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Neuburg

15.08.2019

Sommerserie (3): Der Heizungs-TÜV für Altstadtgemäuer

Ist mit der Heizung alles in Ordnung? Ziehen die Lüftungen richtig? Philipp Kugler aus Oberhausen ist Kaminkehrer. Erst wenn er alles überprüft hat, gibt er der Heizung grünes Licht.
Bild: Laura Freilinger

Plus Als Kaminkehrer in Neuburg kennt Philipp Kugler die Stadt aus einer anderen Perspektive. Durch seine Arbeit befreite er sogar schon eine ältere Dame.

In unserer Sommerserie „Auf Achse“ begleiten wir Menschen aus der Region, die beruflich viel in der Stadt und der Umgebung unterwegs sind. Sie berichten uns, was ihnen an ihrem Beruf besonders gefällt, welche Schwierigkeiten oder Vorurteile dieser manchmal mit sich bringt oder welche Rolle das mitunter heiße Wetter spielt.

Steile, kurze Treppen führen in einen tief gelegenen Keller in der Neuburger Altstadt. Spinnweben umhängen alte Gas- und Wasserleitungen an den Decken hoher Steingemäuer. Aus einem kleinen Nebenraum heraus hört man das Klackern einer Tastatur. Kaminkehrer Philipp Kugler trägt gerade die Abgaswerte einer alten Heizung in ein Computerprogramm ein, um eventuelle Mängel zu dokumentieren.

Seit dem Beginn seiner Lehre im Jahr 2004 fasziniert sich der Oberhausener für seinen Beruf. Stolz trägt der mittlerweile selbstständige Kaminkehrer seinen Zylinderhut. Die traditionelle Kopfbedeckung sei heute wohl keine Selbstverständlichkeit mehr, erzählt er.

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Kaminkehrer: Es gibt nur wenige Frauen

Die Idee, eine Lehre zum Schornsteinfeger zu machen, entstand durch seinen Bruder. Dieser übte den Beruf schon vor ihm aus und steckte ihn mit seiner Begeisterung an. „Von ärmeren Familien bis hin zu Arztpraxen hat man zu allen Bevölkerungsgruppen Kontakt. Das macht es interessant“, erzählt Kugler. „Vor allem aber lernt man die ungewöhnlichsten Orte kennen. Im Neuburger Schloss staunte ich nicht schlecht, als ich mich in einem zehn Meter hohen Kellergemäuer wiederfand.“

Die Ausbildung zum Schornsteinfeger dauert drei Jahre. Ein Einstellungstest überprüft unabhängig vom Schulabschluss grundsätzliche Kenntnisse in Deutsch und Mathematik. Alle Lehrlinge aus Oberbayern treffen sich danach in einer Berufsschule in München, um technische Grundkenntnisse zu erlangen. Bis zu 90 Prozent aller Kaminkehrer, schätzt Kugler, machen im Lauf ihrer Karriere zusätzlich einen Schein zum Energieberater. „Besonders freuen sich die Kunden über weibliche Kaminkehrer“, sagt Kugler und lacht. In dem Handwerk seien Frauen eine Seltenheit. In seiner Klasse mit über 30 Schülern seien damals nur drei junge Frauen gewesen.

Kaminkehrer tragen eine große Verantwortung

Jedes Jahr geht Kugler circa fünfmal auf Schulungen, um auf technische Neuerungen und Gesetzesänderungen aufmerksam gemacht zu werden. Dadurch hätte sich der Beruf über die Jahre stark verändert. „Mittlerweile könnte man uns auch den Heizungs-TÜV nennen“, sagt er und lacht. „Unsere Aufgaben werden immer mehr zu denen eines Holz- und Gasheizungsprüfers.“ Außerdem überprüft Kugler anhand sich bewegender Spinnweben, ob die Lüftungen richtig ziehen.

Als Kaminkehrer trägt Kugler eine große Verantwortung. Durch seinen Aufkleber bestätigt er, dass die Heizungen einwandfrei funktionieren. Sollte er etwas übersehen, wie beispielsweise den Austritt von Kohlenstoffmonoxid, kann er vor Gericht gezogen werden.

Doch wie jeder Beruf hat auch der des Kaminkehrers seine Schattenseiten. Die größte Herausforderung sei es mittlerweile, in der Neuburger Altstadt Parkplätze zu finden. „Außerdem kam es auch schon vor, dass ich grundlos angeschrien wurde. Manche Kunden sehen mich als Sündenbock, weil ich sie auf gesetzliche Richtlinien aufmerksam machen muss“, erzählt Kugler. Besonders junge Ehepaare, die gerade ein Haus gebaut haben, sehen ihn oft nur als zusätzlichen Kostenpunkt.

Kaminkehrer freut sich über Dankbarkeit

Viel häufiger freut sich der Kaminkehrer aber über die Dankbarkeit seiner Kunden. „Dreimal im Jahr besuche ich auf einer Kehrtour Senioren, die mich nach meiner Arbeit auf ein Stück Kuchen und eine Tasse Kaffee einladen“, sagt er. Einmal hätte eine Rentnerin sogar Frühstück für ihn vorbereitet. „Ich werde oft als Freund und Helfer gesehen. Es macht Spaß, ihnen einen Gefallen zu tun“, freut sich Kugler. „Einmal habe ich eine alte Dame aus ihrer Wohnung befreit. Drei Tage lang hatte die Haustüre geklemmt, sodass sie nicht mehr herauskam.“ Das Leben rettete er einmal auch einem kleinen Vogel, der sich in einem Kamin verhakt hatte und nach seiner Rettung schließlich davon flog – tiefschwarz von all dem Ruß.

In den letzten Wochen des Jahres verschenken Philipp Kugler und sein Angestellter kleine Kaminkehrerpuppen als Glücksbringer. Besonders in dieser Zeit merkt Kugler, dass sein Beruf nach wie vor mit Glück assoziiert wird. „Nicht selten fragen mich Passanten, ob sie an meinem goldenen Knopf reiben dürfen oder ob sie etwas Ruß abstreifen können“, verrät der Oberhausener. Der berühmte Knopf der Kaminkehrer, der angeblich Glück bringt, ist Teil seiner offiziellen Winterkleidung. Jetzt im Sommer wäre eine lange Jacke zu warm für die Arbeit. Im Winter ist Kugler aber dankbar für die warme Kleidung: „Es ist oft schwierig, Kunden tagsüber zu erreichen. Wenn man dann von Haus zu Haus läuft, um an den Türen zu klingen, kann das sehr kalt werden.“

Der Beruf des Kaminkehrers ist vielseitig, dennoch hat Kugler Probleme, Auszubildende zu finden. Egal ob männlich oder weiblich, Kugler freut sich über Bewerbungen. Gerade jetzt, wo so viele Neubaugebiete entstehen, kann der Kaminkehrer jede Unterstützung gebrauchen.

Lesen Sie dazu auch die anderen Teile unserer Sommerserie "Auf Achse":

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