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Neuburg

23.12.2020

Weihnachten in Neuburg: Grillen mit der Familie statt großer Party

Die syrische Familie heute in ihrem Zuhause in Neuburg (von links): Mohamad Essa, Mohamad, Roshan, Hossam Alhaj Hasan, Hani, Rasha Essa und Taem. 2015 kamen sie gemeinsam nach Deutschland.
Bild: Dorothee Pfaffel

Plus Hossam und seine Familie flohen vor fünf Jahren von Syrien nach Deutschland. Seitdem leben sie in Neuburg. Wie sich ihr Weihnachtsfest verändert hat, was sie sich wünschen und welches Fazit sie ziehen.

Wie eine riesige Party. Mit einem großen Weihnachtsbaum auf einem öffentlichen Platz, vielen Menschen aus der Umgebung –Christen und Muslime gleichermaßen – und einem leckeren Truthahn. So haben Hossam Alhaj Hasan und seine Familie Weihnachten früher gefeiert, in ihrer Heimat Syrien. Früher, das heißt, bis vor fünf Jahren, bis 2015 – dem Jahr, in dem Bundeskanzlerin Angela Merkel ihren berühmten Satz „Wir schaffen das!“ sagte.

In diesem Jahr brach auch Hossam mit seiner Frau Rasha Essa, seinem Schwager Mohamad Essa und drei Kindern – inzwischen sind es vier – von Damaskus aus nach Deutschland auf, um künftig ein besseres und vor allem sicheres Leben zu führen. In Damaskus konnten sie nicht länger bleiben. Bedrohlich niedrig fliegende Flugzeuge, Raketentransporte auf offener Straße und bewaffnete Kämpfer gehörten dort zum Alltag. Ein Alltag in Angst, den keiner ewig ertragen kann. Wie geht es Hossams Familie jetzt nach fünf Jahren? Hat sie in Neuburg eine neue Heimat gefunden, in der sie Weihnachten mit Christbaum, Lichterketten und Lametta feiert?

2015 war für die Familie an Weihnachten feiern nicht zu denken

Ende September 2015 kam die syrische Familie in Deutschland an, erst in München und zwei Tage später in Neuburg. Traumatisiert von der Flucht, auf der sie beschossen wurden, auf der sie in der Kälte frieren und Schleuser bestechen mussten. Tausende Kilometer hatten sie zurückgelegt: zu Fuß und mit dem Bus in die Türkei, mit dem Gummiboot nach Griechenland, danach weiter mit Bussen und Zügen nach Mazedonien, Serbien, Kroatien, Ungarn und Österreich. Bis sie schließlich nach 21 Tagen ihr Ziel, Deutschland, erreichten. Das Land, von dem sie gehört hatten, dass es dort Jobs, Ausbildungs- und Studienplätze sowie gute Schulen gibt.

Doch so rosig begann das neue Leben nicht. Die Familie lebte zunächst zu sechst in einem Zimmer in der Gemeinschaftsunterkunft in der Donauwörther Straße. An Weihnachten feiern, daran war 2015 überhaupt nicht zu denken, erzählt Hossam. Während die Durchschnittsfamilie in Neuburg Plätzchen aß, Weihnachtslieder sang und Geschenke austauschte, hatten Hossam und seine Liebsten zu viele Sorgen: Würden sie in Deutschland bleiben dürfen? Wie finden sie Arbeit und eine Wohnung?

2018 kam die Familie aus Syrien zu Besuch

2016 lief es schon besser. Die Familie hatte sich etwas eingelebt, die Wohnverhältnisse verbessert. Deutlich deutscher sollte dieses Weihnachten werden. Hossam und seine Frau Rasha stellten sogar einen Christbaum auf, ein paar Neuburger kamen vorbei. Doch so recht anfreunden konnte sich die muslimische Familie mit dem Christbaum im Wohnzimmer nicht. Die Kinder hätten ihn kaputtgemacht, sagt Rasha. Deshalb lassen sie das Aufstellen seitdem bleiben. Was für die Familie wichtig ist an Weihnachten, ist das Zusammensein. Das schönste Weihnachtsfest der vergangenen fünf Jahre war deshalb 2018, sind sich Erwachsene und Kinder einig. Denn vor zwei Jahren kam Rashas Familie aus Syrien zu Besuch – mit 18 Menschen feierten sie in dem Haus in der Münchener Straße, in dem die Familie mittlerweile lebt. Statt mit Weihnachtsdekoration geschmückt, waren die Zimmer erfüllt von Freude und Liebe.

Die Familie feiert am 25. Weihnachten

Dieses Jahr wird niemand zu Besuch kommen. Der 41-jährige Hossam und seine Familie wollen es sich trotzdem schön machen. Den 24. Dezember feiern sie nicht, sondern wie früher in Syrien den 25. Sie wollen abends in der Garage grillen, Gemüse und Fleisch. Dazu gibt es Taboulé, ein Salat unter anderem mit Petersilie, Tomaten und Zwiebeln, erklärt Rasha. Eine Freundin von ihr aus Neuburg wird zum Essen vorbeikommen. Hossam verkleidet sich als Weihnachtsmann und die Kinder bekommen Geschenke. Was sie sich wünschen? Hossams ältester Sohn Mohamad (10) möchte ein Spiderman-Spielzeug, Taem (9) „Polizeisachen“, also eine Pistole und Handschellen, die einzige Tochter Roshan (7) wünscht sich eine Kasse, um Kassiererin zu spielen, und Hani (3) möchte ein ferngesteuertes Modellauto.

Fragt man die Familie nach ihren immateriellen Wünschen, fangen alle an zu träumen. Schwager Mohamad möchte, dass seine Familie in Syrien gesund bleibt und dass er in Deutschland einen Ausbildungsplatz findet. Der 21-Jährige hat in Neuburg den Hauptschulabschluss gemacht und absolviert wie seine Schwester Rasha einen Integrationskurs, aber er tut sich schwer mit dem Schreiben von Bewerbungen. Die 34-Jährige wünscht sich, dass in ihrem Heimatland der Krieg endet und dass sie ihre Schwester bald wiedersehen kann. Hossam hofft, dass irgendwann alle Menschen gleichbehandelt werden, egal wo sie herkommen, egal ob sie Palästinenser sind wie er und seine Familie oder nicht. Alle Erwachsenen wünschen sich außerdem vor allem eines: eine unbegrenzte Aufenthaltserlaubnis in der Bundesrepublik, einen deutschen Pass, mit dem sie überallhin reisen können. Sohn Mohamad möchte Oma und Opa wiedersehen, Roshan will Schönheitschirurgin werden, Hani Pilot. Und Taem greift nach den Sternen: Er träumt davon, zum Mond zu fliegen.

Langfristig zieht es die Familie nach Hamburg oder Lüneburg

Hat die syrische Familie nun endgültig ein neues Zuhause gefunden? Das Fazit fällt gemischt aus. Zwar fühlen die Erwachsenen und die Kinder sich in Neuburg sicher, doch die Frage, ob sie für immer in Deutschland bleiben dürfen, ist noch nicht final geklärt. Bisher haben die Familienmitglieder unterschiedlich lange Aufenthaltsgenehmigungen, wie sie sagen. Und das können sie nur schwer nachvollziehen. Hinzu kommt, geben die Erwachsenen zu, dass sie nur wenig richtige Freunde in Neuburg gefunden hätten. Außerdem plagen Rasha seit Längerem gesundheitliche Probleme – und bislang konnte ihr kein lokaler Arzt helfen. Hossam hat mehrere Jobs gleichzeitig, um die Familie zu ernähren: als Reinigungskraft, als Näher, als Tanzlehrer.

Mittel- bis langfristig zieht es die Familie nach Hamburg oder Lüneburg, wo Hossams Geschwister leben und Rasha auf eine bessere ärztliche Versorgung hofft. Das soll dann in ein paar Jahren das Ende dieser ganz persönlichen Herbergssuche sein.

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