Ein Großteil der Besucher im voll besetzten Birdland-Jazzkeller war diesmal wohl vor allem wegen Sängerin Nina Plotzki gekommen. Diese dunkel gefärbte, latent verführerische und voluminöse Stimme in einer eigenen Hommage an große Jazz-Interpretinnen wie Ella Fitzgerald oder Shirley Horn zu hören, das versprach einen besonderen Konzertgenuss.
Plotzki kündigte sich, mit etwas Selbstironie, als „Nina und ihre Jungs“ an. Kann man etwas flapsig so formulieren. Aber das geht am Kern dieses bemerkenswerten Abends haarscharf vorbei. Da war nicht eine Chefin mit vier sehr guten Begleitern am Werk. Die wirklich aufregenden Momente, die musikalische Tiefe und eine nicht selten hinreißende improvisatorische Qualität kamen eher von den „vier Jungs“ über die Rampe als von der Bandleaderin und Sängerin Nina Plotzki. Bei Vincent Bourgeyx (Klavier), Dave O’Higgins (Saxofon), Darryl Hall (Bass) und Jason Brown (Schlagzeug) kann man wirklich von „All Stars“ sprechen.
Vollblut-Jazzer auf internationalem Spitzenniveau im Neuburger Birdland
Die vier Instrumentalisten sind Vollblut-Jazzer auf internationalem Spitzenniveau. Sie können die Sängerin, wenn sie etwa die Ballade „Wild is the Wind“ oder den Song „Voice like an open Sky“ mit lyrischer Intensität und starker Emotion aussingt, elegant und mit einer lächelnden Leichtigkeit begleiten. In diesen Passagen zeigt sich, was ein zurückhaltender, um die Fallstricke der Dynamik wissender Schlagzeuger wie Jason Brown wert ist. Und ein Pianist wie Vincent Bourgeyx, der den noblen Sound des Bösendorfer-Flügels wie eine zweite Gesangsstimme zelebriert.
Der Saxofonist Dave O’Higgins, vom Habitus her der perfekte britische Gentleman und musikalisch vom ersten Ton an eine kleine Offenbarung, macht mit dem lässig hochkonzentrierten Bassisten Darryl Hall ein tolles Quartett vollzählig. Diese Vierergruppe führt auf die schönste Weise vor, was die nur scheinbar so einfache Kunst des Begleitens bedeuten kann. In diesen Momenten wurde klar, was da bei größeren solistischen Passagen noch kommen könnte.
Und es kam Großes. In Titeln wie „On a clear day“ stellt O’Higgins ein nicht technisch, aber musikalisch atemberaubendes Solo in das Kellergewölbe, mit sprühender improvisatorischer Lust und mit einer sonoren, weichen, betörenden Tongebung. Und das ohne Brimborium. In kerzengerader Haltung – aber eben nicht steif und kühl, sondern anrührend und fast betörend. Ein ähnlicher musikalischer Typus ist mit Vincent Bourgeyx am Flügel zu Gange. Auch er verzichtet auf turnerische Übungen oder exaltiertes Minenspiel, er entwickelt seine hoch kreativen, oft frappierenden Exkursionen über die 88 Tasten hinauf und hinunter aus einem nicht hell auflodernden, dafür aber kontinuierlich wärmenden inneren Feuer heraus.
Die Sängerin wird von ihren Jungs in Neuburg auf Händen getragen
Diese Qualitäten sind in Songs wie „Two for the World“ oder „The Social Call“ und „Love Me, Love Me“ zu erleben. Die Sängerin Nina Plotzki kann auf diesem musikalischen Fundament wie auf einem edlen Teppich schreiten, sie wird von ihren vier Jungs, wenn man so will, auf Händen getragen. An Vielfalt der Klangfarben, der Stimmführung und der emotionalen Abstufungen bleibt sie jedoch ein Stückchen hinter den Instrumentalisten zurück. Die meisten ihrer Lieder bewegen sich – bei durchaus starker Qualität – in einer nicht sehr weitgefassten Bandbreite der sängerischen Möglichkeiten.
Was eine absolute Gleichwertigkeit auf Topniveau hervorbringen kann, auch das war an diesem Abend zu hören. Die zu Herzen gehende Ballade „Sweet Lorraine“ im Duo zwischen Kontrabass und Sängerin war ein Höhepunkt dieses Jazz-Events. Eine berührende musikalische Geschichte, im traumhaft sicheren Zusammenwirken von menschlicher Stimme und Kontrabass-Sound. Cantabile und dolce in perfekter Ausführung.
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