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Missbrauch

27.02.2018

Alltägliche Gewalt in Donauwörther Kinderheim

Im ehemaligen Kloster Heilig Kreuz war früher neben anderen Einrichtungen auch ein Kinderheim untergebracht. Nach und nach melden sich immer mehr Augenzeugen, die von Misshandlungen und anderen fragwürdigen Behandlungen dort berichten.
Bild: Barbara Würmseher

Ehemalige Bewohner und Mitarbeiter zeichnen ein fürchterliches Bild vom Leben in der Einrichtung der Stiftung Cassianeum. Immer mehr Betroffene melden sich.

 Es klingt aus heutiger Sicht unglaublich, was die früheren Bewohner des Kinderheims der Pädagogischen Stiftung Cassianeum in Donauwörth von ihrer Zeit dort berichten. Körperlische und seelische Gewalt sollen demnach ebenso wie Kollektivstrafen zum Alltag in dieser Einrichtung gehört haben, die 1977 geschlossen wurde. Im Zentrum des Skandals steht neben einigen Erzieherinnen auch der Pfarrer und damalige Kinderheim-Leiter Max Auer. Das Ganze kam nun ans Licht, weil es zwei Schwester, ehemalige Heimkinder, publik machten, die in den 60er Jahren in der Einrichtung unterkamen und eigentlich Schutz finden sollten vor Gewalt in der Familie. Das Bistum Augsburg hat den beiden Schwestern und einem dritten Opfer Entschädigungen für das erlittene Leid gezahlt (wir berichteten). Seit Freitag haben sich drei weitere Betroffene bei der Opferbeauftragten der Diözese gemeldet.

Aufgrund der Berichterstattung über das Thema meldete sich unter anderem Hans*, der von 1955 bis 1958 in dem Heim lebte, bei unserer Zeitung. Auch er berichtet von gewalttätigen Übergriffen. „Besonders schlimm war eine Erzieherin. Die anderen waren in Ordnung“, sagt er. Frau H. allerdings habe „wie eine Weltmeisterin geprügelt.“ Auch habe er es immer wieder erlebt, dass Kinder ihr Erbrochenes essen mussten und Kinder, die eingenässt hatten, anschließend noch zwei Tage in dieser Bettwäsche schlafen mussten.

In besonders schlechter Erinnerung hat er auch den damaligen Leiter des Jugendamtes in Donauwörth. „Der hat den Kindern mit voller Wucht ins Gesicht geschlagen und sie für Arbeiten ausgenutzt und vermietet“, so habe er es erlebt. „Als Vormund für alle Kinder hatte er sehr viel Macht. Ich musste in seinem Auftrag beispielsweise Kohlenbeim Händler abholen und zum Landratsamt schleppen.“

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Körperlich und seelisch misshandelt von „Tante V“

Fast 40 Jahre lang – von 1960 bis 1999 – war Pater Anton Karg als Rektor der benachbarten Knabenrealschule und als Internatsleiter von Heilig Kreuz tätig. Der heute 84-Jährige lebt inzwischen im Augustiner-Chorherren-Stift Rebdorf in Eichstätt. Obwohl seine Wirkungsstätten in Heilig Kreuz nicht nur organisatorisch sondern auch räumlich vom Kinderheim getrennt waren, befanden sie sich doch in unmittelbarer Nachbarschaft unter demselben Dach des großen Gebäudekomplexes. Deshalb hat er auch mitbekommen, dass Kinderheim-Leiter Max Auer sein Regiment mit mit strenger Hand führte. „Zwischen uns und Max Auer hat es immer Spannungen gegeben“, schilderte er jetzt unserer Zeitung. „Er hat sich nicht reinreden lassen, ist seinen eigenen Weg gegangen. Wir konnten da keinen Einfluss nehmen.“ Dann und wann hat Karg damals von Schlägen gehört, hat sich aber immer auch auf die Hiltruper Ordensschwestern verlassen, die damals das Personal im Kinderheim stellten. „Die Misshandlungen sind einzig von Max Auer ausgegangen“, hat Pater Anton Karg in Erinnerung, „die Klosterfrauen waren da umso herzlicher und haben vieles wieder ausgeglichen.“

Das deckt sich nicht ganz mit den Aussagen von Hans und den beiden Schwestern, die den Missbrauch aufdeckten. Laut deren Schilderungen waren neben Max Auer auch weitere Mitarbeiter beteiligt. Die beiden Frauen sagen, dass sie damals besonders stark von „Tante V“, körperlich und seelisch misshandelt worden seien. „Gewalt gab es mehr, als man ertragen kann. Ständig die körperliche Anspannung, die Angst, grundlos eine Ohrfeige, einen Schlag auf den Rücken, eine Kopfnuss oder Tritte von Erzieherinnen und anderen Kindern zu bekommen, macht einen fertig. Man ist nur noch in Habacht-Stellung. Man wusste nicht, wer Freund oder Feind war“, äußerte eine der Schwestern in einem Interview mit dem Humanistischen Pressedienst.

Prügel nach der Beichte?

Über die Jahre hinweg gab es offenbar auch einige Veränderungen in dem Kinderheim. Die Schwestern berichten davon, dass Pfarrer Auer die Beichte abgenommen und die Kinder anschließend direkt verprügelt habe. Die Darstellung wiederum hat Hans überrascht, als er davon las. „Wir waren direkt an die Stadtpfarrei Zu unserer lieben Frau angegliedert und sind auch dorthin zum Beichten gegangen. Max Auer hat bei uns nie eine Beichte abgenommen.“

An sehr fragwürdige Erziehungsmethoden erinnert sich auch eine Bewohnerin des Landkreises, die sich aufgrund der Berichterstattung bei unserer Zeitung gemeldet hat. Sie arbeitete Anfang der 70er Jahre als Vorpraktikantin während ihrer Ausbildung zur Erzieherin im Kinderheim Heilig Kreuz. Von Misshandlungen weiß sie nichts. Sie erlebte aber Umstände, an die sie heute noch mit Bestürzung zurückdenkt.

Sie spricht von einer völlig überfüllten Gruppe, zu wenig Personal und davon, dass die Kinder weitgehend sich selbst überlassen waren. Auch die pädagogischen Methoden fand sie befremdlich: „Während die kleineren Kinder mittags ins Bett geschickte wurden, mussten die größeren Kinder, also die etwa fünf- bis sechsjährigen, an einem Tisch sitzend schlafen.“ Die Gesamtumstände, so die Erzieherin, „waren wirklich abschreckend.“

Genauso schlimm sei die hygienische Situation gewesen, so die Pädagogin. Sie habe verwahrloste Mädchen und Buben erlebt und auch Läuse seien ein großes Problem gewesen. Hans hingegen, der fast 20 Jahre zuvor im Heim lebte, sagt, zu seiner Zeit sei alles sauber gewesen. „Putzen war Teil der Strafmaßnahmen, die wir verrichten mussten.“

Der jetzige Vorsitzende der Pädagogischen Stiftung Cassianeum, Peter Kosak, hat derweil Betroffene aufgefordert, sich entweder bei der Missbrauchsbeauftragten der Diözese Augsburg oder direkt bei der Stiftung zu melden. Wichtig wäre es ihm aber auch, mit früheren Heimbewohnern oder Zeitzeugen von damals in Kontakt treten zu können.

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