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Serie

30.04.2015

Von Wäschetrocknern und geklauten Stiften

Bauarbeiten im ESV-Stadion: Vor der ersten Saison des FC Ingolstadt in der 2. Liga zog der Verein um. Beim Spatenstich für die neue Tribüne legen Harald Gärtner (Zweiter von links) und Peter Jackwerth (rechts) Hand an.
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Bauarbeiten im ESV-Stadion: Vor der ersten Saison des FC Ingolstadt in der 2. Liga zog der Verein um. Beim Spatenstich für die neue Tribüne legen Harald Gärtner (Zweiter von links) und Peter Jackwerth (rechts) Hand an.

In den ersten Jahren des FC Ingolstadt verliefen manche Interviews noch kurios. Warum Andreas „Zecke“ Neuendorf gesperrt wurde und man im Millerntor-Stadion in St. Pauli auf Ohrenstöpsel nicht verzichten sollte

Das Kind, das aus der Ehe zwischen den beiden maroden Fußballvereinen ESV und MTV Ingolstadt geboren wurde, ist Erwachsen geworden. Die alten Zöpfe sind abgeschnitten. Der FC Ingolstadt, der nach der Fusion 2004 in der Fußball-Bayernliga in Ingolstadt eine neue Epoche einleitete, steht bereits in seinem elften Jahr kurz vor dem Aufstieg in die Bundesliga. Von Anfang an und bis heute mit dabei ist unser Mitarbeiter Roland Geier, der in dieser Zeit viel erlebte. In unserer fünfteiligen Serie erzählt er von einigen Höhepunkten. Teil 2: In der ersten Saison in der 2. Liga 2008/2009 passierte doch einiges Kurioses, auch wenn die Schanzer letztlich direkt wieder abstiegen.

Ingolstadt Als Peter Jackwerth bei seiner ersten Pressekonferenz des FC Ingolstadt verkündete, man werde „in drei Jahren in der 3. Liga spielen“, erntete der Macher des Vereins Gelächter und wurde als größenwahnsinnig bezeichnet. Doch dieser Traum wurde gar übertroffen. Bereits in der vierten Saison standen die Schanzer in der 2. Fußball-Bundesliga.

Um das Spielrecht dafür zu bekommen, musste der FC Ingolstadt in das marode ESV-Stadion umziehen. Auf den Rängen wucherte Kniehoch das Unkraut. Keine geeignete Flutlichtanlage, keine Rasenheizung, es fehlte an allen Ecken und Enden. Doch in einem wahren Kraftakt wurde das Stadion der ehemaligen Eisenbahner zweitligatauglich gemacht. Doch vieles war dabei ein Provisorium.

Heute nicht mehr denkbar waren die Arbeitsbedingungen von uns Journalisten. Interviews mit Trainer Thorsten Fink konnte man noch zwischen den brummenden Waschmaschinen und rotierenden Wäschetrocknern führen. Aber es kam auch vor, dass man das ein oder andere Mal in „Resi Kicks Wohlfühloase“ sogar zum Frühstück eingeladen wurde und dabei fachsimpelte. Was durchaus angenehm war. Es ging familiär zu.

Auch sportlich verlief das erste Jahr in der 2. Liga nicht ohne Highlights, um nur ein paar herauszupicken. Maßgeblich beteiligt war dabei Andreas „Zecke“ Neuendorf, der durch seine Fannähe den FCI-Anhängern ins Herz gewachsen war. In seinem letzten Spiel und Abschied von der Schanz präsentierten die FC-Fans ein selbstgemaltes Porträt von „Zecke“ mit dem Spruchband: „Er kam, sah und spielte sich in unsere Herzen.“ Der Berliner wurde zur Schanzer-Lichtgestalt.

Unvergessen ist sein 1:1-Ausgleich in der Münchner Allianz Arena in der Schlussphase im Derby gegen die Löwen. Die Schlagzeile danach: „Die Zecke hat zugebissen.“ Der Publikumsliebling der Schanzer ging mit der Aktion „Stiftklau“ auch in die Zweitligageschichte ein. Im DFB-Pokalspiel gegen den Hamburger SV beschwerte sich „Zecke“ vehement bei Schiedsrichter Dr. Jochen Drees, der dann die Rote Karte zog. Zum Notieren kam der allerdings nicht mehr. Zecke hatte ihm den Stift geklaut. Zwei Spiele Sperre im DFB-Pokal und zwei für die Pflichtspiele in der Liga waren für diesen Geck sicherlich zu hoch. Mit dem Schild: „Zecke, schenk mit dein Trikot“, war der Berliner Rotschopf ständig gefordert und er hatte da eine ganz ausgefallene Methode. Er stellte den Jungs eine Rechenaufgabe. Wer sie am schnellsten löste, war der glückliche Gewinner. Durch einen 3:2-Sieg im bayerischen Derby gegen die Kleeblätter aus Fürth führten die Schanzer nach dem ersten Spieltag die Tabelle der 2. Liga an. Ein einmaliges Erlebnis, wie sich spätestens am 34. Spieltag herausstellte. Der direkte Wiederabstieg in die 3. Liga war besiegelt.

Aber es war alles in allem eine ereignisreiche Saison. Allein schon das alte Millerntor-Stadion des FC St. Pauli mit seinem Charaktermerkmal, dem Flutlichtmasten, war für mich als Berichterstatter die lange Reise wert. Warum einige Fotografen Ohrstöpsel trugen, wurde mir schnell klar. Beim Einlauf der Mannschaften ertönten fünf Glockenschläge, da dröhnte die Schädeldecke, ehe man Gänsehaut pur bei der Einlaufmusik von Hell Bells von AC/DC verspürte. Und was die Pauli-Fans, wenn man damals durch den Spielertunnel in den Innenraum gelangt war, da geraucht hatten, war nur unschwer zu erahnen!

Und da war auch noch Rot-Weiß Ahlen. Wer hätte gedacht, dass die damaligen Ahlener Marco Reus und Kevin Großkreutz nur ein paar Jahre später beim BVB den internationalen Durchbruch schaffen würden.

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