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Wallerstein

24.08.2020

Altenpflege im Landkreis Donau-Ries: Heimplatz dringend gesucht

Insgesamt zwölf Pflegeheime gibt es im Landkreis Donau-Ries. Dort einen Platz zu bekommen, kann mitunter schwierig sein.
Bild: Oliver Berg/picture alliance (Symbolbild)

Plus Immer mehr Menschen aus dem Landkreis müssen stationär versorgt werden. Doch in den Einrichtungen fehlt es an Pflegeplätzen und Fachkräften. Eine Angehörige berichtet von der beschwerlichen Suche nach einem neuen Zuhause.

Lange war im Leben von Rudolf und Elisabeth Schneid alles so, wie es sein sollte. Ein kleines Häuschen in Wallerstein, er im Männerchor, sie Bergführerin beim Deutschen Alpenverein. Ein aktives und lebenslustiges Ehepaar, das seit dem Renteneintritt jedes Jahr an Ostern zum Klettern nach Norditalien fuhr. Das im Garten mit den Enkeln spielte und abends gerne mit Freunden zusammensaß. Bis zu jenem Morgen vor drei Jahren, an dem Rudolf Schneid aufwachte und feststellen musste, dass er sich nicht mehr an den Vortag erinnern konnte. So schlich die Krankheit in das Leben der Schneids.

Der Landkreis Donau-Ries wird immer älter. Die Zahl der Einwohner in der Altersgruppe der 65-Jährigen wird von etwa 26.900 im Jahr 2018 bis 2030 auf über 34.900 steigen, wie aus einer Bevölkerungsprognose des Landratsamtes Donau-Ries aus dem Jahr 2018 hervorgeht. Das bedeutet auch: Immer mehr Menschen müssen künftig stationär gepflegt werden; der Druck auf die Einrichtungen wächst.

Im Landkreis Donau-Ries gibt es zwölf stationäre Pflegeheime

An einem Tag im August dieses Jahres sitzt Elisabeth Schneid in ihrem Wohnzimmer auf einem Holzstuhl. Der Sommerregen prasselt gegen das Fenster. „Rudi und ich haben immer gewitzelt, dass wir im Alter den ganzen Tag auf der Terrasse sitzen und die Vögel beobachten werden“, sagt sie und blickt hinaus in den Garten. Die stummen Anfälle, eine Art von Epilepsie, wurden vor sieben Monaten so schlimm, dass Rudolf Schneid ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Dort machte eine Oberärztin Elisabeth Schneid schnell klar, dass ihr Mann wohl nie mehr nach Hause kommen könne, dass sie ein neues Zuhause für ihn würde finden müssen. Ein extrem schwieriges Unterfangen, wie Elisabeth Schneid rückblickend sagt.

Bild: David Holzapfel

Im Landkreis Donau-Ries gibt es laut einer Pflegebedarfsprognose des Landratsamtes aus dem Jahr 2019 zwölf Pflegeheime mit insgesamt 1000 stationären Pflegeplätzen. Die Auslastungsquote dieser Einrichtungen lag im vergangenen Jahr bei durchschnittlich 95 Prozent. Weiter berichten die Verantwortlichen von Belegungsproblemen aufgrund von Personalmangel.

Fachkräftemangel ist auch im Landkreis Donau-Ries ein Problem

Der viel zitierte Fachkräftemangel – im Pflegebereich ist er schon lange zu einem ernsten Problem geworden. Auch im Landkreis Donau-Ries: Aus der Prognose des Landratsamtes geht hervor, dass in stationären Einrichtungen im Jahr 2019 durchschnittlich zwei Azubi-Stellen unbesetzt blieben. In anderen Abteilungen ist die Situation ähnlich.

Elisabeth Schneid begann die Suche nach einem Pflegeheim für ihren Mann kurz nach dessen Einweisung ins Krankenhaus. Die Ärzte verwiesen sie ein Stockwerk höher, zum angegliederten Sozialdienst. Die Frau dort, sagt Schneid, sei schnell zu Sache gekommen, habe nach der Höhe ihrer Renten gefragt und ihr mitgeteilt, dass sie mit einer Selbstbeteiligung zwischen 2.300 und 2.600 Euro pro Monat rechnen müssten. „Wenn sie den Betrag nicht aufbringen können, müssen sie halt ihr Auto oder das Haus verkaufen“, soll die Frau weiter gesagt haben. „Ich bin aus allen Wolken gefallen und wusste nicht, wie mir geschieht“, sagt Schneid.

Schneid: "Die Lage für viele Pflegebedürftige und deren Partner ist prekär"

Die Selbstbeteiligungskosten für einen stationären Pflegeplatz schwanken im Landkreis je nach Pflegegrad zwischen 1.700 und 2.700 Euro. Das geht aus dem sogenannten „Pflegelotse“, einem Internetangebot des Verbands der Ersatzkassen (vdek) hervor. Zusatzleistungen wie Fußpflege oder Einzelzimmer kosten extra. Eine Garantie für einen Heimplatz in der Nähe der Angehörigen gibt es nicht. Für Elisabeth Schneid ist dies ein untragbarer Zustand. Sie sagt: „Die Lage für viele Pflegebedürftige und deren Ehepartner ist prekär.“

Im Haus der Schneids. Auf dem Wohnzimmertisch ausgebreitet liegen Dutzende Dokumente und Rechnungen. An den Wänden hängen gerahmte Fotos, sie zeigen das Ehepaar bei einer gemeinsamen Klettertour in Slowenien, zeigen Rudolf Schneid, wie er auf einem Felsvorsprung sitzt und verschmitzt in die Kamera grinst. Bis die Krankheit vor einem Jahr schlimmer wurde, war das Ehepaar noch regelmäßig in den Alpen unterwegs. „Berge und Musik waren alles für uns“, sagt Elisabeth Schneid. Ihr Mann habe 49 Jahre als Mechatroniker gearbeitet und Steuern gezahlt. „Er hat seinen Generationenvertrag erfüllt. Und jetzt, wo er selber etwas braucht, kriegt er quasi nichts.“ Rudolf Schneid erhält rund 1.100 Euro Rente im Monat. Um die Selbstbeteiligungskosten für seinen Pflegeplatz aufbringen zu können, muss seine Frau einen großen Teil aus eigener Tasche beisteuern.

20 Pflegeheime, 19 Absagen

Bei insgesamt 20 Pflegeheimen hatte Elisabeth Schneid sich nach einem Platz für ihren Mann erkundigt – und 19 Absagen erhalten. Für sie kam erschwerend hinzu, dass Rudolf Schneid aufgrund seiner Erkrankung eine geschlossene Einrichtung braucht. Eine solche zu finden, sagt Schneid, sei sehr schwierig. In Gundelfingen wurde sie Ende April schließlich fündig.

Um ihren Mann zu besuchen, legt Elisabeth Schneid nun jedes Mal rund 100 Kilometer zurück; drei bis viermal pro Woche macht sie das, manchmal mit dem Auto, manchmal mit dem Fahrrad.

Umgang der Gesellschaft mit dem Tod

Ein Grund für die Missstände im Pflegebereich, sagt Schneid, sei der Umgang unserer Gesellschaft mit dem Tod. „Von Sterben und Krankheit wollen viele Menschen einfach nichts wissen.“ Die Denkweise habe sich gewandelt. Wo Familien früher in Mehrgenerationen-Haushalten zusammengelebt hätten, sei der Trend heute gegenläufig. „Das Alter verschwindet aus dem Sichtfeld der Menschen.“

Schneid wird wohl nie wieder gemeinsam mit ihrem Mann auf der Terrasse sitzen und die Vögel im Garten beobachten. Sie sagt: „Aber ich bin froh, dass er ein behütetes, neues Zuhause gefunden hat.“ Sie wünscht sich, dass es künftig mehr stationäre Pflegeplätze im Landkreis geben wird und auch, dass diese bezahlbarer werden.

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