, schaute sorgenvoll auf sein Tablet. Dann blickte er ebenso sorgenvoll nach draußen, wo der Blick die Daten aus dem Tablet bestätigte: Nebel, kaum Sicht. Die Crew muss auf den ersten Einsatz warten. Erst wenn auf vier Kilometer freie Sicht herrscht und die Wolken mindestens 150 Meter hoch sind, dann kann der Hubschrauber abheben.

Jeden Morgen trifft sich die Crew bei Sonnenaufgang, frühestens um sieben Uhr. Pilot, Notarzt TC Hems (Helicopter Emergency Medical Services Technical Crew Member). Dabei handelt es sich um einen Notfallsanitäter, der zusätzlich für den Einsatz im Hubschrauber ausgebildet ist. Er kennt sich aus mit der Technik, mit Metereologie und ist die rechte Hand des Piloten. An diesem Tag ist der Ingolstädter Markus Heier mit an Bord.

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Innerhalb von zwei Minuten muss der Hubschrauber abheben

Langsam lichtet sich der Nebel. Pilot Silvio Lucignano meldet sich bei der Integrierten Leitstelle (ILS) an, von der eine Alarmierung ausgeht: „Wir sind auf Anfrage, Wetter ist nicht ideal.“ Kaum ist der Hubschrauber angemeldet, geht der Piepser. Einsatz in Wettstetten. Im Norden, da könnte das Wetter besser sein. „Wir probieren’s“, sagt Lucignano. Zwei Minuten haben sie Zeit, dann muss der Hubschrauber abheben. Sie setzen die Helme auf, Pilot und TC Hems gehen die Checkliste durch. Abflug. Spitzengeschwindigkeit sind 220 Stundenkilometer. „Eine ganz schöne Nebelsuppe“, sagt Grünes, als sie über Etting fliegen. Aber die Sicht reicht.

Verdacht auf Herzinfarkt, hieß es bei der Meldung. Der Patient ist in einer Arztpraxis, gleich nebenan ist ein Supermarkt, dahinter eine Wiese. Ein guter Platz zum Landen. Alle Crew-Mitglieder schauen sich um, denn die Landung birgt – genauso wie der Abflug – Risiken.

Notärztin Angelika Grünes dokumentiert noch im Hubschrauber den laufenden Einsatz.
Bild: Luzia Grasser

Der Down-Wash, die starken Luftwirbel, kann vieles in die Luft schleudern: Mülltonnen, Trampoline, Gewächshäuser, Fahrräder. Einmal ist ein Hund abgehoben, ein anderes Mal befand sich eine ältere Frau mit einem Rollator in gefährlichem Terrain. Doch diesmal ist nur Gras außenrum. Grünes und Heier eilen mit dem 14 Kilo schweren Notfallrucksack zur Praxis, Lucignano bleibt beim Hubschrauber.

Geboren ist er in Neapel, hat dann seine Pilotenausbildung bei der US Navy absolviert. Fast 16 Jahre lang hat er bei der italienischen Marine als Rettungspilot gearbeitet, stationiert auf Sizilien. Er war im Einsatz bei Lampedusa, als Flüchtlingsboote gekentert sind, 24 Stunden lang, Tag und Nacht. „Das waren schlimme Einsätze“, sagt er.

Dass Einsätze fotografiert werden, ist ein Alltagsproblem

Immer wieder schauen Menschen vom Supermarktplatz zum Hubschrauber, niemand kommt näher, keiner gafft. In Berlin, wo Lucignano zuvor gearbeitet hatte, sei das anders gewesen, erzählt er. Manche wollten gar in den Hubschrauber steigen, fragten, ob sie nicht mal mitfliegen könnten. Doch dass Einsätze gefilmt und fotografiert werden, gehöre zum Alltag, weiß Angelika Grünes: „Damit muss man rechnen.“

Ingolstadt aus der Luft: Wenn die Crew des Rettungshubschraubers abhebt, bietet sich ihr dieses Bild vom Klinikum.
Bild: Luzia Grasser

An der Ingolstädter Luftrettungsstation arbeiten drei Piloten und sechs TC Hems, die bei der ADAC-Luftrettung angestellt sind. Die 15 Notärzte hingegen sind Anästhesisten am Klinikum und fliegen freiberuflich in ihrer Freizeit – durchschnittlich zwei Tage im Monat. Und die können mitunter lange werden. Besonders im Sommer, wenn die Sonne früh auf- und spät untergeht. An die acht Einsätze können es da werden, vereinzelt auch mehr. Unfälle beim Baden, Klettern, im Ferienverkehr.

Den größten Anteil der Einsätze nehmen mittlerweile internistische Notfälle ein, zum Beispiel Herzinfarkte. Im Jahr 2018 ist die Crew 1412 Mal ausgerückt – diese Zahl ist 2019 bereits Mitte November erreicht worden. Einer der Gründe ist, weil immer häufiger keine Notärzte mehr am Boden verfügbar sind. Dann kommen die Retter aus der Luft. Zudem, wenn es schnell gehen muss, wenn Staus auf den Straßen sind oder der Einsatzort abgelegen ist. Einmal, erinnert sich Angelika Grünes, musste Christoph 32 auf einer Sandbank in der Donau bei Weltenburg landen.

Gleich neben dem Hangar wartet ein Rettungswagen, der die Frau direkt ins Klinikum fährt.
Bild: Luzia Grasser

Am Nachmittag geht es dann nach Süden. Die Crew hat gerade Mittag gegessen im kleinen Aufenthaltsraum. Da geht der Piepser. Ein so genannter Sekundärtransport wird gemeldet. Eine Frau muss vom Krankenhaus in Pfaffenhofen ins Klinikum verlegt werden. Dort kann sie besser behandelt werden. Der Nebel ist verschwunden und der Himmel gibt einen Blick frei auf Seen, Wälder und kleine Dörfer. In Pfaffenhofen wartet man schon auf Christoph 32. Heier und Grünes bringen die Patientin auf einer Trage, schieben sie in den engen Hubschrauber. „Ich hab solche Schmerzen“, sagt die Frau. „Machen Sie sich keine Sorgen, die Schmerzmittel werden sofort wirken, sagt Angelika Grünes. Und sie warnt: „Es wird jetzt gleich laut“, sagt sie und setzt der Patientin einen Kopfhörer auf. Christoph 32 hebt ab. Neben dem Hubschrauberlandeplatz am Klinikum wartet ein Krankenwagen und fährt die Patientin ins Krankenhaus. Grünes und Heier fahren mit, Lucignano tankt auf. Für den nächsten Einsatz.

ADAC Hubschrauber

Christoph 32 Seit Juli 1991 fliegt der Rettungshubschrauber Christoph 32 vom Klinikum Ingolstadt aus. Mehr als 33.000 Mal wurde er zu Notfällen gerufen.

Zahlen Christoph 32 flog im Jahr 2018 genau 1412 Rettungseinsätze (2017: 1558; 2016: 1579) . Damit lag er in etwa im Mittelfeld aller ADAC-Rettungshubschrauber.

Rettungsstationen Der ADAC betreibt 36 Luftrettungsstationen. Die Rettungshubschrauber starten in der Regel von Sonnenaufgang (frühestens 7 Uhr) bis Sonnenuntergang. Ihr Einsatzradius beträgt 50 bis 70 Kilometer.

Einsatzgebiete Der ADAC-Rettungshubschrauber wurde 2018 deutschlandweit zumeist wegen internistischer Notfälle gerufen (48 Prozent). Es folgten Freizeitunfälle (13 Prozent), neurologische Notfälle und Verkehrsunfälle (jeweils elf Prozent) sowie Kindernotfälle und -unfälle (sechs Prozent)

Aufgaben In mehr als der Hälfte aller Fälle (56 Prozent) musste auf dem schnellsten Weg ein Notarzt zum Patienten gebracht werden, um vor Ort zu helfen. In 24 Prozent aller Einsätze wurde ein Patient in eine Klinik transportiert. Bei neun Prozent handelte es sich 2018 um Sekundäreinsätze. Dabei müssen Patienten von einer Klinik in eine andere transportiert werden. (rilu)

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