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Neuburg-Schrobenhausen

20.05.2020

Wenn der Tod ohne Vorwarnung kommt

Wenn die Mutter bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt oder der Vater sich das Leben nimmt, kümmern sich die Mitglieder des Kriseninterventionsteams auch um die Kinder.
Bild: KIT München, dpa (Symbolbild)

Plus Seit fünf Jahren gibt es das Kriseninterventionsteam des BRK. Zwei Gründungsmitglieder erzählen von ihrem ersten Einsatz, den sie früher als gedacht hatten.

Es war ein sonniger Abend. Brigitte Bour hatte sich gerade eine Tasse Tee gemacht und sich auf die Terrasse gesetzt, um die letzten Sonnenstrahlen an diesem warmen Apriltag zu genießen, als das Telefon klingelte. Nachdem sie die kurze Nachricht gehört hatte, rutschte ihr fast das Herz in die Hose: Ein Mensch war gestorben und das noch ganz junge Kriseninterventionsteam wurde zur Unterstützung angefordert. Sie und ihre Kollegin Liane Hatz würden sich gleich zum allerersten Mal in ihrem Leben um die Angehörigen kümmern.

Dass sie ausgerechnet an diesem Abend in den Einsatz geschickt werden, hätten beide nie gedacht. „Das war einfach unglaublich“, erinnert sich Brigitte Bour. Denn es war gerade mal zwölf Stunden her, dass das Notfallteam des BRK seinen Dienst aufgenommen hatte. 26 Männer und Frauen hatten sich dafür ausbilden lassen, dass sie bei plötzlichen Todesfällen zu den Angehörigen gehen und für sie da sind. Am 20. April 2015 um 7 Uhr morgens meldete sich das Team einsatzbereit, gegen 19 Uhr wurde es bereits gebraucht.

Kriseninterventionsteam und Notfallseelsorge hatten schon über 400 Einsätze

Fünf Jahre ist es nun her, dass das Bayrische Rote Kreuz im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen einen Kriseninterventionsdienst (KID) ins Leben gerufen hat. Die Betreuung von Angehörigen nach dem Tod eines Menschen hatte zuvor das Seelsorger-Ehepaar Last übernommen. Doch als sich diese zurückzogen, entstand eine Lücke. Das BRK startete deshalb einen Aufruf und bildete über 20 Freiwillige für diesen anspruchsvollen Dienst aus. Seitdem hat das BRK zusammen mit der kirchlichen Notfallseelsorge, mit der es sich ein halbes Jahr später zusammengeschlossen hat, bei über 400 Einsätzen insgesamt rund 2000 Menschen betreut.

Wenn der Tod ohne Vorwarnung kommt

Wie vielen Schicksalen Brigitte Bour und Liane Hatz in dieser Zeit begegnet sind, haben beide nicht gezählt. Unvergessen bleibt ihnen aber ihr erster gemeinsamer Einsatz. Im nördlichen Landkreis hatte sich ein Mann zuhause das Leben genommen. Kripo und Rettungskräfte waren bereits vor Ort. Die Polizei hatte ihre Befragung abgeschlossen und der Notarzt den Tod des Mannes festgestellt. Doch um die Fassungslosigkeit, die Trauer, die Wut, den Schmerz – um all die Emotionen musste sich nun das KID-Team kümmern.

Bild: Claudia Stegmann

Der erste Einsatz des KID im Landkreis: ein Suizid

Ein Suizid in einer Familie – das ist mit die schlimmste Situation, mit der die Ehrenamtlichen des Kriseninterventionsteams konfrontiert werden können. Entsprechend nervös und angespannt waren Brigitte Bour und Liane Hatz deshalb auch, als sie sich wenige Minuten nach dem Anruf ins Auto setzten und zu der Familie fuhren. „Wir wissen nie, was uns vor Ort erwartet“, sagt Liane Hatz. Selbst nach Dutzenden von Einsätzen können sie keine Situation vorhersagen. Manche Menschen weinen, manche schreien, manche sind aufgekratzt, andere ziehen sich zurück. „Wir greifen nicht ein, wir lassen alles zu“, sagt Brigitte Bour. Nur eines versuchen die KID-Mitglieder zu vermeiden: dass die Betroffenen in eine Starre verfallen und den Tod nicht wahrhaben wollen.

Deshalb ist es für das Kriseninterventionsteam auch so wichtig, dass sich die Angehörigen – wenn irgendwie möglich – von dem Toten verabschieden. Das sei wichtig, um sich der Realität bewusst zu werden, und leite auch den Trauerprozess ein, erklären sie.

Der Kriseninterventionsdienst ist rund um die Uhr im Einsatz

Vier Stunden waren Brigitte Bour und Liane Hatz an jenem Abend bei der Familie. Als es Zeit für die Verabschiedung wurde, umarmte die Ehefrau die beiden. „Danke, dass ihr da wart“, sagte sie. Es sind genau diese Momente, mit denen der unentgeltliche Dienst belohnt wird.

Das Krisenteam ist fast rund um die Uhr im Einsatz – und zwar nicht nur für Privatpersonen, sondern seit 2018 auch für Rettungskräfte, denen ein dramatischer Einsatz zu schaffen macht. In einem Drei-Schicht-System teilen sich die aktuell 34 Mitglieder des BRK und der Notfallseelsorge im Zweierteam den Dienst. Nur in seltenen Fällen können sie den Dienstplan nicht füllen, weshalb sie mit den Kollegen aus Ingolstadt, Eichstätt und Pfaffenhofen in einem regen Austausch stehen.

Die Feier zum 5. Geburtstag mussten die Ehrenamtlichen des KID verschieben

Das hätten sie gerne auch am 20. April zu ihrem fünften Geburtstag gemacht. Doch die Corona-Krise hat ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Statt Feiern war ungewollte Freizeit angesagt. Mit Beginn der Ausgangsbeschränkungen musste auch das KID-Team vorübergehend seinen Dienst einstellen, da es keine Schutzausrüstung gab. „Gestorben wurde trotzdem“, sagt Fachbereichsleiterin Margot Koschmieder. Doch die Vorfälle, bei denen die Krisenintervention gefragt gewesen wäre, seien in den vergangenen Wochen seltener gewesen – weil es schlichtweg weniger Unfälle auf den Straßen gab und weil die Familien zuhause waren. Erst seit Anfang Mai ist das Team wieder im Dienst.

Was macht es mit einem, wenn man Menschen in ihren schwersten und dunkelsten Stunden zur Seite steht? Liane Hatz hat die Arbeit sensibler im Umgang mit ihren Mitmenschen gemacht, und Brigitte Bour geht achtsamer und bewusster mit sich und ihrem Leben um. „Ich bin froh, dass ich den Schritt gemacht habe“, bewertet sie ihre Entscheidung vor fünf Jahren, sich für das KID-Team ausbilden zu lassen. Und die über 2000 Menschen, die sie und ihre Kolleginnen seitdem betreut haben, sehen das bestimmt genauso.

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