1. Startseite
  2. Lokales (Neuburg)
  3. Unwürdig oder beispielhaft?

„Jetzt red i“

13.04.2018

Unwürdig oder beispielhaft?

„Jetzt red i“ live aus Manching: Das Publikum diskutierte mit Innenminister Herrmann und der grünen Bundestagsabgeordneten Margarete Bause.
Bild: Balbierer

Bürger aus der Region diskutierten am Mittwochabend mit Innenminister Joachim Herrmann und der Grünen-Politikerin Margarete Bause über das Manchinger Transitzentrum

Dient das Transitzentrum im Manchinger Ortsteil Oberstimm als Vorbild für ganz Deutschland? Diese Frage bewegte am Mittwoch nicht nur die 150 Teilnehmer einer Demonstration am Ingolstädter Theaterplatz. Diskutiert wurde auch am Mittwochabend in der Manchinger Sporthalle „Im Lindenkreuz“. Von dort aus sendete der Bayerische Rundfunk sein Bürgerformat „Jetzt red i“ mit der Frage: „Wie gelingt bessere Asylpolitik?“ Neben 100 Bürgern waren auch der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) und die grüne Bundestagsabgeordnete Margarete Bause zu Gast in Manching. Sie erlebten eine engagierte Debatte, die ohne Querelen ablief.

Herrmann unterstützt die Pläne von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), deutschlandweit sogenannte Ankerzentren einzurichten, in denen Asylverfahren von Menschen mit geringer Bleibeperspektive schneller bearbeitet und damit Abschiebungen beschleunigt werden sollen. Am Mittwochabend sagte er: „Bei denjenigen, die einen Ablehnungsbescheid bekommen, muss rasch die Rückführung erfolgen.“ Das Transitzentrum in der Oberstimmer Max-Immelmann-Kaserne, in der derzeit etwa 400 Asylsuchende leben, soll als Beispiel dienen. Ob es selbst zum Ankerzentrum wird, entscheidet sich erst in den nächsten Monaten, so Herrmann. Sicher sei jedoch, dass die Nutzung der Kaserne als Transit- oder Ankerzentrum 2025 enden werde. Auf diese Zusage verwiesen auch Manchings Bürgermeister Herbert Nerb (FW) und Ingolstadts Bürgermeister Albert Wittmann (CSU), die die knapp 40 Hektar große Fläche für die Entwicklung ihrer Kommunen nutzen wollen.

Gewaltprobleme, wie sie in Manching immer wieder vorkamen, will Hermann mit erhöhtem Polizei- und Sicherheitseinsatz verhindern. Kritiker sprechen jedoch von unwürdigen Bedingungen, unter denen die Asylbewerber dort leben müssten. In der Live-Sendung am Mittwochabend kam zum Beispiel Gudrun Winter zu Wort. Sie wohnt in der Nähe der Kaserne und engagiert sich ehrenamtlich für die Bewohner. Diese stünden durch die permanente Bewachung durch Sicherheitskräfte und mangelnde Rückzugsräume „ständig unter Druck“. Gerade erst wurde das Personal des Wachdienstes BayTMI aufgestockt. Winter sagte in einem Video-Einspieler zu Beginn der Sendung: „Spätestens nach drei Wochen wäre ich psychisch am Ende, wenn ich so leben müsste.“ Sie forderte eine würdigere Unterbringung der Asylbewerber - auch, wenn sie nur geringe Chancen auf Asyl in Deutschland hätten.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Ganz anders äußerte sich Zuschauer Willibald Schels. Auf die Frage des BR-Moderators Tilmann Schöberl, wie er die geplanten Ankerzentren finde, antwortete er: „Das Ankerzentrum finde ich ganz gut. Das müsste ganz schnell gehandhabt werden, damit die Leute wieder weggehen.“ Außerdem warf er dem bayerischen Innenminister vor, dass Abschiebungen nicht konsequent durchgesetzt werden. Herrmann verteidigte das beschleunigte Verfahren: Im Durchschnitt dauere der Aufenthalt im Transitzentrum Manching 4,5 Monate.

Die Grünen-Politikerin Margarete Bause hielt entgegen, dass es Asylbewerber gebe, die länger als zwei Jahre in der Einrichtung leben müssten. „In dieser Zeit passiert keinerlei Integration.“ Kinder könnten laut Bause lediglich „Rumpfschulen“ besuchen, den Bewohnern würde eine unabhängige Rechtsberatung verwehrt. „Das heißt, die Menschen, die hierherkommen, können ihre Rechte noch nicht einmal in Anspruch nehmen, weil sie gar nicht wissen, welche Rechte sie haben.“

Wie komplex die Rechtslage bei Asylverfahren sein kann, belegte Eva Hoffmann. Hoffmann betreibt einen Friseursalon in Manching mit zwölf Mitarbeitern. Sie bildet zwei Flüchtlinge aus dem Iran und Irak aus. Beide haben laut Hoffmann einen Ablehnungsbescheid erhalten und könnten nun „jederzeit“ abgeschoben werden. Gesetzlich dürfen Asylbewerber, die bereits eine Ausbildung in Deutschland begonnen haben, diese unter gewissen Voraussetzungen auch zu Ende bringen, selbst wenn ihr Asylantrag abgelehnt wurde. Das ist in der sogenannten „3+2“-Regelung festgehalten. Warum das in dem Fall der Manchinger Friseurin anders sei, wisse Herrmann nicht, versprach aber: „Ich gehe jedem Problem, das an mich herangetragen wird, gerne noch einmal nach.“

„Herr Minister, ich bin mir sicher, da gibt es auch einen guten Haarschnitt“, witzelte Moderator Schöberl zum Ende von „Jetzt red i“ unter dem Gelächter des Publikums.

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20Bild_1_Patrozinium_Burgheim.tif
Kirche

Zu Ehren St. Cosmas und Damian

ad__nl-chefredakteur@940x235.jpg

SECHS UM 6: Unser neuer Newsletter

Die sechs wichtigsten Neuigkeiten um 6 Uhr morgens sowie ein Ausblick auf den
aktuellen Tag – Montag bis Freitag von Chefredakteur Gregor Peter Schmitz.

Newsletter bestellen