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07.06.2009

Spagat zwischen Ironie und Idylle

Neuburg-Schrobenhausen Im südlichen Landkreis Neuburg-Schrobenhausen, zwischen sanft geschwungenen Hügeln, kleinen Ortschaften und dunklen Wäldern lebt einer der erfolgreichsten deutschen Karikaturisten - buchstäblich dort, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen. Horst Haitzinger - geachteter, geistreicher Meister des deftigen Strichs und der spitzen Feder - hat in jener Ecke den richtigen Platz gefunden, sich ein idyllisches Refugium einzurichten. Eine ehemalige Töpferei und Weberei dient ihm als Wohnhaus und Atelier, umgeben von viel Grün, blühendem Garten und einem selbst angelegten Biotop mit Molchen und Fröschen.

In dieser bodenständigen Behaglichkeit vollzieht sich jeweils an den Wochenenden eine Mutation: Aus dem Münchner Großstädter, der in Nordschwabing im vierten Stock lebt, wird der Naturbursche vom Lande. Und der politische Karikaturist wandelt sich zum Kunstmaler. Als solcher führt Haitzinger ohne jeden Zeitdruck seine Werke über Jahre hin ihrer detailverliebten Vollendung zu.

Jetzt zeigt er sich zum 70. Geburtstag von jener fremden Seite, die meist hinter den Karikaturen verschwindet - eben als Virtuose im Umgang mit Pinsel und Leinwand. Und das, obwohl er die Bilder streng genommen einzig für private Zwecke gefertigt hat, "so wie andere Tagebuch schreiben". Im Neuburger Schloss wird er fünf großformatige Ölgemälde ausstellen.

Sie gehören einer unbeschreiblichen Stilrichtung an, haben von allem etwas und sind doch auf geniale Weise eigenständig. Selbst dem Künstler fällt es schwer, einen Gattungsbegriff zu finden. "Am ehesten würde ich von 'romantischem Surrealismus' sprechen", so Horst Haitzinger. "Das ist zwar sehr unzutreffend, mir fällt aber auch nichts Besseres ein."

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Allesamt sind die Werke durchdrungen von Haitzingers Liebe zur Natur: üppige Bäume, dschungelartiger Pflanzenkosmos, ungebändigte Flora und Fauna. Der Mensch spielt hier nicht wirklich eine Rolle. Haitzingers Welten wachsen ungeheuer plastisch auseinander heraus, sind miteinander verschlungen und kreieren sich auf fantasievolle Weise immer wieder neu. Sie sind Abbild der Gedanken eines Menschen, der sich zwischen Arthur Schopenhauer und Grimms Märchen bewegt.

Liebevolle Details, in denen man sich verlieren kann

So ist etwa auch die Darstellung der "Arche Noah" aufgebaut. "Dieses Thema hat mich seit meiner Kindheit in sämtlichen Varianten beschäftigt", erzählt der gebürtige Österreicher. "Das mag vielleicht daran liegen, dass ich in Eferding auf dem dortigen Schloss geboren bin, das einen Weiher hat."

Seine Ölfassung des biblischen Themas zeigt im dunkelgrünen unergründlichen Wasser ein zerklüftetes Schiff, dessen Nischen unendlich viele Motive freigeben. Tiere, Pflanzen, Architektur verschmelzen miteinander. Auf dem Oberdeck thront Haitzingers Landhaus, originalgetreu wiedergegeben bis zum kleinen Glockentrum auf dem Dach. Jeder Blickfang ist in winzigen Einzelheiten ausgearbeitet, in denen man sich verlieren kann. Eine riesige knorrige Kastanie wird zum Mittelpunkt, "denn Bäume spielen in meinen Bildern fast immer die Hauptrolle", so Horst Haitzinger.

"Die Arche Noah" wartet nun - zusammen mit den vier restlichen Bildern - auf ihren Transport ins Neuburger Schloss. Derweil ist im Atelier eine weitere Arbeit auf die Staffelei gespannt. Während im Hintergrund der Romantiker Brahms für den Romantiker Haitzinger inspirierend aus dem Radio klingt, nimmt der Künstler auf der Palette Farben auf, um die Arbeit zu komplettieren, die doch bereits so perfekt wirkt. "Oh nein, da fehlt noch viel", beurteilt er selbstkritisch das kreative Stadium, in dem sich der Seerosenteich befindet, die ihn umgebenden Arkaden und die Szenerien, auf die die Gewölbebögen den Blick freigeben. Zwei Jahre an einem Gemälde zu sitzen und es reifen zu lassen, ist für Haitzinger keine Seltenheit.

Eigentlich hatte er die Malerei schon lange zu den Akten gelegt, da er den Spagat zwischen ironischer Karikatur und träumerischen Ölbildern irgendwann "als tödlich" empfunden hat. Erst in seinem Landhaus hat er sich aufs Neue diesem Sujet zugewandt und gestaltet es mit ebensolcher inhaltlichen Tiefgründigkeit, wie man sie auch von seinen Karikaturen kennt.

Einst als Werbegrafiker begonnen, hat Haitzinger in den 50er Jahren an der Münchner Akademie der Bildenden Künste Malerei studiert. Damals wähnte er sich bereits als Könner, wurde jedoch bald zur Bescheidenheit gemahnt. "Als ich zum ersten Mal die Werke großer Meister im Haus der Kunst gesehen habe, bin ich wie eine vernichtete Schnecke herausgekrochen", erinnert er sich. "Es hat lange gebraucht, mich von diesem Schlag zu erholen."

Schon als junger Student hat Haitzinger begonnen, Karikaturen für die Satirezeitschrift "Simplicissimus" zu zeichnen. "Das waren sehr groteske, sehr köstliche Zeiten", so seine rückblickende Erkenntnis. Die Honorare sind zwar nur spärlich geflossen, dennoch konnte er sich durch die regelmäßigen Aufträge sein Studium finanzieren.

Der Leser muss zu Ende denken

Haitzingers Spottbilder sind kleine bildliche Theaterstücke, die der Leser zu Ende denken muss. Bei deren Gestaltung auf den Musenkuss zu warten, auf die kreative Eingebung, ist nicht Haitzingers Ding. "Man gewöhnt sich strukturiertes Denken an", schildert er sein Vorgehen, "ich arbeite auch gern mit Metaphern".

Sein Arbeitstag in München beginnt mit langem Ausschlafen. Bei einem ausgiebigen Frühstück vertieft er sich dann in Zeitungen, hört Nachrichten im Radio und stimmt sich so auf die aktuelle politische Situation ein. "Mittags telefoniere ich mit der Redaktion meiner Hauszeitung, dann beginnt das Nachdenken. Die Umsetzung eines Themas soll bis 16 Uhr passiert sein."

"Man hat keine andere Chance, als an das Positive zu glauben"

Pro Tag entsteht auf diese Weise mindestens eine Karikatur - unter anderem für die Augsburger Allgemeine und ihre Heimatzeitungen. Die restliche Zeit verbringt Haitzinger damit, Korrespondenzen zu erledigen und grabende Eichhörnchen aus den Balkonkästen zu verscheuchen. "Und wenn's schön ist, geh ich abends in den Biergarten."

Ein bevorzugtes Thema, das der zweifache Familienvater und fünffache Opa als Karikaturist der Gesellschaft vorhält, ist der zerstörerische Umgang mit der Umwelt. "Ich war Anfang der 70er Jahre einer der Ersten, die sich konsequent damit auseinandergesetzt haben." Zwar habe seither ein allgemeines Umdenken eingesetzt, doch im Vergleich zu dem, was vor die Hunde gehe, sei das immer noch zu wenig. "Es muss noch so viel geschehen, dass der Mensch sieht, was er kaputt macht", konstatiert Haitzinger.

Als Optimist verzweifelt er allerdings nicht an den Problemen und Missständen, die er in seinen Zeichnungen aufgreift. "Man hat überhaupt keine andere Chance, als an das Positive zu glauben". Er hofft, "dass jeder Mensch seinen klitzekleinen Beitrag leistet, damit diese Welt besser wird".

Wenn überhaupt, so gibt es für Horst Haitzinger darüber hinaus nur einen einzigen Geburtstagswunsch zum 70., nämlich den um Gesundheit. Ansonsten hat er überhaupt kein Verhältnis zu einem solchen Ereignis, spricht lediglich abfällig vom "Kalenderfetischismus", den er selbst nicht betreiben will.

Und wenn er am 18. Juni, dem Geburtstags-Vorabend, die Vernissage zu seiner Neuburger Ausstellung hinter sich gebracht hat, wird er seinen Ehrentag einfach übergehen: "Nachdem ich zwei runde Geburtstage gefeiert habe und jedes Mal im Vorfeld unheimlich gestresst war, erlaube ich mir jetzt eines: nämlich gar nichts zu tun."

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