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Neuburg

09.04.2015

Streit ums Revier: Stadt Neuburg geht gegen Fußballfans vor

Mehrere Paketaufkleber, ein wasserfester Filzstift und ein paar unbeobachtete Sekunden: schon „schmückt“ ein Aufkleber der Ultras die Ampelstange.
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Mehrere Paketaufkleber, ein wasserfester Filzstift und ein paar unbeobachtete Sekunden: schon „schmückt“ ein Aufkleber der Ultras die Ampelstange.

Ultras markieren ihr Revier in den Straßen Neuburgs mit Spraydose, Stift und Aufklebern. Der Stadt reicht es jetzt. Sie setzt eine Hinweis-Prämie aus.

Sucht man nach einem Vergleich für die sogenannten „Ultras“ unter den Fußballfans, fällt einem unwillkürlich der Hund ein. Sie markieren ihr Revier und dulden keine anderen vor ihrer Haustür. Geraten Rottweiler und Schäferhund, also Bayern-Anhänger und Sechz’ger oder Cluberer und Fürther aneinander, beginnt das Gekläffe und die gegenseitigen Attacken. Das ist die eine Seite der exzessiven Fans, die sich dagegen wehren, mit Hooligans verglichen zu werden. Auf der anderen Seite sind sie oft handzahm und ihre Choreographien in den Fanblöcken der Stadien sind nicht nur wie Fiffi nett anzuschauen, sie sind teils atemberaubend. Doch außerhalb des Stadions entwickelt die Ultra-Bewegung Eigendynamik.

Zuviel Eigendynamik für den Geschmack von Stadt-Sprecher Bernhard Mahler, der in einer Pressemitteilung erklärt, dass das wilde Markieren, die Aufkleber und Schmierereien an Laternen, Ampeln, Mülleimern und Parkscheinautomaten, ja sogar am Willkommens-Schild der Stadt Neuburg endlich ein Ende haben muss. Das ist der Stadt Bares wert. 300 Euro soll jeder Informant erhalten, der dem Ordnungsamt sachdienliche Hinweise zu den Tätern liefert. Doch das ist nicht leicht. In Sekundenschnelle lässt sich ein Aufkleber unbemerkt ankleben, in etwa der gleichen Zeit mit wasserfestem Filzstift ein Kürzel hinkritzeln.

In Neuburg ist es vor allem das „SM“, das Mahler schon seit Jahren auf seinem Weg durch die Straßen begegnet. „SM“ – für Schickeria München, das bekannteste unter allen Ultra-Lagern des FC Bayern München. Wer nach Franken geht, wird vor allem „UN ’94“ für die Nürnberger Ultras lesen. In anderen Teilen Bayerns steht verstärkt das „CN“ für Cosa Nostra, die Ultras des TSV 1860 München. Neuburg hingegen ist Schickeria-Gebiet. Seit Jahren – nur nicht derart augenscheinlich, wie es in den Wochen vor diesem Schritt der Fall war.

„Die Stadt wird gerade überschwemmt“, sagt Mahler, wenn er erklärt, warum er ausgerechnet bei den Fußballfans die Schuld sieht, obwohl hier und da auch noch andere Aufkleber pappen. Und tatsächlich: Wer aufmerksam durch die Stadt läuft, wie von der Franziskaner- hin zur Luitpoldstraße, stößt an jeder Laterne, auf jedem Parkscheinautomat auf die Zeichen der Schickeria-Ultras: „SM“, „FCB“, „089“ – die Vorwahl Münchens – oder einfach: „Ultras“, in Großbuchstaben versteht sich.

Die Schmierereien kostet die Stadt richtig Geld

Für die Stadt ist es nicht nur eine ästhetische, sondern auch eine finanzielle Frage. Beklebte Schilder müssen ausgetauscht werden. Der Bauhof kratzt mühselig Aufkleber für Aufkleber in unregelmäßigen Abständen vom Metall. Vor nicht allzu langer Zeit hat die Stadt „mehrere Tausend Euro“ berappt, um das Untergeschoss des Parkdecks im Hofgarten zu überpinseln. In diesem Fall war ein Ultra mit Spraydosen am Werk. Die aussagekräftigste Möglichkeit, sich in der Öffentlichkeit bemerkbar zu machen.

Denn genau darum geht es den Ultras und die Tatwaffen sind schon längst ein Begriff, länger als Fußballgruppen das Stadtbild verzierten oder entstellten. Professor Harald Lange vom Institut für Fankultur der Universität Würzburg spricht von einem „Phänomen der Jugendkultur“, das tief in der Graffiti-Szene verwurzelt ist. Sie markieren, wo sie gewesen sind. Hinterlassen mehr oder weniger verschlüsselte Botschaften. Je ungewöhnlicher der Ort, je größer der Schriftzug, desto größer das Renommee in der Gruppe.

Der Ultra sei im Vergleich zum Sprayer zutiefst in traditionellen Werten verhaftet, erklärt der Wissenschaftler. Wappen, Farben, Fahnen: Er lädt Orte mit Bedeutung auf. Lokalpatriotismus gehört zur Fankultur wie der Schwanz zum Hund. Dass in Neuburg nicht VfR-Neuburg–Bekundungen kleben, hängt mit der globalen Fußballkultur der Profivereine zusammen. „Ein Bayern-Fan kann auch aus Stuttgart kommen“, sagt Lange. Jeder bestimmt seine geistige Heimat selbst. Auch Neuburg kann München sein – oder zumindest Schickeria-Gebiet. Ein Ultras-Zeichen am Grüß-Gott-Schild? „Symbolischer kann man es kaum ausdrücken“, sagt Lange.

Für die Stadt ist das vielleicht eine Erklärung, doch längst keine Lösung. Die Lösung sollen die aufmerksamen Bürger liefern. Denn nur so könne man die Ultras durch empfindliche Geldstrafen und Schadensersatzforderungen daran hindern, weiter ein Revier zu markieren, das nicht nur ihnen gehört.

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