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Oberhausen

21.07.2020

Von Eritrea nach Unterhausen

Ermias Grmay arbeitet derzeit an seinem Gesellenstück, einem Couchtisch. Darauf ist sein Fluchtweg von Afrika nach Europa zu sehen.
Bild: Annemarie Meilinger

Der 21-jährige Ermias Grmay ist vor sechs Jahren aus seiner Heimat geflohen. Jetzt macht er eine Ausbildung in der Schreinerei Appel in Unterhausen.

Dass er einmal Heimweh haben und sein Dorf und seine Familie vermissen würde, hätte sich Ermias Grmay vor sechs Jahren nicht vorstellen können. Damals wollte er einfach nur weg aus Eritrea, und vier seiner Freunde auch. Er war gerade 15 Jahre alt und weit weg von irgendwelchen Chancen auf einen Job und so etwas wie einer Zukunftsperspektive. Doch es sollte alles anders kommen.

Dafür musste Ermias allerdings einen langen Weg auf sich nehmen. Um nach Europa zu kommen, ließ sich die Gruppe auf abenteuerlichen Wegen von Schleppern durch die Wüstengebiete im Sudan nach Libyen transportieren. Von dort startete ein Schlauchboot, voll mit Flüchtlingen und zu wenig Treibstoff. Sie hatten Glück: Nach einem Tag auf bewegter See wurden sie von einem italienischen Boot gerettet und in den apulischen Hafen Tarent gebracht. „Von dort sind wir abgehauen und mit dem Zug nach Rom gefahren“ erinnert sich Ermias. Mit dem Bus ging es dann weiter – „und auf einmal waren wir in Deutschland“.

An der Berufsschule in Neuburg lernt Ermias Grmay deutsch

Ermias landet in der Gemeinschaftsunterkunft in Neuburg. Weil er minderjährig ist, wird er in einer gesonderten Gruppe betreut und erhält Sprachkurse an der Berufsschule.

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Nach einem Praktikum in der Unterhausener Schreinerei von Stephan Appel entscheidet sich Ermias, eine Ausbildung zum Schreiner zu beginnen. Das war vor vier Jahren, und es war anfangs alles andere als einfach. „Ich wollte oft aufhören, weil es so schwer war“, erzählt er. Vor allem die sprachlichen Defizite und die vielen Fachausdrücke machten ihm zu schaffen. Viele Flüchtlinge brechen deshalb die Ausbildung ab – Ermias hat durchgehalten.

Die theoretische Prüfung hat er schon in der Tasche, jetzt kommt noch der praktische Teil. Derzeit baut er an seinem Gesellenstück, einem Couchtisch aus geräucherter Eiche. Auf der Tischplatte hat er das Mittelmeer eingearbeitet. Unter einer Schicht aus Kunststoff schimmert das blaue Meer, eine metallisch glänzende Linie zeichnet seinen Fluchtweg von Nordafrika nach Mitteleuropa nach. Der Weg, der sein Schicksal bestimmt hat – und der Weg, der nicht zurückführt. „Du weißt, dass es nicht besser ist, zurückzugehen, deshalb verschwendest du keinen Gedanken daran“, sagt Ermias.

Der junge Mann aus Eritrea arbeitet in der Schreinerei Appel

Er hatte Glück: Er hat bald einen Gesellenbrief und vielleicht auch eine Zukunft in Deutschland – vorausgesetzt, sein Status der „Duldung“ wird verlängert. Was bleibt, ist der Verlust der Familie und von Freunden in der Heimat und das immer wieder kommende Heimweh.

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