Da ist dieser Moment auf der Treppe, den Stefanie Kürten-Ringelhann noch deutlich vor Augen hat. „Mama, habe ich eigentlich einen richtigen Papa?“ fragt sie ihr damals dreieinhalb Jahre alter Sohn Fritz. Mit ihrer Antwort zögert Kürten-Ringelhann damals nicht. Schon lange vorher hat sie mit ihrer Lebenspartnerin einen Beschluss gefasst: „Wir werden ihm ehrliche Antworten geben auf die Fragen, die er stellt.“ Denn Fritz hat einen biologischen Vater. „Du brauchst einen Mann und eine Frau, um ein Kind zu kriegen“, erklärt sie damals ihrem Sohn. Um eine Familie zu sein, braucht es aber keinen Vater.
„Wenn ich mir vorstelle, dass ich um ein Haar dieses Kind verpasst hätte“
Sieben Jahre später sitzt die 49-Jährige dicht neben ihrem Sohn am Küchentisch und streichelt über seinen Kopf. Beide blicken an den rechten Rand des Tisches. Dort sitzt Stephanie Kürten – Fritz‘ zweite Mama und Lebenspartnerin von Stefanie Kürten-Ringelhann. Sie hat Tränen in den Augen. „Meine Welt hat sich mit ihm komplett verändert. Wenn ich Stress habe, dann komme ich nach Hause, guck ihn an und denke mir, was ist eigentlich wichtig?“ Beinahe hätte sich die heute 55-Jährige gegen ein Kind entschieden. „Weil man gesagt bekommt, das dürfen wir nicht mit dem Kind, weil wir sind ja zwei Frauen“, erzählt sie und hält inne. „Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass ich um ein Haar dieses Kind verpasst hätte.“
Der Weg zum eigenen Kind war für das lesbische Paar nicht einfach. Als sie sich kennenlernten, hatten die beiden Frauen, die sich gegenseitig Steffi nennen, keinen aktiven Kinderwunsch. „Ich bin katholisch sozialisiert“, sagt Kürten, „ich habe nie ernsthaft in Erwägung gezogen zu heiraten oder überhaupt Kinder zu haben.“ Für ihre Partnerin war der Wunsch nach einem Kind an eine Altersgrenze gebunden. „Wenn ich bis 37 kein Kind habe, dann kriege ich auch keins mehr“, erinnert sich Kürten-Ringelhann. Auch ein anderes Thema tut sich für die beiden Frauen auf: „Wird man anerkannt oder nicht. Kann man das dem Kind antun?", fragt Kürten.
Kinderwunsch wird zur Belastungsprobe
Heute lebt die Familie in einer Doppelhaushälfte in Karlshuld. Kürten-Ringelhann arbeitet als Physiotherapeutin, ihre Partnerin ist Journalistin und saß bis Ende April im Ingolstädter Stadtrat, zuletzt für die CSU. Rückblickend erkennt Kürten einen deutlichen Unterschied zwischen Stadt und Land: „Ich habe mir das anders vorgestellt“, sagt die 55-Jährige. Sie dachte, in einer Stadt lässt sich eine homosexuelle Partnerschaft einfacher führen. „Aber es ist auf dem Land leichter“, sagt Kürten. „Natürlich ist es nicht anonym, aber genau das ist das Ding und letztendlich die Lösung: Wenn man jemanden kennt, dann ist es sehr viel schwieriger, ihn abzulehnen.“ Offene Kommunikation ist für das lesbische Paar wichtig. „Von Anfang an haben wir überall gesagt, wenn jemand Fragen oder Probleme hat, stehen wir zur Verfügung.“
Wenn man jemanden kennt, dann ist es viel schwieriger, ihn abzulehnen.
Stephanie Kürten, Mutter in lesbischer Partnerschaft
Nachdem sie eine Weile ein Paar sind, ist für die beiden auch plötzlich der Kinderwunsch wieder auf dem Tisch. Doch die Suche nach einem geeigneten Samenspender zieht sich in die Länge, wird für die beiden zu einer Belastungsprobe. „Als wir dann im Grunde genommen jede Variante schon durchgesprochen hatten, haben wir gesagt: Jetzt lassen wir es einfach mal so stehen“, erzählt Kürten. Doch gerade als die beiden ihren Frieden mit der Situation gemacht haben, tut sich im persönlichen Umfeld ein Spender auf. „Dann haben wir uns zu dritt zusammengesetzt“, erinnert sich Kürten-Ringelhann.
Eine Partnerschaft „auf Augenhöhe“
Schnell ist für das Paar klar: Fritz soll seinen Vater kennen. Er soll wissen, dass da jemand ist. Ebenso klar aber ist für die beiden, dass der Samenspender keine aktive Elternrolle einnehmen soll: „Es ist unser Kind, ohne Rechte und Pflichten des Vaters“, macht Kürten-Ringelhann deutlich. Während sie erzählt, holt ihr Sohn einen bunten Flaschenöffner aus einer Schublade und legt ihn auf den Küchentisch. „Den hat er ihm zum Vatertag gemacht“, sagt Kürten-Ringelmann und schmunzelt.
Was Fritz zum Muttertag vorbereitet hat, soll noch geheim bleiben. „Am Sonntag gibt es bei uns ein Muttertagsfrühstück, dafür backe ich mit ihm einen Kuchen“, sagt Kürten. Sie kümmert sich in der Familie um das Essen, ihre Partnerin übernimmt unter anderem die Wäsche. „Zuhause macht jede, was sie am besten kann“, sagt die 55-Jährige. „Wir ergänzen uns einfach sehr gut.“
Nur die ersten anderthalb Jahre nach der Geburt gab es in der Familie eine klare Rollenteilung. „Steffi ist damals zu Hause geblieben, ich bin arbeiten gegangen“, erinnert sich Kürten. Heute ist es andersherum. „Ich glaube, das unterscheidet uns von heterosexuellen Paaren, in denen der Mann sagt: nee, du bleibst jetzt zu Hause. Bei uns ist das auf Augenhöhe“, sagt sie.
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