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Neuburg

12.11.2018

Wie eine Neuburgerin ihr Stottern meistert

Mit der Zeit, sagt Sylvia Nobis, könne man dem Stottern sogar etwas Positives abgewinnen – Stolz. „Man muss um einiges mehr kämpfen, schafft es aber trotzdem“, sagt die Neuburgerin. Sie stottert, seitdem sie ein kleines Kind war.
Bild: Elisa-Madeleine Glöckner

Mit welchen Herausforderungen stotternde Menschen im Alltag zu kämpfen haben, zeigt ein Film in Ingolstadt. Sylvia Nobis kennt die Probleme seit ihrer Kindheit.

Es beginnt im Hals, der Bauch wird fest. Sylvia Nobis muss Luft holen, um es endlich auszusprechen. Dann kommen Gedanken – Gedanken wie: „Was hält der andere von mir?“ Ihr Körper ist angespannt, sie blinzelt, ringt wieder nach Luft. Adrenalin, Kopfzerbrechen. Druck. „Also werde ich langsamer, damit ich den Stotterblock überwinden kann.“

Sylvia Nobis – brünettes Haar, mittelgroß, Brille – sitzt zuhause im Wohnzimmer auf der Couch mit dem Rosenmuster. Sie stottert, seit sie drei Jahre alt war, seit mehr als 40 Jahren. Als Kleinkind lernte sie ganz normal zu sprechen. Nicht ungewöhnlich, sagt die Neuburgerin. „Das Stottern tritt erst später auf, im Alter von drei oder vier.“ Bei manchen sei es nur eine Phase, dauere eine Weile an, vergehe wieder. Bei anderen bleibt es dagegen ein Leben lang. Wie die inzwischen 45-Jährige gibt es allein in Deutschland 800000 stotternde Erwachsene. Bei einem Großteil – es sind etwa 70 Prozent – ist die Sprechstörung genetisch bedingt. Die Wissenschaft geht davon aus, dass sie durch zu schwach ausgeprägte Nervenbindungen im Gehirn ausgelöst wird. „Man erwirbt das Stottern nicht“, erklärt Sylvia Nobis, die sich stark mit der Herkunft der Störung beschäftigt hat. „Man hat eine Veranlagung dazu.“ Dennoch, in ihrer Familie ist sie die Einzige.

Je älter Sylvia Nobis wurde, desto heftiger wurden die Stotterblöcke

An der Wohnzimmerwand hängt ein Kreuz, hängen schwarz-weiße Bilder. Durch das Fenster fällt Licht. „Ganz am Anfang war es nicht schlimm“, erinnert sich die gebürtige Sächsin. Behütet sei sie aufgewachsen, erst im Elternhaus, dann in der Vor- und Grundschule der ehemaligen DDR. „Ich hatte eine Lehrerin, die sich um mich gekümmert und mich in Schutz genommen hat.“ Zu dieser Zeit sei sie nur hin und wieder hängengeblieben, wie sie das Stottern nennt. Aber, je älter Sylvia Nobis wurde, desto heftiger waren die Stotterblöcke. „Und mir wurde bewusst, dass bei mir etwas anders war als bei anderen.“ Doch gab es im sozialistischen Osten Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre keine soliden Therapien für Menschen mit Sprechstörungen. Also riet eine Logopädin zu einer Sprachschule in Karl-Marx-Stadt, das heute Chemnitz heißt. Dort mussten sich Jugendliche mit ähnlichen Problemen auseinandersetzen. Für die Zwölfjährige eine Erleichterung: „Ich fühlte mich in Gesellschaft der anderen stärker.“ Besser ist das Stottern aber nicht geworden.

Das Stottern machte die Suche nach einem Job für Sylvia Nobis sehr schwer

Die Schule war vorbei, die Rückkehr fiel schwer. Sylvia Nobis machte eine Ausbildung als Industriekauffrau, später als Ergotherapeutin und war auf sich alleine gestellt. „Damals wusste niemand, wie man mit Stotternden umgeht.“ Mit 20 Jahren entschloss sie sich zu einem Freiwilligen Sozialen Jahr in einer Werkstatt für Behinderte. Sie bekräftigt: „Ich wollte zeigen, dass ich trotz des Stotterns mit Menschen arbeiten kann.“ Auf ihrem Weg durch verschiedene Stationen traf sie auf viele Menschen mit Handicap – die allesamt keine Berührungsängste zeigten. Doch benötigte die damals 20-Jährige Beurteilungen von Vorgesetzten, um sich damit auf Jobangebote zu bewerben. Darin zu lesen waren Sätze wie: Durch das Stottern sind ihre kommunikativen Fähigkeiten eingeschränkt. „Ich habe eineinhalb Jahre nach einer Stelle gesucht.“ Vergeblich.

Die Lehrerin hatte oft keine Geduld, die stotternde Schülerin aussprechen zu lassen

Auf Barrieren stieß Sylvia Nobis, die heute als Diplomverwaltungswirtin beim Landratsamt in Neuburg arbeitet, nicht nur beruflich, sondern auch menschlich. Früher in der Volksschule zum Beispiel, als eine Lehrerin keine Geduld hatte, ihre stotternde Schülerin aussprechen zulassen. „Das nächste Mal machst du es schriftlich, Sylvia“, hatte sie herablassend gesagt. Und die Mitschüler imitierten es. „Sie plapperten alles nach. Das hat das Stottern natürlich verschlimmert“, sagt sie als Erwachsene rückblickend. Dazu gab es Situationen, in denen einige mit Lachen auf Sylvia Nobis reagierten. Das sei, sagt die 45-Jährige, verletzend gewesen und habe sie verängstigt. Mittlerweile empfindet die Neuburgerin aber anders – hat sogar Verständnis für das Lachen. „Oft sind Leute nur unsicher und versuchen das zu überspielen. Ich stehe da drüber.“

Seit 2009 lebt die gebürtige Sächsin in Neuburg und geht regelmäßig zu einer Logopädin – denn Stottern ist nicht heil-, aber therapierbar. Sie nimmt an vielen Seminaren teil und ist Mitglied der Landes- und Bundesvereinigung für Stottern und Selbsthilfe. Dort sei sie auf Menschen mit ähnlichen Schicksalen, ähnlichen Hintergründen getroffen – fast wie damals in der Sprachschule. Seitdem gehe sie anders mit ihrer Störung um, könne ihr etwas Positives abgewinnen: Stolz. „Man muss um einiges mehr kämpfen, schafft es aber trotzdem“, sagt Sylvia Nobis.

Um Herausforderungen, die stotternde Menschen im Alltag meistern müssen, dreht sich auch eine Dokumentation von Petra Nickel und Birgit Gohlke. Als Nachklang des Welttages des Stotterns, der bereits Ende Oktober war, ist der Film „Mein Stottern“ am Mittwoch, 14. November, im Audi Programm Kino in Ingolstadt zu sehen. Er erzählt die persönliche Geschichte von Regisseurin Birgit Gohlke, die selbst seit vielen Jahren mit der Sprechstörung konfrontiert ist. Organisiert wird die Filmvorführung von der Stotterer-Selbsthilfe-Gruppe in Ingolstadt.

Der Film „Mein Stottern“ von Petra Nickel und Birgit Gohlke wird am 14. November im Audi Programm Kino gezeigt. Beide Regisseurinnen werden anwesend sei und eine Einführung in die Dokumentation geben. Die Veranstaltung beginnt um 20 Uhr.

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