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Ellwangen/Nördlingen

30.06.2020

300 Millionen Euro für Varta: Wie der Konzern-Chef sie nutzen will

Herbert Schein, Vorstandsvorsitzender der Varta AG, will mit den Fördermillionen die Energiedichte der Lithium-Ionen-Zellen erhöhen und die Produktion am Konzernsitz in Ellwangen und im nordschwäbischen Nördlingen ausbauen.
Bild: Varta AG

Plus Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier will die deutsche Batterieindustrie stärken. Am Dienstag übergibt er den ersten Förderbescheid. Was in Nördlingen mit den Förder-Millionen geschieht.

Vier Räder, zwei Achsen, ein Lenkrad: Verbrenner und Elektroautos haben vieles gemein. Eines aber gewiss nicht: die Batterie. Und in dieser stecken nach Zahlen der Bundesregierung 40 Prozent der Wertschöpfung. Bislang entsteht sie quasi ausschließlich in Asien - und auch in anderen Zukunftsmärkten gilt die Batteriezelle als Schlüsseltechnologie. Deshalb soll Deutschland bei der Batterieproduktion unabhängig werden. So will es Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier ( CDU) und stellt daher mehr als 1,5 Milliarden Euro Förderung für ein deutsches Batteriekonsortium zur Verfügung. Nun ist klar: Der Ellwanger Batteriekonzern Varta erhält davon 300 Millionen Euro. Zwei Drittel fließen in den Hauptstandort in der baden-württembergischen Stadt. Mit den restlichen 101,5 Millionen Euro unterstützen Bund und Freistaat den Standort im nordschwäbischen Nördlingen.

Varta ist Teil eines europäischen Batterie-Konsortiums

Hinter den Kulissen der EU war hart um das Programm gerungen worden, bevor sie im vergangenen Dezember grünes Licht gab für ein europäisches Batterie-Konsortiums, bestehend aus 17 Unternehmen aus sieben EU-Staaten. In Deutschland gehören neben Varta auch BMW, BASF, Opel und Umicore dazu. Das Vorhaben gilt als „Important Projekt of Common European Interest“, einem Projekt von gemeinsamen europäischen Interesse. Deshalb darf – anders als bei gewöhnlichen Subventionen – auch Geld in den Aufbau der Produktion fließen, statt nur in Forschung und Entwicklung.

Am Dienstag übergeben übergeben Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, die Wirtschaftsministerin Baden-Württembergs, Nicole Hoffmeister-Kraut, und der Wirtschaftsminister des Freistaates Bayern, Hubert Aiwanger, in Ellwangen den Förderbescheid. „Wir zünden heute die nächste Stufe der Batteriezellfertigung in Deutschland“, wird Altmaier in einer gemeinsamen Mitteilung der drei Ministerien zitiert. Erste Batteriekomponenten würden bereits in Deutschland produziert. „Nun machen wir den nächsten Schritt hin zur Großserie bei Batteriezellen für automobile und industrielle Anwendungen.“ Von Bayerns Wirtschaftsstaatssekretär Roland Weigert heißt es: „Wir müssen jetzt in neue Marktchancen investieren.“ Der Aufbau der Batteriefertigung in Deutschland bringe auch die Möglichkeit mit sich, weniger von Importen abhängig zu sein.

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Was der Varta-Vorstandsvorsitzende in Nördlingen und Ellwangen plant

Doch was soll konkret geschehen mit den 300 Millionen Euro? Varta-Vorstandsvorsitzender Herbert Schein sagte im Gespräch mit unserer Redaktion: „In Nördlingen werden wir eine Erhöhung der Energiedichte um 30 Prozent bis Jahresende umsetzen und in die Massenproduktion überführen, parallel bauen wir in Ellwangen eine Pilot-Produktionslinie für größere Lithium-Ionen-Zellen.“ Diese Projekte ergänzten sich, betonte er. „Die großformatigen Zellen werden zunächst in Varta-Energiespeichern, aber auch in Robotern und fahrerlosen Transportsystemen eingesetzt.“ Eine weitere Anwendung ist denkbar: „Für die Elektromobilität sind Ladezeiten, Energie sowie vor allem die Langlebigkeit der Batteriezellen entscheidend. Aufgrund dessen ist unsere Technologie auch für die Automobilindustrie sehr interessant“, sagte Schein.

Ein Problem der batterieelektrischen Autos: Wiegt ein gefüllter Benzintank vielleicht 60 Kilogramm, soll ein Batteriepack des Tesla Model S satte 600 Kilogramm auf die Waage bringen. Die Lösung: Die Energiedichte der Batterie soll steigen. Sprich: mehr gespeicherter Strom pro Kilogramm Akku.

Insgesamt wolle man im Laufe des Projekts die Energiedichte der Zellen um insgesamt 50 Prozent erhöhen, betonte Schein. „Gerade in der Elektromobilität könnten durch höhere Energiedichten entweder die Reichweiten verlängert werden oder mit kleineren Batterien und geringerem Gewicht die Effizienz erhöht werden“, ergänzte er.

Einen Widerspruch zur bayerischen Wasserstoffstrategie, die etwa die Errichtung von 100 Wasserstofftankstellen in Bayern enthält, sieht Schein nicht: „Die Batterie- und Wasserstofftechnologie wird sicherlich einhergehen. Ein Auto, das mit Wasserstoff betrieben wird, braucht eine leistungsstarke Batterie für den Antrieb.“ Das sei ein Schwerpunkt der Forschung von Varta. „Es wird auf den Straßen bunter werden, was den Antrieb angeht.“

Varta stockt seine Belegschaft massiv auf

In den vergangenen drei Jahren hat sich der Wert der Varta-Aktie fast verfünffacht. Ähnlich in die Höhe wuchsen in den vergangenen Monaten hohe Betonsäulen, die in Nördlingen ein neues Varta-Produktionsgebäude tragen sollen. Auf zwei Etagen mit insgesamt 15.000 Quadratmetern sollen dort ab dem ersten Quartal 2021 Lithium-Ionen-Knopfzellen produziert werden. In diesem Bereich verzeichnet Varta enorme Wachstumsraten. Das Unternehmen beliefert Premium-Hersteller von kabellosen Kopfhörern wie Apple und Samsung. In den kommenden zwölf Monaten will Varta seine Belegschaft um 1000 Mitarbeiter aufstocken. Insgesamt arbeiten derzeit rund 4000 Beschäftigte für den Konzern.

Die Anwendung ändert, die Technologie ähnelt sich: Varta will am Erfolg mit den kleinen Zellen für die Unterhaltungselektronik anknüpfen und auf dem Markt mit den großen Batterien Fuß fassen. Im Vergleich mit Asien herrschen in Deutschland ein hohes Lohnniveau und strenge Vorschriften, doch Schein zeigt sich selbstbewusst: „Wir haben bereits bewiesen, dass wir eine profitable Massenproduktion von Lithium-Ionen-Zellen in Deutschland aufbauen können.“ Allein in den vergangenen Jahren habe das Unternehmen seine Produktion mehr als verdoppelt. Varta investiere im Zuge des Projekts selbst weitere 300 Millionen Euro und wolle seine Produktion weiter massiv ausbauen. „Der Fokus für die Zellenproduktion sind unsere deutschen Standorte Ellwangen, Nördlingen und Dischingen.“

Energiespeicher fürs Zuhause gelten als Wachstumsmarkt

Bald schon sollen die ersten großen Batterien in Ellwangen vom Band laufen – wenn die Pilot-Linie in Betrieb ist. Sie landen dann zunächst in Varta-Energiespeichern, die zurzeit noch einen geringen Anteil des Konzern-Umsatzes ausmachen, aber als Wachstumsmarkt gelten. „Mit dem Auslaufen der hohen Einspeisevergütungen wird es attraktiver den Strom selbst zu verbrauchen, anstatt ihn ins Netz einzuspeisen“, erklärt der Manager. Dadurch rechne man mit einem Nachfrageschub. „Die CO2-Bepreisung wird unser Geschäft unterstützen“, sagte er auf Nachfrage.

Der Klimaschutz jedoch kollidiert bei der Lithium-Ionen-Technologie mit anderen Interessen: Regelmäßig stehen Produzenten in der Kritik, weil ihr Kobalt insbesondere im Kongo unter gefährlich Bedingungen und oft mithilfe von Kinderarbeit gewonnen wird. Amnesty International etwa klagte vergangenes Jahr: „Obwohl diese Problematik mittlerweile bekannt ist, vernachlässigen Elektronik- und Autohersteller wie BMW, Volkswagen und Daimler weiterhin ihre menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten bei der Kontrolle der Kobalt-Lieferketten.“

Der Varta-Vorstandsvorsitzende sieht gerade bei der Umweltfreundlichkeit einen Vorteil gegenüber Wettbewerbern: „Es ist für uns ein wichtiger Punkt, dass Batterien nachhaltig sind.“ Der Kobaltgehalt der Zellen werde gesenkt, Schwermetalle seien komplett aus den Batterien verbannt worden, der Abfall und Energieverbrauch bei der Produktion werde minimiert.

Varta steht im internationalen Wettbewerb

Varta befinde sich in einem Technologiewettlauf mit amerikanischen und asiatischen Unternehmen, die seit langem massiv unterstützt würden. „Ich will in Deutschland keine Industrie, die nur mit Fördermitteln profitabel ist.“ Diese Förderung stelle jedoch nur Chancengleichheit im internationalen Wettbewerb her. „Wir hätten unsere Produktion auch ohne Fördermittel weiter ausgebaut, aber mit ihnen sind wir schneller – und diese Geschwindigkeit ist notwendig.“

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