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Neuburg

19.04.2019

Wie Petra Strehle ihre Magersucht besiegt hat und anderen hilft

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2 Bilder
Immer mehr Frauen, aber auch Männer, leiden an Magersucht oder Bulimie. Die Frau auf dem Foto kontrolliert ihren Bauchumfang mit einem Maßband.
Bild: Jens Kalaene/dpa (Symbolbild)

Plus Petra Strehle war einst schwer krank. Inzwischen leitet sie eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Essstörungen. Wie ihr diese „Auferstehung“ gelungen ist.

Knäckebrot, Frischkäse, Apfel. Knäckebrot, Frischkäse, Apfel. Knäckebrot, Frischkäse, Apfel. Das ist Petra Strehle im Gedächtnis geblieben – wie ein Mantra. Im Alter von 13/14 Jahren ist sie in die Magersucht gerutscht, hat kaum mehr gegessen, war jeden Tag joggen oder schwimmen, bis sie völlig kraftlos war. Sie wusste genau, wie viele Kalorien jedes Lebensmittel hat und wie viel Sport sie treiben musste, um die Kalorien wieder abzutrainieren. Ein Leben, das kein Leben mehr war – bis die junge Neuburgerin eines Tages Hilfe annahm. Eine ganz persönliche Auferstehungsgeschichte.

In der Clique hat man sich ständig verglichen, wer die Schönste sei

Heute ist Petra Strehle 54 Jahre alt, verheiratet, Mutter von zwei Kindern. Sie ist mit sich im Reinen. Vor 30 Jahren war das anders. Sie sei eigentlich durchaus schlank gewesen, nur ihr Po sei von den Proportionen her etwas größer gewesen, erzählt die gebürtige Heinrichsheimerin. Die Mädchen in ihrer Jugendclique hätten sich ständig verglichen, zum Beispiel, wer welche Jeansgröße trägt, und permanent darum konkurriert, wer die Schönste sei. Und dann machte auch noch ein Junge, in den Petra Strehle verknallt war, eine blöde Bemerkung über ihren „fetten Arsch“.

Da war es vorbei. „Das war ein Tritt in die Seele“, sagt die Neuburgerin. Also verschob sie ihre Selbstzweifel, das Gefühl allein zu sein, nicht geliebt zu werden und keine Freunde zu haben unbewusst von der seelischen Ebene auf die körperliche, versuchte ihre Probleme durch Diäten zu lösen. Inzwischen kann Strehle dieses Verhalten analysieren und erklären. Sie betreibt seit Mitte der 90er Jahre eine therapeutische Praxis in Neuburg.

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Damals konnte sie das nicht. In ihren magersten Zeiten, in denen sie sich lediglich von Knäckebrot, Frischkäse und Äpfeln ernährte, wog sie nur noch 42 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,64 Metern. Hilfe von außen gab es nicht. Ihre Freundinnen und ihre alleinerziehende Mutter, zu der das Verhältnis nie besonders gut war, bestärkten sie eher noch in dem Gedanken, möglichst dünn sein zu müssen. Strehle: „Die Wertigkeit einer Frau wurde nach dem Äußeren festgelegt. Das ist auch heute noch so und wird nur langsam besser.“

Aus der Magersucht wurde irgendwann Bulimie

Keiner erkannte die Probleme der 14-Jährigen. Und so wurde aus der Magersucht mit ungefähr 16 Jahren Bulimie. Petra Strehle litt unter Essattacken, die mit verbotenen Dickmachern wie einer Tafel Schokolade oder einem Salamibrot anfingen und erst dann endeten, wenn nichts Essbares mehr im Haus war. Kurz danach erbrach sie alles wieder. „Ich wollte meinen körperlichen und seelischen Ballast loswerden“, erläutert die Neuburgerin. Auf Fress- folgten Hungerphasen. Strehles Gewicht schwankte regelmäßig um zehn bis 15 Kilogramm.

Eines Tages – Strehle war ausgezogen und machte eine Ausbildung zur Erzieherin – ging sie zum Arzt, klagte erst über Hals-, dann über Magenschmerzen. Dieser erkannte schnell, dass ihre Speiseröhre vom Magensaft verätzt war. „Der Arzt sagte zu mir: ‘Ich kann Sie in eine Klinik einweisen, aber Sie müssen es auch wollen.’“ Strehle ging wieder nach Hause, dachte nach, machte ihre Ausbildung zu Ende. Aber irgendwann wurde die Belastung zu groß. „Beruflich, privat – ich stand überall vor unlösbaren Problemen.“ Im Sommer 1984 schrieb die von Selbstmordgedanken geplagte 19-Jährige in ihr Tagebuch: „Ich will nicht nicht mehr leben, aber ich kann so nicht mehr leben.“

Im Herbst ließ sie sich in eine psychosomatische Klinik einweisen. Dort lernte Strehle mithilfe von Gruppen- und Gesprächstherapien, sich selbst und ihren Körper wieder anders wahrzunehmen, aber auch, wie man Beziehungen aufbaut und lebt, seine Aggressionen „auf andere Art und Weise auskotzt“. „Wir sind gewogen worden, aber man hat uns unser Gewicht nie gesagt“, erinnert sich die Neuburgerin. Nicht nur die Symptome wurden behandelt, sondern auch die tiefer liegenden seelischen Probleme, der ganze Mensch.

Ein halbes Jahr verbrachte sie in der Klinik, dann war sie „stabilisiert“, durfte wieder nach Hause. Aber wohin? Petra Strehle hatte keine Wohnung mehr, keinen Job, keine Freunde. Im Februar 1986 gründete sie eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Essstörungen, auf einer Geburtstagsfeier im April lernte sie ihren zukünftigen Ehemann kennen, im Mai desselben Jahres fand sie eine Stelle bei einem Kindergarten im Landkreis. Mit all diesen „Glücksfällen“ musste die junge Frau aber erst einmal klarkommen, homöopathische Mittel und Beratungsstellen unterstützten die Genesung.

Mittlerweile isst Petra Strehle, was ihr schmeckt

1994 bis 1997 studierte Petra Strehle Sozialwesen, absolvierte Zusatzausbildungen und gründete ihre eigene Praxis, in die 2018 auch Tochter Regina mit einstieg. Strehle beschäftigt sich also nach wie vor mit dem Thema Essstörungen, lebt aber jetzt ein völlig neues, ein zweites Leben. Seit 25 Jahren habe sie keine Probleme mehr, wie sie selbst sagt. Und auch an ihre Kinder habe sie keinerlei Sucht-Tendenzen weitergegeben. Magersucht und Bulimie könne man niemals ganz überwinden? Doch, behauptet die Neuburgerin selbstbewusst. Ein Festessen zu Ostern, jede Menge Schoko-Eier – all das mache ihr nichts aus. Sie isst, was ihr schmeckt. „Ich habe eine Lebensform gefunden, die mich erfüllt. Und wenn mal was ist, hole ich mir sofort Hilfe. Ich muss nichts mehr kompensieren.“

Viele Betroffenen können das noch nicht von sich sagen. Zu Petra Strehles Selbsthilfegruppe, die sich jeden Donnerstag um 19.30 Uhr bei der Caritas am Spitalplatz trifft, kommen derzeit sieben Menschen. Sie stammen nicht nur aus Neuburg, sondern aus der ganzen Region. Essstörungen nehmen zu, sagt die Therapeutin. Ihre Erklärung: Kinder seien häufiger alleine, der Leistungsdruck werde größer. Die typischen in der Pubertät ausgelösten Essstörungen gebe es zwar noch, es seien aber auch immer mehr jüngere und ältere betroffen, so Strehle.

Die gemeinschaftliche therapeutische Praxis von Petra und Regina Strehle befindet sich an der Wolfsschütt 6 in Neuburg-Heinrichsheim. Nähere Informationen gibt es im Internet unter www.praxis-strehle.de, unter Telefon 0179/1704774 und per E-Mail an PetraStrehle@gmx.de.

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