Newsticker

WHO: Steigende Coronazahlen sind kein Anzeichen für zweite Welle
  1. Startseite
  2. Lokales (Neuburg)
  3. Viel Gerede, keine Botschaft

Theater

02.12.2019

Viel Gerede, keine Botschaft

.
Bild: Michael Heberling

Bei der Premiere von „Furor“ am Stadttheater Ingolstadt bleibt der Zuschauer ratlos zurück

„Furor“ ist die Sorte Theaterstück, die beim bildungsbürgerlichen Standardabonnenten so gar nicht gern gesehen wird. Alles, was da verhandelt wird, kriegt man, sofern man überhaupt will, genau so gut oder schlecht im Fernsehen, in der Zeitung, im Internet oder am Stammtisch geboten. In diesem Fall: eines von vielen Beispielen für die zunehmende Verrohung einer auseinanderdriftenden Gesellschaft. Aber selbst wer sich auf Problemstücke versteht, der versteht nicht, was die Ingolstädter Inszenierung des Schauspiels von Lutz Hübner und Sarah Nemitz will.

Die handelnden Personen: Mutter Nele Siebold (Victoria Voss), ein mitleiderregend zerrüttetes Nervenwrack, wie man sie aus dem Nachmittagsprogramm der privaten Fernsehsender kennt, Ministerialdirigent Heiko Braubach (Jan Gebauer), ein alerter Politiker, der in jede x-beliebige Talkshow passt, und Neles Neffe Jerome Siebold (Jan Beller), der einem Hinrichtungsvideo des Internets entsprungen scheint. Zwei zugespitzt prekäre Existenzen treffen auf den bilderbuchmäßig bösen Machtmenschen Braubach, der Siebolds 18-jährigen Sohn, einen vermeintlich drogenkonsumierenden Kleinkriminellen, bei einem Autounfall angeblich schuldlos zum beinamputierten Krüppel gemacht hat. Beim durchsichtigen Versuch Braubachs, der Mutter des Unfallopfers Anteilnahme zu zeigen und Hilfe zukommen zu lassen, wird die komplizierte Gemengelage der Motive aller Beteiligten deutlich. Da sind Scham und Wut, Gekränktheiten und Beleidigungen, verfängliche Rechtfertigungsversuche und verbrämte Bestechungsversuche, ja, kaltschnäuzige Erpressung. Jeder erweist sich bei seiner Suche nach Erklärungen und Lösungen auf seine Weise als verbohrt und verblendet: Kommunikation, aber keine Verständigung. Und weil ja jemand schuld sein muss an den Fehlern im System, und weil jemand stellvertretend, symbolisch und höchst konkret der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen muss, beginnt Jerome – scheiß auf Demokratie und Gewaltenteilung – mit seiner detailliert geplanten Abrechnung. Der Dialog, der nie einer war, wird zum Tribunal.

Regisseur Simon Dworaczek macht das Gewölbe des Studios im Herzogkasten zum Echoraum für die kruden Thesen zu kurz gekommener Wutbürger. Seine Darsteller bemühen sich mit höchstem körperlichen Einsatz, zu zeigen, wie der Mut der Verzweiflung von Losern sich in kriminelle Energie sich selbst ermächtigender Rächer verwandeln kann. Was der Zuschauer vor allem erlebt ist viel Gerede, keine Botschaft, kein Ende, kein Fazit, keine Lehre. „Furor“ ist ein Leerstück, an dessen Schluss der sinn- und nutzloseste Satz steht, den man sagen kann: Das habe ich nicht gewollt.

Die nächsten Aufführungen: 6., 7., 9., 10., 13., und 17. Dezember.

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren