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Neuburg

22.04.2019

Volkstheater leistet unterhaltsame Sterbehilfe

Im Haus der Tanten Abby (Eva Zwack, links) und Martha Brewster (Annelies Zellner, rechts) geht es hoch her, unter anderem sind hier gerade Mr. Witherspoon (Robert Huis, links) und Dr. Einstein (Sebastian Englschall, rechts) zu Besuch.
Bild: Xaver Habermeier

Plus Wie das Neuburger Volkstheater das Publikum im Stadttheater mit der Komödie „Arsen und Spitzenhäubchen“ zum Lachen bringt und welche Irren am meisten überzeugen.

„Aaaaaattackeeee!!!“ ruft Teddy Brewster, der sich für Präsident Theodore Roosevelt hält, bläst in seine Trompete und stürmt die Treppe hinauf. Das wird er an diesem Abend noch öfter machen – und das Publikum im Neuburger Stadttheater wird jedes Mal wieder schallend lachen. Oliver Vief gibt den harmlosen, liebenswerten Irren hervorragend und trägt damit wesentlich dazu bei, dass sich die Zuschauer beim diesjährigen Osterstück des Neuburger Volkstheaters prächtig amüsieren. Teddy ist aber bei Weitem nicht der einzige Irre in der schwarzen Komödie „Arsen und Spitzenhäubchen“ von Josef Kesselring.

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Kostüme, Maske, Bühnenbild – alles passt und man fühlt sich sofort zurückversetzt ins Amerika der 1930er/1940er Jahre, genauer gesagt, in eine alte Villa in Brooklyn, New York. Abby (Eva Zwack) und Martha Brewster (Annelies Zellner) führen ein – auf den ersten Blick – ruhiges Leben. In ihren weißen Rüschenblusen und langen schwarzen Röcken trippeln sie über die Bühne, wirken unschuldig und konservativ. Doch der Schein trügt. Mit einem selbst gemachten Holunderbeerenwein, der versetzt ist mit einem Teelöffel Arsen, einem halben Teelöffel Strychnin und einer Prise Zyankali, töten sie einsame Männer. „Aus reiner Nächstenliebe“, wie sie selbst beteuern. Ihre „Gentlemen“ vergraben sie dann im Keller, wo Neffe Teddy glaubt, den Panamakanal auszuheben.

Mortimer Brewster (Christoph Kessler, links) und Teddy Brewster (Oliver Vief) in einem hitzigen Gespräch.
Bild: Xaver Habermeier

Volkstheater Neuburg mit überzeugender Leistung

Eines Tages entdeckt allerdings ihr anderer Neffe Mortimer (Christoph Kessler) die Leiche von Mr. Hoskins in der Sitztruhe unter dem Fenster – und das kurz nachdem er der benachbarten Pfarrerstochter Elaine (quirlig und mit perfekter Föhnfrisur: Martina Kornreiter) einen Heiratsantrag gemacht hat. Die Rolle des Mortimer ist nicht leicht zu spielen, zum einen konkurriert Kessler mit Charme-Bolzen Cary Grant, der den Mortimer in einer berühmten schwarz-weiß Verfilmung der 1940er Jahre von Frank Capra dargestellt hat. Zum anderen muss er den Spagat schaffen zwischen dem arroganten Theaterkritiker, dem leicht in Panik geratenden Muttersöhnchen und dem moralisch integeren Bruder. Doch Kessler schlägt sich wacker, zwar teils mit übertriebener Gestik und Mimik – aber auch das passt zur Inszenierung!

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Noch bevor Mr. Hoskins unter der Erde liegt, tauchen zwei Unbekannte auf: der vor vielen Jahren verschwundene dritte Neffe Jonathan Brewster (René Schmager), der alle an Frankensteins Monster erinnert, und sein Kumpan Dr. Viktor Einstein (Sebastian Englschall). Das vernarbte Gesicht von Schmager ist professionell geschminkt, macht ihn noch furchteinflößender. Die Rolle des entflohenen Massenmörders gibt Schmager sehr überzeugend. Englschall hält den osteuropäischen Akzent tapfer durch bis zum Schluss. Auch Jonathan und Dr. Einstein haben eine Leiche im Gepäck, die von Mr. Spinalzo, ihrem jüngsten Mordopfer. In dem Loch im Keller der Brewsters wittern sie die Chance, ihre illegale Fracht loszuwerden. Sehr zum Ärger der Tanten. Wo kämen sie denn hin, wenn jede dahergelaufene Leiche bei ihnen im Keller begraben würde? Mortimer gerät derweil immer mehr in Panik, möchte er doch seine geliebten Tantchen retten – vor Jonathan und vor der Polizei.

Jonathan versucht, Elaine Harper (Martina Kornreiter) am Schreien zu hindern.
Bild: Xaver Habermeier

Volkstheater Neuburg: Weitere Aufführungen folgen

Bei den Tanten schauen nämlich immer wieder Polizisten vorbei, weil sich Anwohner über die lautstarke Trompeterei von Teddy beschweren: O´Hara (Eberhard Spieß, der außerdem noch den Dr. Harper, Elaines Vater, spielt), Klein (Jörg Sachse), Brophy (Helmut Bößhenz) und Leutnant Rooney (Walter Binknus, der noch den potentiellen Untermieter Mr. Gibbs darstellt). Die Polizisten erheitern das Publikum mit ihrer Tolpatschigkeit, zum Beispiel, wenn sie versuchen, sich gleichzeitig durch eine viel zu enge Tür zu zwängen.

Am Ende der Premiere spenden die Zuschauer lange Beifall, besonders Zwack und Zellner, Schmager, Kessler und allen voran Vief. Vief hatte die Regie diesmal an Lucie Schafferhans abgegeben. Das Stück „Arsen und Spitzenhäubchen“ war gut gewählt, die Handlung ist interessant und witzig, mit musikalischen Elementen aufgepeppt, in Zusammenhang mit aktiver Sterbehilfe, die die Tanten ja im weiteren Sinne leisten, zudem hoch aktuell. Ein unterhaltsamer Abend!

René Schmager spielt Jonathan Brewster, den bösen Bruder von Mortimer. Nach einer Operation sieht er aus wie Frankensteins Monster.
Bild: Xaver Habermeier

Weitere Aufführungen von „Arsen und Spitzenhäubchen“ sind am 26. und 27. April sowie am 3. und 4. Mai, jeweils um 20 Uhr im Neuburger Stadttheater. Karten gibt es zum Beispiel unter www.eventim.de und an der Abendkasse.

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