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Schrobenhausen

06.09.2019

St. Joseph: Wie aus zehn 100 Kinder wurden

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Im KJH sind circa 110 Mitarbeiter tätig – darunter pädagogisches Personal, aber auch ein Hausmeister, Reinigungskräfte und die Verwaltung.
Bild: Dorothee Pfaffel

Das Kinder- und Jugendhilfezentrum hat sich vom reinen Waisenhaus zu einer vielseitigen Einrichtung entwickelt – trotz eines dunklen Kapitels unter Walter Mixa.

Immer montags kurz vor 16 Uhr zieht Peter Schönherr das Hemd aus und streift die Sportklamotten über. Denn dann spielt der Leiter des Kinder- und Jugendhilfezentrums (KJH) St. Joseph in Schrobenhausen Fußball mit seinen „Kids“, wie er erzählt. „Fußball auf Augenhöhe, die Schienbeine sind ungeschützt“, sagt er und lacht. Diese gemeinsame Sportstunde lässt sich der 59-Jährige nicht nehmen. Ansonsten kommt der Sozialpädagoge – außer bei ein paar Notdiensten – nicht mehr viel zur pädagogischen Arbeit. Als Einrichtungsleiter und Vorstand der Katholischen Waisenhausstiftung, die als Träger fungiert, hat er viel zu tun. Kein Wunder – hat sich das Angebotsspektrum des einstigen Waisenhauses doch stark vergrößert. Vor gut 125 Jahren fing alles an.

Peter Schönherr ist Leiter des Kinder- und Jugendhilfezentrums St. Joseph.
Bild: Dorothee Pfaffel

Wer soll sich um die Kinder kümmern, die ohne Eltern und ohne den Schutz einer Familie im Leben stehen? Vor dieser Frage stand im 19. Jahrhundert auch die Stadt Schrobenhausen. In der Regel meisterte man diese sozialen Probleme zusammen mit den kirchlichen Einrichtungen, mit den Englischen Fräulein. Josef Linsenmeyer, von 1886 bis 1894 Pfarrherr von St. Jakob, war es schließlich, der 1893 die „Katholische Waisenhausstiftung Schrobenhausen“ gründete. Am 18. Dezember schrieb er die Urkunde nieder. Darin steht: „Ich (...) errichte hiermit aus durch freiwillige Gaben und eigene Zuschüsse angefallenen Mitteln für ewige Zeiten eine Wohltätigkeitsstiftung. (...) In diesem Waisenhaus sollen in erster Linie verwaiste, aber auch arme Kinder (...) erzogen werden.“ Zwei Mallersdorfer Schwestern unterstützten Linsenmeyer. Die Anzahl der Kinder war zunächst auf zehn beschränkt. In der Hausordnung von 1899 stand, dass „in der Zeit von Oktober bis Juni jedes Kind mindestens alle drei Wochen ein warmes Bad zu erhalten hat“. „Da haben wir jetzt schon eine höhere Frequenz“, scherzt Schönherr, der die Leitung der Einrichtung im Jahr 2016 übernommen hat.

KJH St. Joseph: Das Angebotsspektrum hat sich verändert

Und auch sonst hat sich im Laufe der Zeit viel verändert: Mehr als 70 Jahre befand sich das Waisenhaus, oder die „Anstalt“, wie es die Schrobenhausener früher nannten, im Tal neben der Stadtpfarrkirche. 1968 zog man schließlich in den Schleifmühlweg um, wo sich das KJH bis heute befindet. Das Gelände ist rund 3000 Quadratmeter groß, inklusive Fußballfeld und Spielplatz, gestaltet von Designer Günter Beltzig. Längst leben in der Einrichtung keine Waisenkinder mehr, wie Schönherr erklärt, sondern Kinder und Jugendliche, die im Elternhaus mit Problemen und Konflikten aller Art konfrontiert sind, zum Beispiel: Streit, Gewalt, sexuelle Übergriffe, Suchtmittelabhängigkeiten, Arbeits- und Obdachlosigkeit. Lange vorbei sind auch die Zeiten, in denen die Kinder und Jugendlichen in Schlafsälen hausten. Inzwischen teilen sie sich auf in: stationäre Einrichtungen (Wohngruppen und Außenbetreutes Wohnen), teilstationäre Angebote (Tagesgruppen und Kinderhort) und ambulante Hilfen (an Schulen und für Familien). Darüber hinaus bietet das KJH St. Joseph verschiedene Therapiemöglichkeiten an, wie etwa Reit- und Musiktherapie oder kunst- und erlebnispädagogische Projekte. Ziel der Maßnahmen seien stets entweder die Rückführung ins Elternhaus oder die Verselbstständigung, erklärt Schönherr. Das Leitbild dabei lautet: „Begegnen, begleiten, beraten“.

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Gemeinsam feiern: die Volkstanzgruppe des KJH St. Jospeh beim Sommerfest 2015.
Bild: Archiv St. Joseph

Knapp 100 Kinder und Jugendliche werden derzeit in Schrobenhausen betreut: 48 stationär, 35 teilstationär und zehn ambulant. Die Schnittstelle, über die die Kinder und Jugendlichen ins St. Joseph kommen, ist meist das Jugendamt, sagt der Einrichtungsleiter. Dieses wird über Dritte – Schulen, Bekannte, Nachbarn – auf etwaige Probleme in Familien aufmerksam gemacht. Das Jugendamt entscheidet auch, welche Art und welches Maß an Unterstützung nötig ist. Dies kann bei stationären Aufenthalten so weit gehen, dass die Eltern gar nicht wissen, wo ihr Nachwuchs untergebracht ist – wenn es dem Kindswohl dient.

Ende September findet in Schrobenhausen ein Tag der offenen Tür statt

So prächtig sich das Kinder- und Jugendhilfezentrum auch entwickelt hat, ein dunkles Kapitel in seiner Historie wird es wohl nie mehr loswerden. 2010 wurden Vorwürfe ehemaliger Heimkinder laut, sie seien in der 1970er und 80er Jahren vom damaligen Stadtpfarrer Walter Mixa und den Mallersdorfer Schwestern misshandelt worden. Das Heim in Schrobenhausen wurde von Medienvertretern regelrecht belagert. In einem Bericht bestätigte ein Sonderermittler nicht nur die Vorwürfe der Misshandlung, sondern machte auch die satzungswidrige Verwendung von Stiftungsgeldern öffentlich. Seit 2010 ist im St. Joseph nur noch weltliches Personal tätig. Peter Schönherr will diesen Teil der Geschichte nicht unter den Teppich kehren. Es sei ihm wichtig, offen und transparent damit umzugehen. Immer wieder erreichten ihn Anfragen von Ehemaligen, die entweder Informationen brauchen, um Behördenangelegenheiten zu regeln oder ihre eigene Biografie aufarbeiten wollen. „Wir nehmen uns für diese Menschen Zeit und unterstützen sie.“

So sieht das Wohnzimmer in einer Wohngruppe aus. Vier der Gruppen gibt es. Den Haushalt schmeißen die Bewohner selbst.
Bild: Dorothee Pfaffel

Zu Transparenz und Offenheit gehören auch Kontakte zur Öffentlichkeit, zum Beispiel zu Sponsoren – ohne die besondere Therapien nicht möglich wären, wie Schönherr sagt. Dem Leiter ist es wichtig, dass St. Joseph in der Volksmeinung nicht mehr als reines Heim oder Waisenhaus gilt. Anlässlich des 125. Jubiläums, das eigentlich im Dezember gewesen wäre, gibt es daher einen Tag der offenen Tür (Programm siehe Infokasten). Jetzt sind es zwar schon fast 126 Jahre, aber im Winter zu feiern, fand Schönherr ungünstig. Er will den Menschen zeigen: „Wir sind keine Insel – weder der Glückseligen noch der Bemitleidenswerten!“

Am Sonntag, 29. September, findet am KJH in Schrobenhausen ein Tag der offenen Tür statt. Er wird um 11 Uhr von Einrichtungsleiter und Stadtpfarrer eröffnet. Auf dem Programm stehen unter anderem: Besichtigung der Wohngruppen, Führungen durchs Haus, eine historische Ausstellung, Klettern, Ponyreiten und Aufführungen der Kinder. Die Gruppen bieten zum Beispiel ein Glücksrad und eine Fotobox an, Lebkuchenherzen verzieren und eine Schaumkussschleuder. Für das leibliche Wohl ist gesorgt. Die Veranstaltung endet um 19 Uhr.

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