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Rieskrater

07.07.2018

Als die Rieser in Höhlen lebten

Reste der 1907/08 entdeckten steinzeitlichen Schädelbestattung am Eingang der Großen Ofnethöhle bei Holheim zeigte eine Postkarte vom Anfang des 20. Jahrhunderts.

Noch vor 5,3 Millionen Jahren war der Rieskrater an der Oberfläche nicht sichtbar. Dann kam die Eiszeit und Höhlen entstanden. Der Mensch kam erst deutlich später.

Noch im Miozän (Ende vor 5,3 Millionen Jahren) wurde die Kraterhohlform des Rieskraters durch die Sedimente des Ries-Sees mit ihrem auf 80 Kubikkilometer geschätzten Volumen so aufgefüllt, dass an der Oberfläche kein Krater mehr sichtbar war. Die wesentlichen Strukturen des Meteoritenkraters waren also über einen Zeitraum von circa 10 Millionen Jahren unter der Decke der Sedimentfüllung vor Abtragung geschützt.

Mit dem Pleistozän (vor 2,6 bis 1,8 Millionen Jahren) begann das Eiszeitalter. Die weitere Heraushebung der Alpen ließ die „Albtafel“ (Schwäbisch-Fränkische Alb) und weite Teile Süddeutschlands pultartig kippen. Dadurch wurden die jungen, wenig verfestigten Sedimente durch Flüsse wie Brenz, Kessel, Wörnitz, Eger und andere abgetragen. Der Lauf der großen Entwässerungssysteme von Main und Donau wurde in die heutige Position gebracht. Zahlreiche Flüsse und Bäche begannen die Aufschüttungsebene zu zerschneiden und abzutragen und formten so ein immer stärkeres Relief von Tälern und aufragenden Bergrücken. Es entwickelte sich das schwäbische Schichtstufenland mit der heute vertrauten Schwäbischen Alb, und auch die Umrisse der beiden Meteoritenkrater Nördlinger Ries und Steinheimer Becken wurden wieder frei gelegt. Die Erosionsvorgänge erfassten im Ries auch die Seeablagerungen. Die harten Riesseekalke wurden herauspräpariert, und nach und nach zeichneten sich die ersten Erhebungen in der Riesebene ab.

Die klimatische Abkühlung führte dazu, dass die Jurakalke durch Sicker- und Grundwasser chemisch gelöst wurden. Durch diesen, als Verkarstung bezeichneten Prozess entstanden die großen, bekannten Höhlen der Schwäbisch-Fränkischen Alb: Im Gebiet des Rieses entstanden kleinere Karsthöhlen wie die Ofnethöhlen bei Holheim, die Hexenküche im Kaufertsberg bei Lierheim, die Hohlensteinhöhle bei Ederheim und weitere. Im Pleistozän waren diese Höhlen wichtige Anlaufpunkte, an denen Steinzeitmenschen Schutz suchten oder saisonale Lagerplätze fanden.

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Während des Pleistozäns waren die Böden des Rieses zeitweise tiefgefroren. Nur in den Sommermonaten erwärmten sich die obersten Bodenschichten. Dies führte zu einer stark durchnässten Auftauzone und schon bei geringer Hangneigung Fließerde. Besonders dort, wo mächtige bunte Breccie mit ihren Tonen und Gesteinsbrocken vorkam, fand an den Hängen ein langsames Abwärtsgleiten statt, das zu flächenhaften Umlagerungen führte. Gletscher spielten dabei keine Rolle. Die alpinen und norddeutschen Gletscher reichten nicht bis in die Region.

Zu dieser Zeit vor rund 40 000 Jahren, also in der Altsteinzeit, begannen Menschen die Höhlen der Schwäbischen Alb zu bewohnen. Dichter und hoher Wald existierte nicht. Neben Tundren- und Steppengräsern mit Silberwurz kamen vereinzelte „Bauminseln“ aus Zwergbirken oder Zwergweiden vor. Und es gab gefährliche Wildtiere: Mammuts, Wollnashörner, Riesenhirsche, Säbelzahnkatzen, Hyänen oder Bären. Die Menschen jagten unter anderem Wildpferde, Wildschweine oder Hasen, daneben ernährten sie sich von Kräutern und Beeren. Die Höhlen der Alb und des Rieses gaben nicht nur Schutz vor Tieren, sondern auch vor Wind, Kälte, schlechtem Wetter und vor Überfällen fremder Stämme – allerdings nicht immer: Am Beginn des Holozäns (circa 9700 Jahre vor Christus) ereigneten sich an den Ofnethöhlen grausame Massaker: Die Menschen wurden mit Steinbeilen erschlagen. Davon zeugen die gefundenen Schädelnester am Höhleneingang der Ofnethöhlen.

Kalte Winde aus dem Alpenraum brachten Windsedimente ins Ries, die sich als fruchtbarer Löß in der Ebene und in Form von Sanddünen am Riesrand (zum Beispiel bei Wemding und Gosheim) ablagerten. Zusätzlich brachte die Wörnitz Sand aus den fränkischen Gebieten mit. Der gelbbraune, kalkreiche Löß hat aus dem Nördlinger Ries die „zweite Kornkammer Bayerns“ entstehen lassen. Erst die Eiszeit brachte folglich die Fruchtbarkeit ins Ries.

Am Ende der letzten Eiszeit, vor 15000 bis 10000 Jahren, erhielt die Landschaft des Rieses den heutigen, unverkennbaren landschaftlichen Wesenszug. Die waldlose Tundra wurde langsam von niedrigem Birkenwald und dieser, vor etwa 5000 bis 7000 Jahren, von einem Eichen- und Hainbuchenwald abgelöst. Unser heutiger Wald hat hier seinen Ursprung.

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