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Neuburg

24.10.2020

Vater des „Neuburg-Lieds“: Erwin Kettel wäre 100 geworden

Erwin Kettl war ein geselliger Mensch, der gerne unter Leuten war.
Bild: Kettl (Archiv)

Plus Heute wäre der Kult-Neuburger Erwin Kettl 100 Jahre alt geworden. Die Stadt hat dem langjährigen Stadtrat, Vdk-Vorsitzenden und leidenschaftlichem Musiker viel zu verdanken.

Die Stadt, die seine Heimat wurde, die er über viele Jahrzehnte geprägt hat, erreichte er als Schwerverletzter. In der französischen Normandie war er 1944 angeschossen worden. Er wurde ins Lazarett nach Neuburg verlegt, wo ihm das rechte Bein abgenommen werden musste. Und Erwin Kettl blieb. Der gebürtige Münchner wurde Neuburger aus Überzeugung.

Schmerzen begleiteten ihn sein restliches Leben. Meist waren es Phantomschmerzen, die ihn des Nachts zum Schreien brachten, erinnert sich sein Sohn, Erwin Kettl junior. Doch nach außen merkte man ihm nichts an. Erwin Kettl war beliebt, gesellig, feierte gern. Er galt als Macher, als einer der anpackt und auch Unangenehmes ansprach. Am heutigen Samstag wäre er 100 Jahre alt geworden.

Erwin Kettl galt in Neuburg als "Macher"

Vieles hat Neuburg Erwin Kettl zu verdanken. So gründete er den VdK-Ortsverein, war Wegbereiter des von VdK und Landkreis getragenen Geriatriezentrums im ehemaligen Brüderkrankenhaus, setzte sich für die Städtepartnerschaft mit dem französischen Sète ein und baute die Freien Wähler in Neuburg mit auf.

Eine Kriegsverletzung verschlug Erwin Kettl 1944 nach Neuburg.
Bild: Kettl (Archiv)

In einer politischen Partei hätte er sich nicht wohlgefühlt, zu tief saßen die Erinnerungen an die Hitlerzeit. Doch politisch aktiv sein und mitreden, das wollte er schon. 1978 schaffte er den Sprung in den Neuburger Stadtrat. Als Steuerberater und Regionalverbandsvorsitzender im Bund der Steuerzahler hatte er natürlich ein Auge auf die Finanzen – auch auf die der Stadt. Und als langjähriger Sozialreferent kümmerte er sich um die Belange sozial Schwacher. Nicht auf Vorteil trachten, aber Gerechtigkeit einfordern, das sei seine Maxime gewesen, wie sich Weggefährten erinnern.

Seine Liebe gehörte der Musik. Kaum aus dem Lazarett entlassen, gründete er eine Kapelle im Stil der amerikanischen Big Bands. Er spielte Klarinette und Tenorsaxofon und ließ mit der beschwingten Musik die Menschen das Leid des Krieges wenigstens für ein paar Stunden vergessen. Er selbst konnte nicht mehr das Tanzbein schwingen. Durch seine Verletzung war er für den Rest seines Lebens auf Krücken angewiesen. Umso faszinierter war er wohl von der Balletttänzerin Karin Stürtzer. „Er hatte von ihrem Können gehört und wollte sie unbedingt zu seiner Musik tanzen sehen“, erinnert sich Sohn Erwin Kettl. „Deswegen fuhren Freunde von ihm nach Ingolstadt und machten sich auf die Suche nach ihr.“ Sie fanden sie. Sie tanzte. Und kurze Zeit später heiratete sie Erwin Kettl. Die beiden bekamen zwei Söhne, Erwin und Michael, beide ebenfalls Steuerberater und Wirtschaftsprüfer. Erwin in Neuburg, Michael in München.

Kettl komponierte für den VfR und die Neuburger Burgfunken

1946 heiratete Erwin Kettl Karin Stürtzer in Neuburg.
Bild: Kettl (Archiv)

Die Musik begleitete den begeisterten Komponisten ein Leben lang, auch wenn er nach seiner Ausbildung zum Steuerberater nicht mehr von ihr leben musste. Als die Gebietsreform anstand und Neuburg und Schrobenhausen in einem Landkreis zusammen gefasst werden sollten, war der Protest auf beiden Seiten groß. Auch Kettl sah durch die Zusammenlegung vieler Ämter mehr Nachteile als Vorteile. Bei einer der vielen Diskussionen beim Dämmerschoppen im Arco kam die Idee auf, ein identitätsstiftendes Neuburg-Lied zu komponieren. Gesagt, getan. Bis heute ist die Liebeserklärung an die Ottheinrichstadt bekannt und wird zu besonderen Gelegenheiten gerne gesungen (siehe Text im Infokasten).

Insgesamt waren es über 100 Musikstücke, die Erwin Kettl komponierte, meist Märsche, Polkas und Walzer, aber auch Auftragskompositionen für die Bundeswehr in Neuburg, für den VfR Neuburg zum 50-jährigen Bestehen („Lila-Weiß-Marsch“) oder auch für die Neuburger Faschingsgesellschaft Burgfunken, denen er als „Ritter von der Hutzeldörre“ 1981 einen Faschingsschlager widmete.

1988 erhielt Erwin Kettl das Bundesverdienstkreuz

1988 erhielt er aus den Händen von Landrat Richard Keßler das Bundesverdienstkreuz von Richard von Weizsäcker überreicht. Eine Auszeichnung zum einen für sein soziales Engagement, aber auch für die Bemühungen um die Aussöhnung mit dem Kriegsgegner Frankreich, die in einer Städtepartnerschaft mündeten.

Zur Trauerfeier in der Peterskirche (Erwin Kettel war am 29. November 1998 einem Lungenleiden erlegen) kamen zwei Blaskapellen, um den beliebten Musiker zu ehren. Und das „Ave Maria“ von Bach wurde gespielt. Diesen letzten Wunsch konnte Erwin Kettl junior seinem Vater erfüllen, nachdem der Pfarrer bei der Hochzeit seiner Eltern mehr als 50 Jahre zuvor diesen Wunsch abgelehnt hatte.

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