Ingolstadt bildete einst das Zentrum der Gegenreformation
Adam Weishaupt gründete die Illuminaten in Ingolstadt
Oswin Dotzauer in Ingolstadt: Die Illuminati sind nicht die Illuminaten
Um den Geheimbund der Illuminaten ranken sich zahlreiche Mythen. Bedeutende Persönlichkeiten der Geschichte sollen Mitglieder gewesen sein und die Geschicke der Welt gelenkt haben. Verschwörungstheoretiker glauben bis heute daran. Aber auch darüber hinaus fasziniert der Geheimbund, der am 1. Mai 1776 - also vor 250 Jahren - in Ingolstadt gegründet wurde, er fand sogar Eingang in Bücher und Filme. Oswin Dotzauer erzählt als Ingolstädter Stadtführer regelmäßig die Geschichte der Illuminaten. Er weiß, was davon historisch belegt ist - und was reine Spekulation.
Dotzauer ist seit mehr als 30 Jahren Stadtführer in Ingolstadt. Die Führung über die Illuminaten gibt es seit 2007. Dotzauer hat sie gemeinsam mit zwei Kollegen geschrieben. Der 52-Jährige ist also Experte, wenn es um den Ingolstädter Geheimbund geht. Gegründet worden seien die Illuminaten, die „Erleuchteten“, von Adam Weishaupt, einem Professor für kirchliches und weltliches Recht an der damaligen Universität in Ingolstadt, der ersten in Bayern, genannt die Hohe Schule. „Er war einer der wenigen Professoren, der nicht dem Jesuitenorden angehörte. Einer von ganz wenigen weltlichen Professoren zu jener Zeit“, erzählt Dotzauer. Um die Gründung der Illuminaten zu verstehen, müsse man aber weiter ausholen, sagt der Ingolstädter.
Alles habe seinen Anfang mit Johannes Eck genommen, der circa 1510 Professor in Ingolstadt wurde. Eck war ein katholischer Theologe und erbitterter Gegner des Reformators Martin Luther, der 1517 seine Thesen ans Hauptportal der Schlosskirche in Wittenberg geschlagen haben soll. Eck und Luther seien zu dieser Zeit die wichtigsten Theologen in Deutschland gewesen, so Dotzauer. Es ergab sich ein Briefwechsel zwischen den beiden, in dem sie sich gegenseitig beschimpft haben sollen. Zum ersten Mal persönlich aufeinander trafen die beiden in der sogenannten Leipziger Disputation, einem Streitgespräch, zu dem Herzog Georg von Sachsen geladen hatte. Dort überführte Eck Luther der Ketzerei. Luther wurde daraufhin exkommuniziert und mit dem Reichsbann belegt, erzählt der Stadtführer.
Mit Johannes Eck galt Ingolstadt quasi als Zentrum der Gegenreformation. Doch als der Theologe 1543 starb, hinterließ er eine Lücke, die es für die Weiterführung der Gegenreformation zu schließen galt, erklärt Dotzauer weiter. Bayern sollte schließlich ein Bollwerk der Gegenreformation bleiben. Richten sollten es ein paar Jesuiten, die 1546 nach Ingolstadt geschickt wurden, unter anderem Petrus Canisius. Von da an war die Ingolstädter Universität in jesuitischer Hand, sagt der Stadtführer. Auch noch, als der Jesuitenorden 1773 von Papst Clemens XIV. aufgehoben wurde. Denn es gab schlichtweg nicht genügend weltliche Professoren.
In der Zwischenzeit, im Jahr 1748, war Adam Weishaupt in Ingolstadt geboren worden. Weishaupt war früh verwaist und wurde deshalb von Johann Adam von Ickstatt aufgezogen, fährt Dotzauer fort. Von Ickstatt war Professor und Direktor der Ingolstädter Universität und ein Vertreter der Aufklärung. Folglich wuchs Weishaupt auch im Sinne der Aufklärung auf. Er studierte in Ingolstadt und wurde dort Professor. Geprägt vom Gedankengut der Aufklärung entwickelte sich Weishaupt zu einem Gegner der Jesuiten und wollte eine „Gegengesellschaft statuieren“, wie der Stadtführer es ausdrückt. Und so gründete Weishaupt 1776 mit fünf Studenten den Bund der Perfektibilisten, den Bienenorden. „Es war eine Anspielung auf den Fleiß der Biene im Sammeln. Der Orden wollte das Wissen der Welt sammeln“, erklärt Dotzauer. Erst später wurde der Bund als Illuminaten bekannt. Weishaupt wollte eine „heilige Legion der Eingeweihten, die die Macht in Händen halten sollte“, eine „Regierung auf Basis des Verstandes“, so formuliert es der Stadtführer. Der gesamte bayerische Staat sollte in die Illuminaten übergehen.
Der Geheimbund der Illuminaten stellte also nicht nur eine Gefahr für die Jesuiten dar, sondern war auch der bayerischen Regierung ein Dorn im Auge. Gegen 1784/1785 geschah es dann, dass zwei Boten der Illuminaten in der Nähe von Regensburg, damals Freie Reichsstadt, einen Spaziergang machten. Dabei sei einer von ihnen vom Blitz erschlagen worden, erzählt der Stadtführer. Der andere habe es nicht geschafft, wichtige Dokumente über den Orden in Sicherheit zu bringen. Dadurch gelangten die Dokumente in die Hände der bayerischen Obrigkeit. So wurden die Illuminaten nach und nach enttarnt und verfolgt. Weishaupt floh. Der Bund wurde zerschlagen und verboten. Doch kann man bei einem Geheimbund wirklich wissen, ob alle Mitglieder aufgeflogen sind? Für die Menschen, damals wie heute, schwer vorstellbar, sagt Dotzauer. Und so entstand der Mythos um die Illuminaten.
Was weiter passiert ist, ist Spekulation. Verschwörungstheoretiker verweisen auf das allsehende Auge in der Pyramide - ein Symbol der Freimaurer - auf dem Ein-Dollar-Schein und behaupten, Weishaupt wäre nach Amerika gegangen und dort unter dem Namen George Washington der erste Präsident der Vereinigten Staaten geworden. Weishaupt war nämlich nicht nur Illuminat, sondern auch Freimaurer. Der Ingolstädter Experte glaubt diese Theorie nicht.
Viele der Verschwörungstheorien werden immer wieder befeuert durch Literatur und Film, zum Beispiel durch Dan Browns Bestseller und Kinoblockbuster „Illuminati“. Aber: „Die Illuminati haben nichts mit den Ingolstädter Illuminaten zu tun“, betont Dotzauer. Das ist ihm wichtig. Dan Browns Illuminati seien schließlich bereits im frühen Mittelalter in Rom entstanden, Galileo Galilei und Leonardo Davinci sollen Mitglieder gewesen sein. Das passt nicht zur Ingolstädter Gründung. Möglicherweise hat sich der Schriftsteller vom Ingolstädter Geheimbund inspirieren lassen. Mitglied im Ingolstädter Bund sollen beispielsweise Johann Wolfgang von Goethe, Adolph Freiherr von Knigge und Johann Gottfried Herder gewesen sein. Vielleicht auch Wolfgang Amadeus Mozart, so Dotzauer. Ob es die Illuminaten irgendwo auf der Welt noch gibt, kann er nicht beantworten. „In Ingolstadt aber nicht.“
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