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Neuburg

06.07.2014

Selbstversuch: eine Woche ohne Handy

Eine Woche lang das Handy wegsperren und es nicht verwenden- das war der Selbstversuch der 18-jährigen Harriet Hanekamp.
Bild: Alexander Kaya

Sieben Tage ohne Handy. In einem Selbstversuch hat unsere 18-jährige Autorin Harriet Hanekamp eine Woche lang auf das Smartphone verzichtet. Ihre Nerven hat das sehr gereizt.

Das Leben ohne Handy ist seltsam. Aber das merke ich erst, als ich mein Smartphone ausschalte, den Akku herausnehme und für die nächsten sieben Tage in eine Kiste sperre. Ja, ich bin etwas verrückt, das haben mir meine Freunde in dieser Woche immer wieder gesagt.

Ich habe den Selbstversuch – eine Woche offline – gewagt, weil ich gemerkt habe, wie schnell ich mich von meinem neuen Smartphone abhängig gemacht habe. Und um mir meine Abhängigkeit vor Augen zu führen, habe ich mich kurzerhand freiwillig zum (sozialen) Selbst(mord)versuch gemeldet. Die Woche endet mit meiner mündlichen Abiturprüfung.

Die Woche ohne Handy muss vorbereitet werden

Der Tag davor Die ersten Vorbereitungen werden getroffen. Meinen Freunden und Arbeitskollegen, meinem Vater, meiner Vermieterin und auch meinem Nachhilfeschüler gebe ich Bescheid, dass ich die nächste Woche ausschließlich über das Festnetz erreichbar bin. Und auch nur dann, wenn ich zu Hause bin.

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Mir wird nach ein paar letzten Nachrichten um 23.40 Uhr klar: Whats-App wird mir fehlen, und auch das kurze Anrufen und Quatschen bei meiner besten Freundin klappt dann nur noch, wenn wir beide gleichzeitig zu Hause sind. Andererseits freue ich mich, weil ich wieder mehr über mich herausfinden kann, und weil ich dann ja viel Zeit habe, weil ich nicht mehr auf Nachrichten antworten muss, die (manchmal) total unwichtig sind.

Ohne Handy ist es völlig entspannend

Tag eins Die ersten 24 Stunden ohne Facebook sind überwunden und noch treten keine Entzugserscheinungen auf, im Gegenteil: Wie erwartet ist es ziemlich entspannend, so völlig ohne Handy.

Trotzdem ertappe ich mich dabei, wie ich auf die Handys meiner Freunde spähe. Ich nehme es viel eher wahr, wenn sie ihr Handy aus der Tasche holen. Beim Grillen sehe ich, wie eine Freundin mit ihrem Vater Nachrichten schreibt. Es geht darum, wann dieser sie abholt. Was ein Glück, dass ich schon 18 bin.

Tag zwei Die ersten Nachteile werden deutlich: Fotos kann man nicht „mal eben“ machen, man muss sich viel mehr merken, weil die Memo-Funktion des Handys auch wegfällt. Die Notwendigkeit von E-Mails sehe ich auch heute wieder: Mein Schulleiter möchte, dass ich ihm eine Datei sende, und auch den Zugang zu der Online-Galerie eines Fotografen bekomme ich – selbstverständlich – per Mail zugesendet.

Tag drei Mir ist langweilig, meine sozialen Kontakte beschränken sich auf meine Familie und meine zwei besten Freundinnen. Von der Welt um mich herum bekomme ich kaum etwas mit und weil mir Unterhaltung fehlt, esse ich. Eine Art Ersatzdroge.

Tag vier Ich sterbe vor Langeweile! Ich beschließe, einen Spaziergang zu meiner Freundin zu unternehmen, die fünf Minuten entfernt wohnt. Vorher anrufen tu ich sie nicht, denn dann würde sie mich vielleicht abwimmeln,  und so stelle ich sie vor vollendete Tatsachen.

Trotzdem kommen in mir erste Zweifel auf: War das alles wirklich so klug? Dieser Selbstversuch ist echt bescheuert, niemand würde es merken, wenn ich nur kurz, ganz kurz auf Facebook schauen würde. Aber nein: Ich will durchhalten.

Handylose Zeit reizt die Nerven

Tag fünf Langsam geht’s mir auf die Nerven. Ich bekomme nichts mit, fühle mich abgeschottet und Sinn macht dieser Selbstversuch auch nicht, also bitte, wo liegt das Problem, mal kurz online zu gehen? Nur meine Zielstrebigkeit trennt mich zwischen dem „Login“-Button und der dahinterliegenden Nachrichtenflut (das bilde ich mir jedenfalls ein) – und meine Zielstrebigkeit hat den Kampf letztendlich gewonnen.

Tag sechs Das Experiment, auf E-Mail zu verzichten, habe ich jetzt ganz offiziell aufgegeben. Allein heute waren es über 50 E-Mails, die zwischen meinem Vater und mir hin- und her geschickt wurden.

Unter meinen Nachrichten befindet sich auch eine von Facebook: „Harriet, du warst schon lange nicht mehr auf Facebook. Du hast eine neue Freundschaftsanfrage, sieben Nachrichten und 25 Benachrichtigungen.“ Facebook muss warten, und zwar bis übermorgen.

Tag sieben Morgen ist es so weit.

Tag acht Heute ist meine mündliche Abiturprüfung. Vor lauter Aufregung verbringe ich den Vormittag bei meiner Freundin, die mir noch eintrichtert, zur Abiprüfung mein Handy mitzunehmen, ich solle sie auf dem Rückweg sofort anrufen. Das tu ich natürlich nicht, denn nach acht Tagen werde ich es wohl noch zehn Minuten schaffen.

Tag acht, 17.10 Uhr Handy aus der Kiste, Akku rein, Handy an, Pin eingeben und los geht’s!

Tag acht, 17.13 Uhr Whats-App 712 neue Nachrichten, Facebook 13 Nachrichten, eine Freundschaftsanfrage und 33 Benachrichtigungen. Eine SMS, ein verpasster Anruf. Es ist ein komisches Gefühl, sein Handy nach über einer Woche wieder anzuschalten.

Allein heute habe ich mit neun Menschen geschrieben, mit denen ich nie telefoniert hätte – daran sieht man, dass es unnötig ist, dauererreichbar zu sein. Die zwei Stunden, die ich nach Anschalten meines Smartphones damit verbracht habe, auf Nachrichten zu antworten, zeigen, wie viel Zeit durchs Handy verloren geht. Aufgefallen ist mir, dass sich die wichtigen Dinge auch von Angesicht zu Angesicht bereden lassen.

Nachtrag Tag neun Vom vielen Tippen habe ich eine Blase am Zeigefinger bekommen. Ich hab wohl nicht mehr so viel Hornhaut wie bei der Handygeneration üblich ist. Eklig, aber wahr.

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