Newsticker

Länder wollen an Weihnachten und Silvester Treffen von bis zu zehn Personen erlauben
  1. Startseite
  2. Lokales (Neuburg)
  3. Wie Mütter von drogenabhängigen Kindern leiden

Ingolstadt

11.02.2018

Wie Mütter von drogenabhängigen Kindern leiden

Die Frau aus der Nähe von Ingolstadt möchte unerkannt bleiben. Ihr 28-jähriger Sohn konsumiert seit 14 Jahren Drogen. Für die Mutter ein Hin und Her zwischen Hoffnung und Angst.
Bild:  Thomas Balbierer

Wenn ihre Kinder in die Drogenabhängigkeit geraten, bricht für Eltern eine Welt zusammen. Zwei Mütter berichten über ihre schmerzhaften Erfahrungen.

Ursula Schönauer sitzt im warmen Schein ihrer Wohnzimmerlampe. Vor sich auf dem Tisch liegt ein Köfferchen, es sieht aus wie ein kleiner Arztkoffer. Die silberne Oberfläche glänzt aber nicht, sie ist verdreckt. Schönauer klappt die Metallverschlüsse nach oben und öffnet den Deckel – darin: längliche Plastikspritzen, vergilbte Druckverbände, zwei rostige Löffel und jede Menge Wattestäbchen. Alles, was man so braucht, um sich Heroin zu spritzen. Das Werkzeug ist wüst im Koffer verstreut, es gehörte einer jungen Drogensüchtigen. Die hat ihren Koffer Ursula Schönauer geschenkt, bevor sie in die Entzugstherapie ging. Schönauer hätte den Koffer auch wegschmeißen können, aber nun sitzt sie am Wohnzimmertisch und präsentiert die Drogenwerkzeuge wie Museumsstücke. Die 69-Jährige sagt: „Das Drogenproblem wird totgeschwiegen. Das Thema hat keinen Platz in der Gesellschaft!“

Selbsthilfegruppe für betroffene Familien

Dafür, dass doch darüber gesprochen wird, sorgt Ursula Schönauer seit 18 Jahren mit ihrem Ingolstädter Elternkreis – einer Selbsthilfegruppe für Mütter und Väter, deren Kinder in die Drogensucht geraten sind. Jeden Donnerstag um 20 Uhr trifft sich der Elternkreis im Ingolstädter Bürgerhaus. Der vertrauliche Austausch hat vor allem eine Funktion: Er soll die Teilnehmer entlasten. Im Freundes- oder Familienkreis fällt es den meisten Eltern nämlich schwer, über die Drogensucht der eigenen Kinder zu sprechen. Im Elternkreis können sie ihre Erfahrungen und Fragen ohne Scham mit Gleichgesinnten teilen. Spricht man mit Teilnehmern der Gruppe, fällt auf, dass es vor allem Mütter sind, die an der Drogensucht ihrer Kinder extrem leiden. Zwei von ihnen waren bereit, ihre Geschichte der Neuburger Rundschau anzuvertrauen, um Müttern zu helfen, die in einer ähnlichen Lage sind. Beide möchten anonym bleiben, deshalb haben wir ihre Namen in diesem Artikel geändert.

Weil die Therapie nichts brachte, ging er ins Gefängnis

Für Petra Steinfeld* brach eine heile Welt zusammen, als sie ihren Sohn im Alter von 14 Jahren in seinem Zimmer zum ersten Mal beim Kiffen erwischte. „Wir leben in einem 600-Seelen-Dorf. Wir dachten, hier sei die Welt noch in Ordnung“, sagt die Frau aus der Nähe von Ingolstadt. Doch die Drogen sollten ihr Leben und das ihrer Familie verändern. Anfangs habe sie das Problem verdrängt, erzählt die Mutter. Doch die Drogensucht des Sohnes wurde mit den Jahren immer problematischer. Nachdem er auf dem Schulhof beim Dealen von Cannabis erwischt worden war, stellte ihn das Gericht vor die Wahl: Entzugstherapie oder Gefängnis. Er entschied sich für die Therapie, wurde jedoch eine Woche vor dem Ende aus der Einrichtung geworfen – wegen Drogen. Ihr Sohn, berichtet Petra Steinfeld, ging für neun Monate ins Gefängnis. Das ist fast zehn Jahre her. Heute ist ihr Sohn 28, lebt in seiner eigenen Wohnung und hat einen Job. Drogen nimmt er noch immer – Cannabis, Speed, Ecstasy. Das Rauschgift mache ihn fahrig, aggressiv, sagt die bald 60-jährige Mutter – immer wieder gibt es Streit. „Aber es ist weniger geworden.“ Ganz schlimm werde es nur, wenn die Drogen-Psychosen kämen: „Wir haben ihn einmal in seiner Wohnung gefunden. Er hatte sich tagelang nicht gemeldet. Als wir kamen, halluzinierte er und sagte, dass da Leute in seinen Schubladen säßen. Er hatte ewig nichts gegessen und getrunken. Die Wohnung sah furchtbar aus. Er hatte Türen demoliert und Schranktüren herausgerissen. Er sagte immer wieder: ‚Alles ist Fake!’ Er litt unter Verfolgungswahn. Es war furchtbar.“ Zweimal sei er aufgrund der Psychosen schon in die Psychiatrie eingeliefert worden.

Für Petra Steinfeld ist die Drogensucht ihres Sohnes ein ewiger Kampf zwischen Hoffnung und Verzweiflung. „Ich hoffe immer noch, dass er irgendwann clean wird“, sagt sie. Und kurz darauf: „Ich habe Angst, dass ich ihn einmal tot in der Wohnung finde.“ Was macht das mit einer Mutter? „Ich wäre fast daran zugrunde gegangen“, sagt Petra Steinfeld. „Ich konnte lange nicht richtig schlafen. Ich musste mich selber in psychiatrische Behandlung begeben und Psychopharmaka schlucken.“ Im Elternkreis habe sie gelernt, sich selber zu schützen. Sie treibt nun viel Sport, reist gerne und geht mit Freunden auf Pilgerfahrten. „Man muss auch etwas für sich selber tun“, sagt die Mutter. Außerdem erfahre sie großen Rückhalt von ihrem Ehemann und ihren beiden Töchtern. In 14 Jahren Drogensucht habe sie verstanden, dass sie ihrem Sohn nur dann helfen kann, wenn er die Hilfe auch wirklich will. Ansonsten sei sie „absolut hilflos“. Doch der Wille fehlt bislang. „Er ist überzeugt, dass er sein Leben im Griff hat.“ Das Einzige, was Petra Steinfeld tun kann, ist, die Hoffnung nicht aufzugeben. „Die Mutterliebe stirbt nie“, sagt sie.

Die Zahl der Drogendelikte in der Region nimmt zu

Die Polizei hat laut ihrer Sicherheitsbilanz in Neuburg 2016 270 Rauschgiftdelikte festgestellt, im Jahr 2015 waren es 225. Auch in Ingolstadt ist 2016 die Drogenkriminalität angestiegen: von 706 auf 775 Fälle. Damit entsprechen die beiden Städte an der Donau dem Trend im gesamten Bereich des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord, in dem die Rauschgiftkriminalität um 15,7 Prozent zugenommen hat. 20 Drogentote verzeichnet das Polizeipräsidium für das Jahr 2016. Es sind Zahlen, die zeigen, wie latent das Drogenproblem auch in der Region ist.

Was man in der Statistik nicht lesen kann, ist, was der Drogenmissbrauch von Jugendlichen mit deren Familien macht. Karin Kohl* aus der Nähe von Neuburg weiß es. Die Sucht ihres ältesten Sohnes hat die Familie vor die Zerreißprobe gestellt. Schon im Schulalter begann ihr Sohn, Rauschgift zu konsumieren: Cannabis, Kräutermischungen, später auch Speed. Karin Kohl suchte Rat beim Gesundheitsamt, der Caritas, beim Elternkreis. Sie wollte dem Jungen helfen – immer und immer wieder. Ihr Ehemann dagegen habe mit dem Sohn ständig nur gestritten. Am liebsten hätte er ihn rausgeschmissen. Immer wieder seien die beiden aneinandergeraten: „Mein Mann schämt sich für ihn.“ Die Mutter stand vor einem Dilemma: „Soll man streng sein? Oder soll man versuchen, mit ihm zu reden?“ Karin Kohl war hilflos. Auch Ärzte und Beratungsstellen konnten nicht viel für sie tun, seine zwei Entzugstherapien brach der Sohn ab. Dazu der Konflikt mit dem Vater, der alles noch schlimmer machte. „Es war ein doppelter Druck für mich“, sagt die Mutter.

Ursula Schönauer hat den Elternkreis vor 18 Jahren gegründet. Den Drogenkoffer hat ihr eine junge Frau geschenkt, kurz bevor sie zur Entzugstherapie ging.
Bild:  Thomas Balbierer

"Das Reden und Verstandenwerden haben sehr gut getan"

Das Verrückte an der ganzen Sache sei, sagt Karin Kohl, dass sie das Dilemma selber künstlich am Leben gehalten habe. Immer wieder habe sie sich für ihren Sohn eingesetzt: beim Arbeitgeber, bei den Behörden, bei der Krankenkasse, wenn es um die Anträge für den Entzug ging. Sie habe die Schulden ihres Sohnes bezahlt, damit er nicht noch mehr Probleme bekomme. Sie hätte, sagt sie heute, auch einfach dabei zusehen können, wie ihr Sohn für ein paar Monate ins Gefängnis wandert. Doch immer war ihr Handeln von der Hoffnung getrieben, dass er doch den Absprung schaffen würde. Selbst in Situationen, in denen er aggressiv wurde, nahm ihn die Mutter in Schutz. „Das ist nicht mein Sohn, der da auf mich losgeht. Das ist der Süchtige.“ Entlastung fand Karin Kohl in Ursula Schönauers Elternkreis. Die Gruppe gab ihr die Möglichkeit, über Probleme zu reden, die sie mit ihrem Mann nicht besprechen konnte. „Endlich konnte ich alles sagen. Das Reden und Verstandenwerden haben mir sehr gutgetan“, sagt sie.

Karin Kohls Sohn ist heute 23. Er hat trotz Drogensucht das Abitur nachgeholt, eine eigene Wohnung bezogen und sucht derzeit nach einem Job. Seit er aus dem Haus ist, geht es Karin Kohl wieder besser. Die Distanz tut ihr gut. Der Elternkreis habe ihr, wie auch Petra Steinfeld, geholfen zu verstehen, dass sie ihrem Sohn nur dann helfen kann, wenn der ihre Hilfe auch will. „Natürlich hoffe ich immer noch, dass alles gut wird“, sagt sie und fügt an: „Wenn er bereit ist, etwas zu ändern, helfe ich sofort!“

*Die Namen wurden von der Redaktion geändert.

Lesen Sie auch

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

 

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren