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Neuburg

18.01.2016

Trauriger Rekord: Neuburg rätselt über die vielen Sterbefälle

In Neuburg sind vergangenes Jahr 438 Menschen gestorben - 97 mehr als 2014. Das ist eine ungewöhnlich hohe Abweichnung vom Standard und ein absoluter Rekordwert.
Bild: Brigitte Fregin

So viele Tote gab es noch nie in der Stadt: 28,5 Prozent mehr als 2014. Neuburg steht vor einem Rätsel.

Wenn das Jahr 2015 in der Neuburger Stadtgeschichte einen Namen erhalten müsste, es wäre das Jahr der Toten. Markus Riedlberger, Leiter des Standesamts der Stadt, steht vor einem Rätsel, wenn er in seinen Unterlagen die Anzahl der Sterbefälle 2015 mit denen aus den Vorjahren vergleicht. In Neuburg sind im vergangenen Jahr 438 Menschen gestorben. Das sind 97 Tote oder satte 28,5 Prozent mehr als 2014 (341). Selbst wenn man den Wert mit dem bisherigen Rekordjahr 2010 vergleicht, in dem 398 Menschen in Neuburg den Tod fanden, ist das Massensterben in der Stadt alles andere als eine mathematische Standardabweichung. „Es ist ein absoluter Rekordwert“, sagt Riedlberger, wenn auch kein positiver.

Nicht mehr Unfälle, keine Katastrophen

Die Stadt ist gewachsen. Aber bei weitem nicht in einem Maß, das die Zahlen erklären könnte. Es gab nicht auffällig mehr Unfälle und keine Katastrophe. Die Kliniken St. Elisabeth verzeichnen vier Prozent mehr Patienten. Doch damit allein lässt sich der extreme Zuwachs auch nicht nachvollziehen. Senioren-Wohnheime und Pflegeeinrichtungen haben ihr Platzangebot in Neuburg nicht nennenswert erweitert. Zuletzt verzeichnete die Statistik im Jahr 2009 – weitaus geringer – einen markanten Zuwachs. Von 376 Verstorbenen (2008), auf 391 ein Jahr später. Dafür hat Riedlberger eine einfache Erklärung: „2009 haben Rohrenfels und Bergheim ihre Standesämter an Neuburg abgetreten.“ Das bedeutet, dass auch die Sterbefälle der Nachbargemeinden in die Neuburger Statistik einfließen.

Im Jahr 2015 bleibt jeder Deutungsansatz spekulativ. Anfang des Jahres gab es eine heftige Grippewelle und zur Mitte sprach man von einem Jahrhundertsommer: eine endlose Hitzewelle mit Temperaturen, die an der 40-Grad-Marke kratzten. Doch gerade dann sind zumindest in der Gemeinde der Christuskirche relativ wenige Menschen gestorben, sagt Pfarrer Steffen Schiller. Eine große Sterbewelle setzte in seiner Gemeinde zwischen Ostern und Frühsommer ein. „Es gab Wochen, in denen wir dreimal auf dem Friedhof waren“, sagt der Pfarrer. 57 Menschen gab er insgesamt im Jahr 2015 den letzten Segen – 24 mehr als im Vorjahr. Hat er eine Theorie? „Was unsere Gemeinde betrifft, habe ich dafür keine Erklärung“, antwortet er. Seinem katholischen Kollegen, Pfarrer Herbert Kohler, gehe es aber nicht anders, sagt der Geistliche.

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Auch Bestatter Erwin Faller pflichtet dem evangelischen Pfarrer bei: „Ich kann es mir nicht erklären.“ 2015 war für ihn ein äußerst arbeitsreiches Jahr. Zu Spekulationen und Deutungen lässt er sich nicht hinreißen. Zwar gäbe es die Theorie des Fünf-Jahres-Rhythmus: ein auffälliges Jahr zwischen vier durchschnittlichen. Bemerkenswert: Für das Jahr 2010 trifft die Daumenregel zu. Doch die Jahre 2000 und 2005 waren mit 370 und 334 Verstorbenen nicht nennenswert extremer als die Vor- und Folgejahre. Der Bestatter erzählt, dass auch in Ingolstadt und Eichstätt auffällig viele Menschen gestorben sind.

Noch rätselhafter wird das Phänomen allerdings, wenn man die Neuburger Sterbefälle mit denen aus den Landkreisgemeinden vergleicht. Denn egal, ob das Standesamt in Ehekirchen, Karlshuld oder Oberhausen Auskunft gibt, überall zeigt sich das gleiche Bild: keine Auffälligkeiten. In Königsmoos sind sogar exakt genau so viele Menschen wie im Vorjahr gestorben (37).

Sollten im Jahr 2016 erneut die Sterbefälle einen hohen Wert erreichen, hat die Stadt wieder eine einfache Erklärung für den Zuwachs. Denn dann werden die Verstorbenen aus Burgheim in die Statistik einbezogen, weil das Standesamt der Gemeinde seit Januar an Neuburg angeschlossen ist – wie zuvor schon Bergheim und Rohrenfels. 2015 bleibt hingegen ein statistisch makaberes Rätsel.

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18.01.2016

Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 70-75 Jahren sterben gerade die Jahrgänge, von denen besonders viele nach dem Zweiten Weltkrieg Flüchtlinge oder Vertriebene waren. Vielleicht hat der Raum Neuburg, so wie anderswo in Bayern auch, besonders viele davon aufgenommen.Als Leiter des Standesamtes und Statistikbeauftragter würde ich einfach mal in bei meinen Kollegen in Waldkraiburg/Obb. anrufen, einer Stadt die damals nur für Weltkriegsflüchtlinge gebaut wurde. Wenn das da genauso ist, dann ist der Effekt schnell erklärt.

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