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Neuburg-Schrobenhausen

31.01.2020

Wo es an Ärzten im Raum Neuburg krankt

Die Kassenärztliche Vereinigung vergibt die Zulassungen für Ärzte und legt auch die Auflagen für die Abgabe einer Praxis fest, wenn ein Mediziner in Ruhestand geht. Die Einflussmöglichkeiten der Kommunen sind gering.
Bild: Symbolfoto: Thorsten Jodan

Plus Die KVB attestiert dem Landkreis eine gute Grundversorgung. Doch in der Fläche tut sich ein weißer Fleck auf und die demografische Uhr tickt.

Rein statistisch gesehen gibt es ausreichend Hausärzte im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen. Die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) bezeichnet die gesamte Region 10 in allen Bereichen als bestens versorgt. Doch die Realität sieht für manche Bürger anders aus: Gerade auf dem flachen Land gibt es weiße Flecken, wo Patienten einen Arzt in erreichbarer Nähe vermissen.

Heinrich Seißler, Bürgermeister von Königsmoos, kann ein Lied davon singen. „Für uns hätte ein Hausarzt oberste Priorität, eine Apotheke noch dazu wäre wie ein Sechser im Lotto.“ Im Ortsteil Ludwigsmoos der 4800-Einwohner-Gemeinde hat vor über zehn Jahren die einzige Praxis dichtgemacht, nachdem der dort praktizierende Mediziner in Ruhestand gegangen war. Seitdem gibt es im Herzen des Landkreises ein Vakuum, dort ballen sich fünf unversorgte Kommunen, wo kein Arzt mehr praktiziert.

Das macht sich für die Menschen im Alltag bemerkbar. Je nachdem, sagt Heinrich Seißler, wo man in seiner Flächengemeinde wohne, sei der Weg zum Doktor auch mal zehn Kilometer weit. „Das ist natürlich unbefriedigend. Wir hängen an Karlshuld und Neuburg dran. In Klingsmoos fahren die Leute auch nach Pöttmes oder Ehekirchen. Wer kein Auto hat, ist auf den Bus oder auf die Familie angewiesen“, weiß er aus eigener Erfahrung. Er selbst fahre öfter seine Mutter zum Arzt. „Den klassischen Landarzt gibt es nicht mehr“, sagt der Bürgermeister.

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Der Versorgungsatlas bietet einen Überblick über die Ärzte im Raum Neuburg

Ein Blick in den Versorgungsatlas der KVB gibt einen Überblick über das ambulante Versorgungsangebot in Bayern. Die Kassenärztliche Vereinigung ist verantwortlich für die bedarfsgerechte Versorgung der gesetzlich Versicherten. Ziel ist es, die Bevölkerung wohnortnah, ausreichend und zweckmäßig unter wirtschaftlichen Aspekten zu versorgen. Der Datensatz bietet Informationen über die Gesamtzahl der Ärzte in den Planungsbereichen, ihre kleinräumige Verteilung auf die Einwohner, die Altersstruktur der Mediziner sowie die Aufteilung nach Geschlecht.

Bild: AZ-Grafik

Insgesamt 62 niedergelassene Hausärzte gibt es im Landkreis, wobei ein Nord-Süd-Gefälle besteht. Weil die Bevölkerungszahl im Norden mit gut 62.000 Einwohnern um mehr als ein Drittel höher ist, ist der Versorgungsgrad im Süden mit 130 Prozent (Norden: 102 Prozent) signifikant besser. Bei der Bedarfsplanung geht die KVB davon aus, dass ein Arzt fast 1700 Patienten versorgt. Eine Unterversorgung liegt vor, wenn für einen Planungsbereich der Wert unter 75 Prozent liegt.

In Burgheim, weiß Rathauschef Michael Böhm, habe man dahingehend Glück. In der Marktgemeinde gibt es vier Ärzte und das wird vermutlich so bleiben. In der alteingesessenen Praxis des Ehepaares Dr. Zitzmann ist die Nachfolge schon geregelt, auf dem Land durchaus die Ausnahme. „Mein Sohn ist derzeit im Klinikum Augsburg, macht den Internisten und wird im März fertig. Und seine Frau wird demnächst die Fachärztin für Allgemeinmedizin abschließen“, erzählt Dr. Sebastian Zitzmann. Das Paar übernehme in zwei bis drei Jahren dann die Praxis. „Wir haben das große Glück, dass sie sich dazu entschlossen haben. Das freut uns sehr.“ Und nicht nur er, auch Michael Böhm ist froh darüber. „Wir müssen uns keine Sorgen haben, bei uns ist alles im Lot“, freut sich der Bürgermeister, dass es auch künftig drei Arztpraxen in Burgheim geben wird.

Welche Lösungen es im Raum Neuburg bei Ärztemangel gibt

Landrat Peter von der Grün weiß, dass die Statistik ihre Tücken hat. „Im Moment sind die meisten Gemeinden gut versorgt. Wer aber genau hinschaut, der sieht, dass in den nächsten Jahren viele Hausärzte altersbedingt aufhören werden. Und es ist sehr schwierig, Nachfolger zu finden.“ Die Eröffnung einer Filiale des Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) am Kreiskrankenhaus Schrobenhausen in Karlshuld zu Jahresbeginn sei deshalb ein wichtiges Signal gewesen, unterstreicht der Landkreischef. „Wir machen das nicht in Gemeinden, wo Hausärzte praktizieren. Aber künftig werden wir mehr Orte haben, die von einer Schließung betroffen sein werden. Deshalb war es mir jetzt wichtig, einen Weg zu weisen und zu zeigen, dass der Erhalt einer Praxis trotz hoher Hürden möglich ist“, sagt von der Grün.

Sebastian Zitzmann sieht das MVZ-Modell trotzdem mit gemischten Gefühlen. „Wir niedergelassenen Ärzte sind nicht so begeistert, denn die Voraussetzungen für die Praxen verschieben sich.“ Er wisse aber auch, dass es künftig nicht einfacher werde. Im Landkreis sind 60 Prozent der Mediziner älter als 55 Jahre. „Bei uns im Süden Bayerns ist die Welt noch in Ordnung, aber das wird sich ändern. Ich kenne einige Kollegen in Neuburg, die denken ans Aufhören, finden aber keine Nachfolger. Sie sind verunsichert, weil es schwierig ist, eine Einzelpraxis zu übergeben“. Und für die junge Generation sei es nicht einfach, die Ansprüche der Patienten seien gewachsen, die Bürokratie überbordend geworden. „In den vergangenen 30 Jahren, seit ich meine Praxis betreibe, hat sich sehr viel verändert. Heute lassen sich junge Ärzte gerne zu zweit, oder noch besser, zu dritt nieder. Das ist heute ideal“, meint Zitzmann und denkt an seine Praxis. Auch sein jüngster Sohn studiert nämlich Medizin.

Bei Fachärzten sieht die Lage naturgemäß nicht besser aus. Die sitzen vor allem in den Städten – auf dem Land Fehlanzeige. Heinrich Seißler wird trotzdem nicht resignieren. „Ich gebe keine Ruhe und beobachte die Zulassungen beim KVB sporadisch. Ich habe vor einigen Jahren schon mal Ärzte angeschrieben, aber die gehen lieber in die Ballungsräume.“ Die Einflussmöglichkeiten der Kommunen bei der Zulassung seien gering. Die Zulassung ist Sache der KVB. Ist eine Stelle ein halbes Jahr vakant, erlischt sie. Dann könnte eine andere Praxis nur noch eine Filiale einrichten.

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