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Wohnungsbau
23.09.2022

Bund und Länder: Ziel von 400.000 neuen Wohnungen

Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD), nimmt an einer Pressekonferenz teil.
Foto: Marijan Murat, dpa

Das Ziel von 400 000 neuen Wohnungen jährlich war schon vor dem Krieg in der Ukraine ambitioniert. Nun explodieren die Preise, Baumaterial fehlt, die Zinsen steigen. Zeit, den Plan neu zu definieren?

Trotz dunkler Vorzeichen in der Baubranche wollen Bund und Länder am Ziel von 400.000 neuen Wohnungen pro Jahr festhalten. "Das Ziel ist das Ziel. Und das Ziel ist ja keine politische Erfindung, sondern abgeleitet vom Bedarf", sagte Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) am Freitag nach der zweitägigen Bauministerkonferenz in Stuttgart. Zuvor hatten Vertreter von Industrie und Gewerkschaften Zweifel an den Plänen angemeldet.

Es sei klar, dass es mit dem Fachkräftemangel, steigenden Zinsen und den Materialengpässen nicht einfacher werde, sagte Geywitz weiter. Die Anstrengungen müssten nun intensiviert werden. Während es zuletzt zwar deutlich weniger Bauanträge für Einfamilienhäuser gegeben habe, sei aber auch ein Anstieg der Anträge bei Mehrfamilienhäusern verzeichnet worden. Dazu komme ein Bauüberhang von 847.000 Wohnungen - das sind Wohnungen, die genehmigt, aber noch nicht fertig sind.

Konferenzvorsitzende Nicole Razavi (CDU), die Bauministerin von Baden-Württemberg, warnte vor einer dramatischen Lage am Wohnungsbau. Lieferengpässe, steigende Energiepreise, Baupreise und Zinsen sowie der Arbeitskräftemangel sorgten für eine toxische Mischung. Sie sprach von einer Zeitenwende beim Bauen und Wohnen. "Die Krise gefährdet die wohnungspolitischen Ziele von Bund und Ländern."

Die Ressortchefs der Länder prognostizierten in einer gemeinsamen Erklärung, "dass auch in diesem Jahr über 200.000 Wohnungen in Deutschland fertiggestellt werden und damit für einen Bezug zur Verfügung stehen". Diese Zahl ergebe sich aus den in den Vorjahren erteilten Baugenehmigungen und den geplanten Bauvorhaben. Die Bauminister bekräftigten, dennoch an der Zielmarke von 400.000 Wohnungen, darunter 100.000 Sozialwohnungen, pro Jahr festhalten zu wollen. 2021 waren rund 293.000 neue Wohnungen fertig geworden.

Dass sich die Lage am Bau eintrübt, machten am Freitag auch Zahlen des Statistischen Bundesamts deutlich: Demnach verzeichnete das Bauhauptgewerbe im Juli wegen gestiegener Preise zwar ein höheres Auftragsvolumen als ein Jahr zuvor. Preisbereinigt (real) lag der Auftragseingang jedoch um 5,8 Prozent niedriger. Für die ersten sieben Monate dieses Jahres zusammen ergibt sich real ein Rückgang bei den Auftragseingängen um 3,8 Prozent zum Vorjahreszeitraum.

Der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes hatte schon zuvor von kräftigen Einbußen bei den Auftragseingängen berichtet. Das Ziel von 400.000 neuen Wohnungen sieht der Verband in weiter Ferne. Der Chef der Gewerkschaft IG BAU, Robert Feiger, nannte das Vorhaben gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND/Freitag) "sportlich und ambitioniert". Um es zu erreichen, müsse das Bauministerium die staatlichen Wohnungsbaumittel verdreifachen.

Wie bei solchen Fachministerkonferenzen üblich, formulierten die Bauminister auch mehrere Forderungen an die Bundesregierung: So müsse der Bund etwa die Fördermöglichkeiten für Sozialwohnungen flexibler machen, beim energieeffizienten Bauen nicht nur auf die Dämmung einzelner Häuser schauen und möglichst die Kosten für eine Wohngeldreform alleine tragen. Auch ein konkreter Beschluss sprang heraus: Die Abstandsvorgaben für Solaranlagen auf Dächern sollen reduziert werden. Damit sei der Weg frei, um etwa auf Reihenmittelhäusern mehr Solaranlagen zu platzieren.

Der Neubau in Deutschland ist wegen Lieferengpässen bei Material, stark steigender Preise und teureren Finanzierungen ins Stocken geraten. Projektentwickler, die ganze Wohnungs- oder Gewerbeareale planen, halten sich zurück, da sie kaum noch kalkulieren können. Auch private Hausherren sagen wegen Kostensteigerungen Bauvorhaben ab. Im Wohnungsbau kommt es vermehrt zu Stornierungen, beobachtet das Münchner Ifo-Institut.

Der Preisanstieg bei Wohnimmobilien setzte sich im zweiten Vierteljahr fort. Häuser und Wohnungen verteuerten sich das fünfte Quartal in Folge um mehr als zehn Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Von April bis Juni stiegen die Preise für Wohnimmobilien im Schnitt um 10,2 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, wie das Statistische Bundesamt am Freitag mitteilte. Allerdings verlangsamte sich der Preisanstieg etwas.

Angesichts steigender Bauzinsen, teurer Baustoffe und Lieferengpässen erwarten Experten eine Abschwächung des seit mehr als zehn Jahren andauernden Immobilienbooms in Deutschland. Das Hamburger GEWOS-Institut für Stadt-, Regional- und Wohnforschung rechnet damit, dass der Umsatz mit Immobilien dieses Jahr um sieben Prozent auf 313,5 Milliarden Euro fallen wird - das wäre demnach der stärkste Rückgang seit dem Jahr 2009, nach Ausbruch der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise.

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