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Neuburg-Schrobenhausen

15.01.2021

"Verwaltungs-Irrsinn": Neuburger kritisiert nach Corona-Infektion Behörden

Ein Mann aus Neuburg kritisiert nach einer Corona-Infektion die Behörden, unter anderem das Gesundheitsamt Neuburg-Schrobenhausen.
Foto: Sina Schuldt/dpa (Symbol)

Plus Ein Mann aus Neuburg wurde positiv auf Corona getestet. Was er davor und danach erlebt hat, empfindet er als Chaos. Das Gesundheitsamt Neuburg-Schrobenhausen gibt ihm zum Teil recht.

Inzwischen hat er alles überstanden. Die Ungewissheit, die Corona-Erkrankung, die Quarantäne. Jetzt blickt ein Mann aus Neuburg auf das zurück, was er in den vergangenen Tagen erlebt hat – und zieht eine kritische Bilanz. „Verwaltungstechnisch war das ein Irrsinn“, sagt er über seine Erfahrungen mit den Behörden. „Nach diesen Eindrücken wundere ich mich nicht mehr, warum wir so hohe Corona-Zahlen haben.“

Nach Corona-Infektion: Mann aus Neuburg kritisiert Behörden

Der Mann möchte auf mögliche Missstände im Corona-Management hinweisen und dafür anonym bleiben. Nach seinen Angaben beginnt alles kurz vor Silvester. Sein Arbeitskollege wird krank und lässt sich auf Corona testen. Das Ergebnis ist positiv. Dies erfährt der Neuburger auf privatem Wege. Auch er selbst zeigt plötzlich Symptome – leichtes Fieber und Unwohlsein. Da er zuvor Kontakt zu seinem corona-erkrankten Arbeitskollegen hatte und seine Frau zur Risikogruppe gehört, wird er nervös.

Um Gewissheit zu bekommen, will er sich auf Corona testen lassen. Er wählt die Hotline 116117 und schildert seinen Fall. Dort bekommt er den Hinweis, dass er sich beim Hausarzt oder in einem Testzentrum testen lassen soll. Das Problem: Es ist der Nachmittag des 31. Dezembers, ein kurzfristiger Termin ist zu diesem Zeitpunkt nirgends zu bekommen. „Die Nerven an Silvester lagen blank“, erzählt er.

Im Testzentrum Mühlried war auf die Schnelle kein Termin verfügbar

In der Folge bemüht er sich um einen Termin zum Testen. Erst im Testzentrum des Landkreises in Mühlried. Dort ist auf die Schnelle kein Termin zu bekommen. Der Neuburger sucht in der näheren und weiteren Umgebung nach freien Testkapazitäten, in Donauwörth und München beispielsweise. Auch dort hat er keinen Erfolg. Am Ende muss er zum Flughafen Nürnberg fahren, um einen Abstrich machen lassen zu können. Dort ist zumindest am 2. Januar ein Termin frei. Das Ergebnis: Der Neuburger ist mit dem Coronavirus infiziert.

Nachdem diese Information am Sonntag, 3. Januar, vorliegt, meldet er sich Montagmorgen beim Gesundheitsamt Neuburg-Schrobenhausen. Es geht um eine nötige Quarantäne und darum, Kontaktpersonen zu definieren, um diese zeitnah und kostenlos testen zu lassen. Doch so einfach ist das nicht. Das Gesundheitsamt teilt dem Mann nach dessen Angaben mit, dass die Behörde diese Schritte erst veranlassen kann, wenn der Laborbefund offiziell vorliegt. Dies ist erst zwei Tage, nachdem das Testergebnis feststeht, der Fall.

Nach positivem Corona-Test passiert zwei Tage lang nichts

Bis dahin begibt sich der Neuburger selbst in Quarantäne und warnt mögliche Kontaktpersonen. „Das sagt einem der gesunde Menschenverstand.“ Bringt jemand diese Vernunft nicht mit, hätte er theoretisch zwei Tage lang machen können, was er möchte – trotz positivem Corona-Test, betont der Betroffene.

Janika Eberhart kümmert sich beim Gesundheitsamt Neuburg-Schrobenhausen darum, dass alle Personen, die mit Corona-Infizierten Kontakt hatten, informiert und in Quarantäne geschickt werden. Ihre Kollegin Janine Meißner (im Hintergrund) kontaktiert all jene mit einem positiven Corona-Testergebnis. 
Foto: Claudia Stegmann

Am 5. Januar schließlich liegt dem Gesundheitsamt der Laborbefund vor. Die Behörde veranlasst telefonisch eine Quarantäne. Weil die Symptome schnell abklingen, ist diese Isolation lediglich bis zum 9. Januar nötig. Erst einen Tag vor dem Ende der Quarantäne, also am 8. Januar, bekommt der Neuburger eine Anordnung per Post, wie er sich während der Isolation zu verhalten hat, etwa bezüglich der Müllentsorgung. „Da war es dann zu spät.“

Der Mann aus Neuburg sagt zum Corona-Management: "Das System funktioniert so nicht"

Er erzählt von einem weiteren Kollegen, der sich angesichts des Corona-Falls im Arbeitsumfeld hat testen lassen. Um den Jahreswechsel herum habe er ein negatives Testergebnis bekommen. Erst jetzt, knapp zwei Wochen später, kam eine Nachricht vom Amt, dass er als Kontaktperson gelistet ist.

Dem Neuburger ist bewusst, wie aufwendig das Corona-Management und im speziellen die Kontaktverfolgung ist. Trotzdem betont er: „Das System funktioniert so nicht. Da kann man einen Lockdown nach dem anderen beschließen.“

Auf Nachfrage nimmt Dr. Johannes Donhauser, Leiter des Gesundheitsamtes, Stellung zu den Vorwürfen. Er bestätigt, dass es zu Jahresbeginn überregionale, technische Probleme gab. Zum 1. Januar gab es demnach eine Software-Umstellung an den Schnittstellen zu den Laboren. Infolgedessen sei es zu Unregelmäßigkeiten bei der Datenübermittlung gekommen. Seit Anfang dieser Woche habe man nichts mehr in diese Richtung feststellen können. „Ich hoffe, dass das Problem nun behoben ist“, sagt Donhauser.

Gesundheitsamt Neuburg: Es gab zum Jahresanfang technische Probleme

Er betont, dass das Amt eingehende Fälle tagesaktuell bearbeitet, sofern die Daten kommen. Dies kann, unabhängig von technischen Problemen, manchmal dauern, sagt der Medizinaldirektor – gerade, wenn andere Gesundheitsämter involviert sind. Vor allem in Großstädten seien die Ämter überlastet. Bezüglich der verspäteten Post verweist Donhauser darauf, dass eine Quarantäne nicht auf Zuruf, sondern schriftlich angeordnet werden muss. Doch dieser Postweg dauere – erst recht am Wochenende, wenn die Poststelle in der Behörde nicht besetzt ist.

Grundsätzlich sei die Arbeitsbelastung groß, betont Donhauser. Trotz hoher Standards könne man Versäumnisse in Einzelfällen nicht ausschließen, vor allem angesichts der Tatsache, dass zuletzt 40 neue Mitarbeiter eingelernt wurden. „Da wird es immer den einen oder anderen Fehler geben“, sagt Donhauser. „Ich habe vollstes Verständnis, dass der einzelne Betroffene in der Folge verärgert bis erbost ist.“

Einblicke, wie das Gesundheitsamt in Neuburg arbeitet, gibt es hier: Dem Virus auf der Spur: So arbeitet das Gesundheitsamt in Neuburg

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18.01.2021

Im Grunde funktioniert das ganze System nur durch eine 24/7 Zusammenarbeit zwischen Bürgern und Behörden. Nur leider fehlt an allen Stellen Personal, um das gewährleisten zu können. Wie rückständig wir in Deutschland sind - in Bereichen, in denen ich es nicht vermutet hätte - zeigt die Pandemie. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass Fälle wie der geschilderte die Ausnahme sind. Und dass die Erkenntnis bei den Verantwortlichen kommt, dass man eine Pandemie nicht durch finanzielle Mittel bekämpfen kann, sondern durch Menschen, die wissen, was sie tun und das anderen mitteilen, die das nicht wissen. Und zwar ohne dabei alle in Angst zu versetzen.

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