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Neuburg

24.10.2016

Roman Ehrlich: Sprengkraft, auch in der Dankesrede

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Sie waren bei der Auszeichnung dabei (von links): Veit Mikyska, Präsident des Lions Clubs, Preisträger Roman Ehrlich, Oberbürgermeister Bernhard Gmehling, Kirsten Reimers aus der Jury und Dieter Distl, Vorsitzender Ernst-Toller-Gesellschaft.
Bild: Silke Federsel

Der ehemalige Neuburger Roman Ehrlich erhält den Ernst-Toller-Preis für seine Schriften. Bei der Dankesrede wirft er einen äußerst kritischen Blick auf seine Heimatstadt.

Dass seine Literatur mit dem Wort „Sprengkraft“ belegt wurde, davon konnte der einstige Neuburger Roman Ehrlich sein Publikum gleich selbst überzeugen. Noch einen Tag später diskutiert Politik und Kulturszene den Auftritt des Autors, als er sich den Ernst-Toller-Preis am Sonntagabend abholte. Er lebt heute in Berlin und ist bei seinem Heimatbesuch mit dem Ort seiner Kindheit und Jugend hart ins Gericht gegangen.

Neuburg sei ein Ort, sagt der Schriftsteller, der nur wenig mit seinem Erfolg zu tun hatte. Er erkannte im Nachhinein die „Feindseligkeit gegen den freien Gedanken“. Neuburg folge einem „blinden Objekt- und Automobilfetisch“ in seinem „christlich-sozialen Selbstverständnis in seiner einzigartigen bayerischen Ausprägung.“ Harte Worte für einen, der eigentlich zu einem glücklichen Anlass zurückkommen sollte. Doch Roman Ehrlich wäre nicht jener gefeierte Jungautor, wenn er seine Rede nicht auch mit einem Fallstrick gesichert hätte.

Automobilfestisch: Was er mit seiner Heimatstadt verbindet

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Er bleibt im Konjunktiv, erzählt davon, wie er einst darüber nachgedacht hat, dass ihn seine Heimatstadt irgendwann einmal empfangen wird und er dann jenen Menschen, die dort geblieben sind, ehrlich darüber berichten kann, was ihn mit seiner Heimatstadt verbinde. Also eher nicht viel, außer die Wohnung der Eltern. Doch Ehrlich tat es nicht. Er sprach es aus, ohne es ernst zu meinen und dabei trotzdem zu provozieren. Ein genialer Schachzug, mit dem sich Literaten schon seit Jahrhunderten gegen Zensur und Fremdbestimmung, Schuld und Strafe wehren. So sieht das auch der ehemalige Kulturreferent der Stadt und jetzige Leiter der Ernst-Toller-Gesellschaft, Dieter Distl. Distl ordnet die Worte des Autors jenem literaturhistorischen Kontext zu, wenn Schriftsteller ein zwiespältiges Verhältnis zu ihrer Heimat in sich tragen. Bertolt Brecht sei ein berühmtes Beispiel, sagt er. Er wird ihn dafür nicht kritisieren, sagt Distl. Sonst wäre er ja auch nicht weniger engstirnig, als jene Menschen, von denen der Autor spricht. Er hat kein Problem damit, an diesem Abend auch ein paar kritische Töne in der Danksagung gehört zu haben. Es sei ein Zeichen der Toleranz und Liberalität, der Liberalitas Bavarica.

Auch Oberbürgermeister Bernhard Gmehling nimmt die Kritik gelassen hin. Allerdings habe er auch „nicht genau dahinter geblickt“, was der Autor mit dieser Rede sagen wollte. Als der Autor die Schule besuchte, war zumindest in Neuburg kein christlich-sozialer Oberbürgermeister gewählt, sondern einer der Freien Wähler, berichtet Gmehling. „Und wenn Neuburg so schlimm ist, warum nimmt er den Preis dann überhaupt an?“ Jedenfalls ist der Ärger relativ schnell verflogen.

Der Schriftsteller erhielt in diesem Jahr den Ernst-Toller-Preis, der von der Ernst-Toller-Gesellschaft mit Unterstützung des Neuburger Lions-Clubs und der Stadt Neuburg für herausragende Leistungen im Grenzbereich von Literatur und Politik verliehen wird. Seit 1996 wird der mit 5000 Euro dotierte Preis alle zwei Jahre verliehen, anlässlich des 20-jährigen Bestehens wich man aber vom Zwei-Jahres-Turnus ab und vergab ihn bereits in diesem Jahr. Bis jetzt haben ihn schon Schriftstellerpersönlichkeiten wie Albert Ostermaier, Biljana Srbljanovic, Felix Mitterer, Juli Zeh, Christoph Ransmayr, Günter Grass, Gerhard Polt und Katja Petrowskaja erhalten. Ehrlich wurde 1983 in Aichach geboren, wuchs in Neuburg auf und lebt heute in Berlin. Nach seiner Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker studierte er am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und Neuere Deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin. Im Juli 2013 erschien sein Debütroman „Das kalte Jahr“, ein Jahr später der Erzählungsband „Urwaldgäste“. Für den in Kürze erscheinenden Bildband „Das Theater des Krieges“, der von einem Militärcamp in Afghanistan erzählt, schrieb Ehrlich die Texte.

Auf den ersten Blick seien seine Werke nicht politisch, erklärte Kirsten Reimers, die die Begründung der Jury vorstellte. Doch wenn man sich genauer damit beschäftige, dann erkenne man, dass sie durchaus die „Sprengkraft“ haben, Ideologien zu entlarven und Absurditäten aufzuzeigen.

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