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Sport-Kolumne

19.10.2017

Zehn Wochen Sport: Tag verdrängt Nacht

Barbetrieb auf der Sportseite? Das ist neu. Tatsächlich vermisst unser Autor, der in seinem Selbstversuch unter anderem zehn Wochen auch auf Alkohol verzichtet, jene Abende ohne Zwänge.
Bild: Bastian Sünkel

Wie? Du trinkst nichts? Keinen Satz hat unser Autor in den vergangenen vier Wochen seines abstinenten Sportprogramms öfter gehört. Er bleibt eisern, aber die nüchterne Realität macht es ihm nicht leicht.

Langsam hat sich das Experiment an meinem eigenen Körper herumgesprochen. Ich bekomme in regelmäßigen Abständen Motivationsnachrichten, Beileidsbekundungen und hintergründige Fragen zu meiner Kolumne gestellt. In zehn Wochen sich nicht mehr hinter meinen Speckrollen verstecken zu müssen, ist ein Projekt, das der Großteil meines Freundeskreises so nicht von mir erwartet hätte. Ich glaube in sentimentalen Momenten sogar, dass sich nähere und fernere Bekannte auch aus dem Grund mit mir abgegeben haben, weil sie neben mir sportlicher aussahen. Aber das kann ich nicht beweisen.

Als ich in Köln meine alten Studienfreunde zum Jahrestreffen besucht habe, blieben Jan-Dirk und ich nüchtern. Jan-Dirk ist Antialkoholiker. Ich habe bei solchen Gelegenheiten immer getrunken. Jan-Dirk und ich verstehen uns gut seit wir uns vor zehn Jahren kennengelernt haben, würde ich behaupten. Er hat trockenen, norddeutschen Humor. Aber nach vier Wochen Abstinenz kann ich immer noch nicht nachvollziehen, wie es ein Mensch in Deutschland schafft, dem Alkohol gänzlich zu entsagen, wenn er nicht davor einmal abhängig gewesen war.

Alkohol ist omnipräsent. Ich hab schon mit wildfremden Menschen im Bordbistro des ICE getrunken, habe Leute bei einem Bier kennengelernt, die nicht mehr aus meinem Leben verschwunden sind. Fängt der gemütliche Teil des Abends an, hat man in meiner fränkischen Heimat Bier aus dem Keller geholt, im Studienort Kassel Dosenbier aus dem Edeka, im Arbeitsleben eisgekühltes Flaschenbier vom Kellner an der Bar anrichten lassen. Zum Wohl.

Zweifellos fragen mich Leute seltener, warum ich kein Brot zu meinem Salat oder Nudeln zu der Gemüsesoße esse, als: Warum trinkst du nichts? Jan-Dirk zuckt dann mit den Schultern: kein Bock. Neulich hat Philipp, als ich an einem Abend in Bayreuth war, mir Frauengeschichten erzählt. Nach wenigen Minuten schüttelt er den Kopf: „Darüber brauch’ ich mit dir nicht reden. Du bist nüchtern.“ Mein Vater hat mir geschrieben, dass er froh ist, dass nicht alle Menschen so denken wie ich. Sonst wäre er arbeitslos. Er arbeitet in der Bierbranche. Und Paul, der Barkeeper meiner Stammkneipe, hat darüber philosophiert, dass jeder in bestimmten Lebensphasen eine Entscheidung trifft: Tag- oder Nachtmensch. Ich habe nun keine Wahl mehr.

Er hat recht. Mein Oberkörper ist in sich zusammengeschrumpft wie nasse Schafwolle im Trockner. Nach zwei Wochen waren es bereits knapp fünf Kilo. Meine Mitbewohner feiern mein schmales Gesicht. Der Schuster im Neuburger Reparaturladen hat meinem Gürtel ein neues Loch verpasst. Er ist schon wieder zu weit. Aber die Freude am Weggehen, die dionysische, zwanglose, befreite Seite des Lebens habe ich nach vier Wochen Körperfixierung gänzlich verloren. Ich bin der Tag und die Nacht hat sich aus meiner Welt verabschiedet. Nachts bin ich müde. Tagsüber ausgeglichen. Das hört sich vordergründig gut an, ist aber in Wirklichkeit auch ziemlich langweilig.

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