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Neuburg an der Donau

25.11.2017

„#metoo“ ist ihr nicht genug

Karin Steinherr will anderen mit ihrem Engagement gegen sexuellen Missbrauch auf zweierlei Art helfen. Sie will zum einen vor Kindern und Jugendlichen Aufklärung betreiben und gleichzeitig Betroffenen Mut machen, sich Hilfe zu suchen.
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Karin Steinherr will anderen mit ihrem Engagement gegen sexuellen Missbrauch auf zweierlei Art helfen. Sie will zum einen vor Kindern und Jugendlichen Aufklärung betreiben und gleichzeitig Betroffenen Mut machen, sich Hilfe zu suchen.
Bild: Uwe Zucchi/Picture alliance/dpa

Karin Steinherr ist selbst einst Opfer sexuellen Missbrauchs geworden. Um das Tabu-Thema mehr in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken, geht sie ihren ganz eigenen Weg.

In der Badewanne hat es angefangen: Er hat sie gewaschen, sie musste ihn waschen. Dabei wollte die damals neunjährige Karin Steinherr das eigentlich gar nicht. Doch der neue Lebensgefährte ihrer Mutter machte ihr Angst. Er sagte: „Wenn das Jugendamt kommt und du bist nicht richtig gewaschen, musst du ins Heim.“ Also fügte sich das Mädchen – und erlebte über Jahre hinweg noch weitaus Schlimmeres. Heute ist Karin Steinherr 43 Jahre alt und bereit, offen über das zu sprechen, was ihr passiert ist. Doch anstatt – wie es seit der Affäre um Hollywood-Produzent Harvey Weinstein zahlreiche Frauen und Männer tun – mit ihrer Geschichte unter dem Hashtag „#metoo“ online an die Öffentlichkeit zu gehen, wählt die Unterhausenerin einen anderen Weg. Bereits 2015 hat sie eine Selbsthilfegruppe ins Leben gerufen und wurde dafür von der Zeitschrift „Auf einen Blick“ zur „Heldin des Alltags“ gekürt. Vor Kurzem hat sie nun auch noch einen Verein gegründet: „Gemeinsam gegen sexuellen Missbrauch e.V.“.

Steinherr verfolgt damit zwei Ziele. Zum einen will sie Kinder und Jugendliche präventiv ansprechen: Sie möchte sie zum Beispiel für das richtige Verhalten in den sozialen Medien sensibilisieren und ihnen Regeln zur Selbstbestimmung an die Hand geben. Zum anderen möchte sie Betroffenen Mut machen, sich Hilfe zu suchen. Um diese Ziele zu erreichen, geht die 43-Jährige an Schulen, zuletzt war sie in Hannover eingeladen. Und dann erzählt sie den Schülern ihre Geschichte:

Es war 1983. Karin Steinherrs leiblicher Vater war gerade gestorben, ihre Mutter mit zwei kleinen Kindern überfordert. Im Schwimmbad lernten sie den neuen Mann kennen. Noch im selben Jahr zog er bei ihnen ein. Er war arbeitslos und deshalb ständig zuhause. Wenn Karin Steinherr vom Unterricht nach Hause kam, wartete er schon auf sie. „Es war immer dieselbe Reihenfolge: Schule, Hausaufgaben, er“, sagt sie. So ging das über Jahre hinweg – täglich. „Ich weiß überhaupt keinen Tag, an dem es nicht so war.“ Im Laufe der Zeit steigerten sich die Übergriffe. Selbst als Karin Steinherr schon 20 Jahre alt und ausgezogen war, ging es weiter, wenn sie zu Besuch kam. „Die Scham war zu groß“, antwortet die Unterhausenerin auf die Frage, warum sie sich als Erwachsene gegen die Übergriffe nicht gewehrt habe. Außerdem habe ihr „Stiefvater“, wie sie ihn nennt, ihr immer das Gefühl gegeben, nichts wert zu sein, nicht groß genug, nicht schön genug. Erst 1995, als der Mann am Landgericht Ingolstadt wegen 161 Fällen von sexuellen Missbrauchs an sechs anderen Kindern zu einer Haftstrafe von fünfeinhalb Jahren verurteilt wurde, hörte der Albtraum auf. Der Mann verstarb noch in Haft. Für Steinherr begann ein halbwegs normales Leben. Sie wurde schwanger und bekam in den folgenden Jahren drei Töchter und einen Sohn. In Unterhausen betreibt die Familie eine Landwirtschaft und ein Gasthaus. Erst 2012 hat Steinherr ihre Geschichte zum ersten Mal jemandem erzählt. 2013 fing sie eine Therapie an. Wenn sie mit Kindern spricht, erzählt die 43-Jährige das alles mit Bedacht. Sie will niemandem Angst machen, betont sie, sondern das Thema altersgerecht aufgreifen. Doch ihre jungen Zuhörer würden es dann doch meist von sich aus genauer wissen wollen und nachfragen, sagt Steinherr. „Kinder werden überall damit konfrontiert. Sie wissen unglaublich viel, viel mehr als Eltern und Lehrer denken.“ In Hannover hat sich nach Steinherrs Vortrag sogar ein Mädchen geoutet, ebenfalls missbraucht worden zu sein. „Das war ein sehr emotionaler Moment für mich.“

Karin Steinherr spricht an den Schulen nicht nur über ihre eigene Geschichte. Sie beginnt ihren Vortrag mit einem Film, der den Schülern Zahlen und Fakten zum Thema sexueller Missbrauch vermittelt. Auch die aktuelle „#metoo“-Debatte baut sie ein, wenn es um Übergriffe oder Belästigungen geht – obwohl sie für sich selbst noch gar nicht entschieden hat, wie sie dazu steht. „Ich finde es gut, dass Vorfälle in der Öffentlichkeit publik gemacht werden. Aber Namen nennen, ist keine Lösung.“ Steinherr hat Angst, dass sich die Wirkung der Bewegung irgendwann ins Gegenteil verkehrt und die Opfer nicht mehr ernst genommen werden. Und so kämpft Karin Steinherr weiter – auf ihre eigene Art, ohne „#metoo“.

www.verein-gegen-missbrauch.de

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