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Neue RN-Serie: Folge 1

13.01.2020

Als der Bürgermeister im Wohnzimmer die Trauung vollzog

Ein Büro hatten die Bürgermeister auf den Rieser Dörfern einst nicht. Stattdessen wurde das Schild „Wohnung des Bürgermeisters“ am Wohnhaus angebracht. Paare wurden auch im Wohnzimmer getraut.
Bild: Johann Strauß

Plus Im Ries hatten fast alle Dörfer vor der Gebietsreform einen eigenen Bürgermeister. Der hatte vielfältige Aufgaben.

Bis zur Gebietsreform 1972 hatten in Bayern und damit auch im damaligen Landkreis Nördlingen fast alle Dörfer ihren eigenen Bürgermeister, der mit seinem Gemeinderat die Geschicke der Gemeinde lenkte. Er war überall und jederzeit unmittelbarer Ansprechpartner für die Mitbewohner seines Dorfes. Da brauchte es weder Amtszimmer noch Öffnungszeiten eines „Büros“.

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Am Bauernhaus zeigte ein Schild mit der Aufschrift „Wohnung des Bürgermeisters“ an, wo man bei Bedarf hin musste. Die Wohnstube war dort oft Amts-, Arbeits- und Sitzungszimmer zugleich. Die eigene Familie hatte dann das Feld zu räumen. Die Ehefrau wich meistens in die Küche aus, die Kinder wurden tagsüber nach draußen und abends ins Bett geschickt. Festgelegte Sprechstunden gab es nämlich nicht, obwohl am Sonntag nach dem Gottesdienst die beste Zeit war, den Bürgermeister zu sprechen. Oft kam er dann zu spät oder überhaupt nicht zum Mittagessen. Und die „Frau Bürgermeister“ hatte anschließend auch noch Gang und Stube zu putzen, insbesondere bei schlechtem Wetter bei den früher ungeteerten Straßen und Wegen.

Bürger beschwerten sich häufig über Straßen

Ja, Wege und Straßen waren sehr häufig Gegenstand von Beschwerden und Besprechungen. Hier fehlten ein paar Schaufeln Kies, dort musste der Unterbau mit groben Steinen in Hand- und Spanndiensten erneuert werden, wozu der Bürgermeister dann den „Flur“ herum schickte, der mit seiner Amtsglocke die Neuigkeiten „ausschellte“ um freiwillige Arbeiter zu finden, etwa in diesem speziellen Fall. Der Bürgermeister sollte in jedem Fall aber mit gutem Beispiel vorangehen. Das wurde einfach erwartet.

Als der Bürgermeister im Wohnzimmer die Trauung vollzog

Der Bürgermeister im Dorf war aber auch der Standesbeamter, der nach erfolgreicher Teilnahme an einem mehrtägigen Kurs und laufenden Schulungen am Landratsamt personenbezogene Vorgänge bearbeiten und dokumentieren durfte, ja sollte. Die Geburt eines Kindes zeigte meist der Vater beim Bürgermeister an.

Der Bürgermeister stellte die Sterbeurkunde aus

Bei Todesfällen musste man den vom Arzt ausgestellten Totenschein vorbei bringen; darauf stellte der Bürgermeister die Sterbeurkunde aus. Einer Trauung ging etliche Wochen vor der geplanten Hochzeit die Aufgebotsbestellung der Hochzeiter voraus, denn diese musste vor der standesamtlichen Hochzeit und diese wiederum vor der kirchlichen Vermählung stattfinden. Die „Frau Bürgermeister“ legte dann auf dem Wohnzimmertisch eine neue, weiße Decke auf und stellte einen Blumenstrauß, im Winter auch einen blühenden Blumenstock, meistens auch einen Kerzenleuchter dazu. Im „Sonndehäs“ hielt der Bürgermeister seine Rede und vollzog die Trauung. Mit Brief und Siegel ging es anschließend für das Brautpaar und die Trauzeugen auf direktem Weg zum Gotteshaus zur kirchlichen Trauung.

Einen Großteil der Bürgermeisterarbeit machte das Schriftwesen aus, das Erstellen von Statistiken, das Ausfüllen und Unterschreiben von Anträgen, Schreiben an die verschiedensten Ämter und Behörden, das Einholen von Angeboten bei Handwerkern und Firmen, was in den meisten Fällen handschriftlich erledigt wurde. Manche Bürgermeister aber hatten schon eine Schreibmaschine, mit der sie „im Adler-such-System“ die Formulare ausfüllten.

Aber einmal pro Woche konnten die Bürgermeister auf dem Landratsamt Hilfe erwarten. Mit dem Fahrrad, aber auch mit einem Motorrad, später sogar mit einem Auto fuhren sie in die Kreisstadt und besuchten den Landrat und die einzelnen Abteilungen. Nach Erledigung der Amtsgeschäfte kehrte der Bürgermeister mit seinen Kollegen in einem Nördlinger Wirtshaus ein und tauschte sich mit ihnen aus. Zufrieden mit sich und der Welt ging es am Nachmittag wieder zurück ins Dorf, wo die „Frau Bürgermeister“ ihren Mann in Haus und Hof vertreten hatte.

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